Wahlen in China: Wer keine Wahl hat, hat die Qual

Von 19. September 2013 Aktualisiert: 19. September 2013 15:20

Wenn ein Chinese nicht nach Deutschland kommt, weiß er nicht, dass Chinesisch zu können etwas Besonderes ist. In China spricht ja sogar jedes Kind fließend Chinesisch. Wenn ein Chinese nicht ins Ausland kommt, weiß er auch nicht, dass es etwas völlig Normales ist, zur Wahl zu gehen. Denn in China geht ja keiner hin. Die meisten reden noch nicht einmal darüber.

Ich werde nie vergessen, wie meine Mutter darauf reagiert hat, als ich ihr erzählte, ich würde zur Wahl gehen. Es war das erste Mal in meinem Leben, und es war hier in Deutschland.

Nicht lange nach meiner Einbürgerung in Deutschland kam hier die Bundestagswahl 2005. Meine Mutter, damals 65 Jahre alt, war gerade aus China zu Besuch bei uns.

Ich erzählte ihr, ich hätte einen Wahlbrief bekommen und würde auch auf jeden Fall zur Wahl gehen. Es würde das erste Mal sein, dass ich eine Partei wählen kann, und zwar nach meiner eigenen Meinung. Als Besitzerin eines chinesischen Passes hätte ich dieses Recht nie gehabt. „Ja, stimmt. Wir sind noch nie zur Wahl gegangen“, murmelte meine Mutter wie im Selbstgespräch. Sie wurde nachdenklich.

Ich war fassungslos. Was?! 65 Jahre lang und sie hatte noch nie darüber nachgedacht, dass sie noch nie zur Wahl gegangen war? Dabei ist meine Mutter nicht jemand, dem es an Bildung gemangelt hätte. Sie hat studiert und war eine Dozentin an der Uni.

Dann dachte ich ein wenig über die ganze Sache nach und schaute auf mein eigenes Leben zurück. Eigentlich sollte ich meine Mutter gut verstehen. Mit 23 Jahren kam ich nach Deutschland, fünf Jahre, nachdem ich volljährig geworden war und das Wahlrecht bekam. Aber auch mir war nicht einmal bewusst, dass ich nach der chinesischen Verfassung eigentlich das Recht hatte, gewählt zu werden und andere zu wählen.

China: Wer nicht wählen kann hat schon gewählt

Was mir und meinen Gleichaltrigen im Fach Politik in der Schule und in der Uni eingetrichtert wurde, war: Das chinesische Volk hat die Partei ausgewählt; die Partei vertritt die Interessen des Volkes. Punktum. Damit ist unser Wahlrecht erledigt, weil „das chinesische Volk“ – theoretisch mich eingeschlossen – schon die Wahl getroffen hat, vor vielen, vielen, vielen Jahren, als ich noch nicht auf die Welt gekommen war.

Wenn ich jetzt mit meiner Mutter aus China am Telefon auf das Thema „Wahlen“ komme, seufzt und fragt sie: Wann können wir auch wählen gehen?

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