Chinesen können nicht „Nein“ sagen – um ein Hintertürchen offen zu halten

Von 30. August 2013 Aktualisiert: 30. August 2013 10:30

 

„Können die Chinesen nicht ´Nein´ sagen?“ Als mir Sophie neulich auf einer Party diese Frage stellte, habe ich gelacht, denn zu sagen, was man denkt, wird in China eher als dumm betrachtet. Sophie ist eine frisch gebackene Uni-Absolventin, die vor kurzem einen Job in einem internationalen Konzern in München bekommen hat. Sie hatte mir gesagt, dass ihre Arbeit unter anderem den Kontakt mit China beinhalte. Damals antwortete ich: „Oh, es wird spannend!“

Inzwischen hat sie offenbar einiges an „Spannendem“ erlebt. Auf der Party berichtete sie mir über ihre Erfahrungen mit Chinesen. „Ich habe etwa eine halbe Stunde lang mit einem Chinesen telefoniert und das Gespräch hat sich nur im Kreis gedreht. Ich wollte nur wissen, ob er ein bestimmtes Problem schon bearbeitet hat, konnte aber mit seinem Wortschwall nichts anfangen. Ich war so frustriert, dass ich mit der Hand auf den Schreibtisch geschlagen habe.  Meine Kollegen kennen solche Situationen offenbar schon und erklärten mir, dass die Chinesen nicht ‚Nein´ sagen können.“

Können die Chinesen nicht „Nein“ sagen?

Zum Thema Kommunikationsschwierigkeiten mit Chinesen denke ich, dass man die Geschichte des Landes nicht außer Acht lassen darf. China steht seit mehr als 60 Jahren unter der Führung der Kommunistischen Partei. Während der Kulturrevolution haben Menschen ihr Leben verloren, weil ihre Kollegen, Freunde, Schüler oder sogar die eigenen Kinder sie verraten haben. Auch heute werden in China Menschen verhaftet, die in ihrem Blog kritische Äußerungen geschrieben haben. Gerade jetzt gibt es wieder eine große Welle von Verhaftungen unter den Bloggern, wie verschiedene Medien melden. Meinungsfreiheit und zwischenmenschliches Vertrauen haben in dieser Atmosphäre von Furcht und Denunziantentum eher Seltenheitswert. Eigentlich ist es daher kaum verwunderlich, dass die Chinesen eine eigenartige Denkweise haben. Zu sagen, was man denkt, wird in China eher als dumm betrachtet.

Ich kann mich gut an meine Erziehung erinnern. Von Kindheit an haben meine Eltern mir gesagt, dass es sehr wichtig sei, „sich immer ein Hintertürchen offen zu halten“. Was bedeutet, Klarheit zu vermeiden. Es ist eine traurige Tatsache, dass die Fähigkeit, sich immer herauszuwinden in China zu einer überlebenswichtigen Kunst geworden ist. Ein eindeutiges Nein passt nicht zu dieser Denkweise.

Ja-Sager im Geschäftsleben

Wie wirkt sich diese Folge der „Parteikultur“ im Geschäftsleben in China aus? Ich habe den Eindruck, dass einige Chinesen grundsätzlich von der Feindseligkeit anderer Menschen ausgehen, solange das Gegenteil nicht bewiesen ist. Sie erwarten, dass sich jeder einen Vorrat an „Schneebällen“ im Kühlschrank anlegt, die er bei Bedarf werfen kann. Diese Schneebälle können zum Beispiel Informationen über Fehler oder Äußerungen anderer sein.

Während eines China-Besuchs traf ich einen alten Schulkameraden, der seit einigen Jahren in einem staatlichen Konzern arbeitete. Wir hatten uns für Sonntagmittag in einem Restaurant verabredet. Er kam jedoch mit Verspätung, weil ein Kollege ihn am jenem Morgen plötzlich in der Firma treffen wollte. „Ein dringendes Problem?“ fragte ich ihn, als er erschien. „Nein, unwichtig“ antwortete er. Ich war überrascht und fragte ihn „Es ist doch Sonntag, warum hast du das Treffen nicht abgesagt?“ Mein Schulkamerad erklärte: „Wer weiß, was für Gerüchte durch eine Absage später in der Firma verbreitet werden.“ Was für mich nach Paranoia aussah, ist jedoch eine Strategie, die grundsätzlich vermeiden will, anderen Munition zu liefern.

