Basler Zeitung: „Wer Gauland für einen neuen Hitler hält, sollte dringend seine Medikamente nehmen“

Von 7. September 2018 Aktualisiert: 7. September 2018 20:36
Der Blick von außen: In einem Kommentar für die BAZ macht René Zeyer seinem Unmut über einen operettenhaften Antifaschismus deutscher Politiker und Medien im Zusammenhang mit den Ereignissen von Chemnitz Luft. Er wirft ihnen eine Verhöhnung tatsächlicher Naziopfer vor.

Böse Zungen behaupten, die Fähigkeit zur Selbstkritik gehöre nicht unbedingt zu den charakteristischen Merkmalen deutscher Politik – und noch weniger treffe dies auf den deutschen Qualitätsjournalismus zu. Die meinungsstarke Begleitung der letztwöchigen Ereignisse von Chemnitz durch deutsche Leitmedien war so gut gemeint, dass mehrere Formate mittlerweile verlegen von einigen übereifrigen Darstellungen zurückrudern mussten.

Auch im Ausland bleiben die sonderbaren Eigendynamiken im deutschen Journalismus nicht unbemerkt. Wieder einmal sind es Schweizer Zeitungen, deren Wahrnehmung von außen so gar nicht mit jener konformgehen mag, die den deutschen Medienkonsumenten in „Tagesschau“, „Spiegel“ oder „Süddeutsche“ erwartet.

Wer sich ausschließlich aus deutschen Leitmedien informiert, und der Großteil der deutschen Bevölkerung tut dies nach wie vor, hatte ein klares Bild vor Augen: Was sich in Chemnitz abspielte, was nichts weniger als die Wiederauferstehung des Nationalsozialismus. Ein „Lynchmob“ (FAZ) habe in Chemnitz gewütet, die Lage dort sei „außer Kontrolle“ (Süddeutsche) und wenn schon nicht das „Ende der Welt“, das der „Spiegel“ einst mit der Trump-Wahl in den USA kommen sah, so steht doch zumindest die zweite Machtergreifung der Nazis in Deutschland kurz bevor.

Nur ein „Aufstehen gegen rechts“, zu dem Außenminister Heiko Maas dankenswerterweise aufruft, könne Deutschland noch retten. Der in letzter Minute vollzogene Schulterschluss aller Demokraten – also von linksextremen Pöbelcombos bis zum Bundespräsidenten – konnte immerhin das Schlimmste vorerst noch einmal abwenden. Dem „Tagesschau“-Zuschauer wird vorübergehend Entwarnung zuteil. Aber das Böse schläft nicht.

Mischung aus „German Angst“ und Gehirnstarre

Der in Berlin geborene Schweizer Publizist René Zeyer ist auch irritiert. Allerdings weniger über die – in letzter Minute abgewendete – Dämmerung des Vierten Reiches in Form der Demonstrationen von AfD und Pegida nach dem Mord an einem 35-Jährigen durch als gewaltaffin bekannte Ausländer in Chemnitz.

Zeyer nimmt in seinem Kommentar „Die Welt als Wille und Wahn – Wie der Journalismus und die Intellektuellen sich selbst abschaffen“ vielmehr Anstoß an der Art und Weise, wie deutsche Publizisten, Analysten und Politiker die Ereignisse aufarbeiteten. Dass sie es bei der Analyse politischer Ereignisse in Deutschland mittlerweile kaum noch unterhalb eines finalen Entscheidungskampfes zwischen Demokratie und Hitler-Faschismus machen, empfindet der Schweizer Journalist als ein Ärgernis.

Das Problem sieht Zeyer weniger in einer tatsächlichen neonazistischen Bedrohung Deutschlands, Europas und damit am Ende unweigerlich auch der Schweiz, sondern in einem inflationären Umgang mit Hitler- und Nazi-Bezügen durch deutsche Medien. Für ihn stellt sich die Situation so dar:

„Was in Deutschland stattfindet, ist eine Mischung aus dem, was im englischen Sprachraum die ‚German Angst‘ heißt, und einer in Schnappatmung und Gehirnstarre verfallenden deutschen Publizistik.“

Die einzigen beunruhigenden Verbrechen, die bislang zu konstatieren seien, sind, so Zeyer weiter, „Denk- und Sprachverbrechen“. Dass nicht alles, was hinkt, ein Vergleich ist, fasst er in folgenden Worten zusammen:

„Denn in Chemnitz tobt nicht der Lynchmob, wer die AfD wählt, wählt nicht die Nazis. Die aktuelle BRD hat nichts mit der Weimarer Republik zu tun, und wer Gauland – vielleicht wegen seines Namens – für einen neuen Hitler hält, sollte dringend seine Medikamente nehmen. Das gilt auch für Trump, obwohl der Spiegel bereits die Machtergreifung des Faschismus in den USA beklagt.“

Der Junge, der „Wolf“ schrie

Explizit kritisiert der ehemalige Auslandskorrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung“ dabei auch den deutschen Außenminister Heiko Maas. Dieser mache sich als unermüdlicher Mahner gegen rechts „gleich zweimal zur Witzfigur“, weil er auch die Konfrontation mit den USA offenbar als antifaschistischen Akt begreift – auch wenn dies bedeutet, sich etwa in der Frage des Atomvertrages auf die Seite des Irans zu stellen.

Die allgegenwärtigen Beschwörungen einer Wiederkehr der Nazis erinnerten an einen Schwimmer, der immer wieder „Hilfe, ich ertrinke“ rufe, den herbeieilenden Rettern dann eine lange Nase drehe und im tatsächlichen Ernstfall ertrinke, weil ihm niemand seine diesmal echten Hilferufe glaube.

Dass überall in der westlichen Welt Protestparteien Erfolge feierten, auch wenn sie in vielen Bereichen keine ausgereiften eigenen Lösungsvorschläge zur Verfügung hätten, sei nicht dadurch bedingt, dass diese „Rechtspopulisten“ seien, was ohnehin einen inhaltslosen Kampfbegriff darstelle. Es liege daran, dass die traditionellen politischen Kräfte viele Probleme und Sorgen immer breiterer Bevölkerungsschichten gar nicht erst berücksichtigten.

Mit einem Ende der Demokratie oder mit Faschismus habe dies allerdings nichts zu tun. Vielmehr stelle der allgegenwärtige Vergleich aktueller Ereignisse mit dem historischen Nationalsozialismus und dessen Gräueltaten eine unerträgliche Verhöhnung der damaligen Opfer dar. Zum Schluss schreibt Zeyer den selbstberufenen nachträglichen Hitlerverhinderern in heutigen deutschen Medien ins Stammbuch:

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„Wer in Chemnitz von einem Lynchmob spricht, weiß nicht, was ein Lynchmob ist. Wer jeden AfD-Wähler zum Nazi macht, weiß nicht, was ein Nazi ist. Wer Sarrazin zu einem Ideologen des rassenreinen Ariertums macht, hat keine Ahnung, was ein solcher Ideologe denkt, sagt und schreibt. Wer vorschnell ‚Nazi‘ ruft, ist genauso dumm wie der Idiot, der die Hand zum Hitlergruß erhebt.“

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