Wenn es bei Kollegen schon so schwer ist, Nein zu sagen, dann ist es erst recht undenkbar, dass ein Chinese seinem Chef widerspricht. Während meiner China-Reise habe ich meinen Freunden über mein Studium in Deutschland erzählt. In einer mündlichen Prüfung hat der Professor bei der letzten Frage das Prinzip einer Anlage falsch beschrieben und mich nach meiner Meinung gefragt. Ich habe geantwortet: „Nein, das stimmt nicht…“ Ich denke im Nachhinein, dass diese Antwort zu meiner sehr guten Note geführt hat. Als ich meinen Freunden in China diese Geschichte erzählte, waren sie alle erstaunt. Dem Professor zu widersprechen, das war für sie unvorstellbar.

Vorauseilender Gehorsam

Eine Sprachblockade beim Nein-Sagen ist bei weitem nicht alles, was die Kommunikation mit Chinesen erschwert. Wenn Meinungsfreiheit ein Fremdwort ist, sind die Hemmungen, jemanden nach seiner Meinung zu fragen, ebenfalls groß. Ein Deutscher würde in manchen Fällen sicher vorauseilenden Gehorsam diagnostizieren.

Ein Beispiel kann diese Hemmungen möglicherweise verdeutlichen. Ling, die Personalleiterin eines großen Konzerns, erzählte mir von einem Vorstellungsgespräch. Von etwa 500 Bewerbern hatten es drei Personen in die letzte Runde geschafft. Ihre Frage an sie war: „Stellen Sie sich vor, Sie sind Assistent des Personalleiters. Es wird ein neuer Abteilungsleiter eingestellt. Zwei Mitarbeiter dieser Abteilung kommen in Frage. Einer hat große Arbeitserfahrung und der andere ist jung mit großem Potenzial. Ihr Chef verlangt von Ihnen, mit den beiden zu reden. Wie würden Sie diese Situation bewältigen?“

Ling beschrieb mir die Reaktionen der Bewerber. Alle nahmen erstens an, dass die Entscheidung bereits gefallen war. Zweitens glaubten einige sogar zu wissen, wer die Stelle bekommen wird. Und drittens nahmen sie an, dass es in dem Gespräch darum gehen sollte, den beiden die Entscheidung mitzuteilen und den Verlierer gegebenenfalls zu beruhigen und zu motivieren. Die erwartete Antwort war jedoch: „Ich würde den Chef fragen, worum es in diesem Gespräch gehen soll“.

Ling meinte, dass eine solche Haltung dem Konzern bereits geschadet habe. Viele Mitarbeiter haben gehandelt, ohne zu wissen, was genau von ihnen erwartet wurde. Sie trauten sich einfach nicht zu fragen.

Hört sich das alles unvorstellbar an? Nur ein paar Tage, nachdem ich mit Sophie über die Parteikultur in China geredet hatte, geriet ich selber in eine solche Situation. Eine Frau kam zu Besuch und die Chefin war nicht da. Da ich gerade neben der Besucherin stand,  fragte mich eine Kollegin: „Kümmerst du dich um sie?“ Eigentlich habe ich mit Abstand die geringste Erfahrung und es wäre mir viel lieber gewesen, andere Kollegen bei einem solchen Fall zu beobachten und zu lernen. Aber mein Mund schien schneller als mein Kopf zu sein und ich hörte mich antworten: „Ja, mache ich“. Kurz danach musste ich grinsen. Ich dachte dabei: „Oh Nein! Wieder meine chinesische Gewohnheit! Das geht wirklich nicht mehr.“

 

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