Schloss Sanssouci in Potsdam.Foto: Janstoecklin / wikipedia

Der kultivierte Mensch – Das Konzertzimmer Friedrich des Großen

Von 10. Mai 2022 Aktualisiert: 5. Mai 2022 17:19
Als „Traum der deutschen Kunstgeschichte“ gilt das Konzertzimmer des Rokokoschlosses Sanssouci in Potsdam. Doch was hat dieser prachtvoll gestaltete Raum mit menschlichen Trieben und dem Beherrschen seiner Affekte zu tun? Dr. Samuel Wittwer gibt spannende Einblicke in einen Traum aus Weiß-Gold und die Gedankenwelt Friedrichs des Großen zur Zeit des preußischen Rokoko.

Schloss Sanssouci in Potsdam ist Weltkulturerbe und wohl das berühmteste aller Preußenschlösser. Unter Friedrich dem Großen erbaut fungierte es als dessen Sommersitz. Friedrich II. war dort von Ende April bis Anfang Oktober anzutreffen. Es war mehr intimes Wohnschloss als repräsentatives Gebäude, das seinen privaten Bedürfnissen entsprechen sollte. Das Schloss war nur für den König und von ihm ausgewählte Gäste konzipiert.

„Wir befinden uns hier auch in seiner Privatwohnung“, erklärt Dr. Samuel Wittwer, Direktor der Schlösser und Sammlungen der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG), während er eines der kostbar ausgestatteten Empfangszimmer des „kleinen“ Schlosses an den Weinbergterrassen betritt. Davon gibt es nämlich gleich zwei, denn „wollte man zum König, musste man immer warten“, schildert Wittwer auf einem seiner virtuellen Rundgänge, an denen Kunstinteressierte unter dem Hashtag #Schlossbesuchdigital auf Social Media – fast als wäre man live dabei – teilnehmen können.

Der 55-jährige Schweizer Kunsthistoriker trägt heute mit seinem Team die Verantwortung für 22 Schlösser und bezeichnet dies als „absoluten Traumjob“. Mit der Begeisterung, die ihm schon von klein auf innewohnt, versteht es „der Schlossherr“ in lebendiger Sprache, den Zuhörern die vielfältigen Gegenstände und Raumausstattungen aus dem 18. Jahrhundert nahezubringen.

Das prachtvolle „sogenannte zweite Empfangszimmer“, „der bedeutendste Raum des Preußischen Rokoko“, mit überbordenden Goldstuckaturen ausgeschmückt, hatte, wie er weiter ausführt, noch eine weitere Funktion. Es war zugleich das Musikzimmer des Königs. Hier fanden seine Hauskonzerte statt. „Friedrich war ja ein leidenschaftlicher Musiker, hat sehr viel komponiert und muss auch ein sehr guter Flötenspieler gewesen sein“, sagt Wittwer. Residierte er in den Sommermonaten im Schloss, „dann hat er hier jeden Abend um 18 Uhr ein kleines Privatkonzert gegeben“. Im Raum befindet sich auch ein seinerzeit modernes Hammerklavier. Obendrauf platziert ist eine Querflöte, die tatsächlich eine Flöte von Friedrich dem Großen ist.

Der Raum ist in seiner Gestaltung recht einnehmend und in seiner Schönheit überwältigend. „Man sieht viele wilde Ornamente, die Oberfläche ist wahnsinnig bewegt. Es gibt kaum richtige Flächen, alles ist dynamisch“, fasst Wittwer in Worte, was ansonsten wohl nur vor Ort erlebbar und spürbar ist.

Vom Pech der Liebe und menschlichen Trieben

Dennoch sei in all der Dynamik eine Gliederung erkennbar. Man könnte auch sagen ein inhaltliches Konzept, das mit den menschlichen Trieben zu tun hat:

Eingelassen in die Vertäfelung sind fünf große Gemälde von Hofmaler Antoine Pesne, die Paare und Menschen zeigen. Die Geschichten dahinter seien nachzulesen bei dem antiken Autor Ovid. Sie behandeln die „Metamorphosen“, also die Verwandlungen, sagt Wittwer. Ovid erzählt in diesen Geschichten „das große Pech der Liebe“. Es ginge oft darum, „dass Liebe im Spiel ist“ und es dennoch nicht klappt oder nicht passt.

So stellt eines der Gemälde, „Pan und Syrinx“, dieses Pech in der Liebe besonders gut dar. Der Naturgott Pan erspäht eine Nymphe und will ihr zu Leibe rücken, um seinen schändlichen Trieb an ihr auszuleben. Die Götter haben Erbarmen mit ihr und verwandeln die Nymphe in Schilfrohr. „Pan schneidet das Schilfrohr ab und macht daraus die Panflöte.“

Wesentlich sei in dem Zusammenhang, dass es in diesem wie auch in den anderen Gemälden des Zimmers um Liebe und den Trieb, in diesem Fall den Sexualtrieb gehe, es aber kein gutes Ende nehme, erklärt Wittwer.

Richtet man den Blick staunenden Auges gen Decke, entdeckt man in den Hohlkehlen, also den Übergängen von Wand zur Decke, prachtvolle Jagdszenen in Gold. Putten, ausgerüstet mit Jagdhörnern und Netzen, jagen mit der Unterstützung von Hunden Hasen hinterher.

„Jagd ist auch ein menschlicher Trieb – da geht es nicht primär ums Töten, sondern um Ernährung“, sagt Wittwer. Man müsse jagen und Wild erlegen, um essen zu können. Es seien hier also wieder Triebe im Spiel.

Atemberaubend ist auch die weitere Deckengestaltung. Goldenes Weinlaub umrankt Gitterwerk, die sogenannten Treillagen, die man auch vom Park Sanssouci kennt, ausgebildet wie vier Türme. Diese reichen von den Ecken der Decke und gipfeln schließlich in einem Spinnennetz im Zentrum der Decke, wo üblicherweise eine Rosette zu finden wäre.

„Sieht man sich das genauer an, entdeckt man Parallelen“, so Wittwer. Das Spinnennetz habe, wie auch die Treillagen, eine gitterartige Struktur. Der Unterschied liege darin, dass das eine die Natur, nämlich die Spinne, geschaffen habe, das andere der Mensch. „Der Mensch ist in die Rolle des Schöpfers getreten.“ Es handele sich um einen „Dialog zwischen Natur und Kultur“. Doch was hat das alles nun mit dem Triebhaften zu tun?

Im Rokoko wollte man seine Triebe beherrschen

Wittwer erklärt es folgendermaßen: „Das 18. Jahrhundert, insbesondere die Zeit des Rokoko, ist eine Zeit der Beherrschung am Hof. Je beherrschter eine Person ist, je mehr sie ihre Affekte und Triebe unterdrücken kann, umso perfekter wird sie. Man muss sich unter Kontrolle haben.“

Um ein Mensch der Kultur zu werden, sei dies ein wesentlicher Schritt, und in der gehobenen Gesellschaft, im Adel, noch ganz besonders wichtig. Da sei keine Geste zufällig, alles eine Pose und einstudiert wie beim Ballett, so Wittwer. Man habe alles in Ordnung gebracht, indem man den Trieb unterdrückte. Die wunderbare Aussage des Raumes über seine eigene Funktion, festgehalten in der Wandoberfläche, sei also, wenn man seine Triebe beherrschen könne und „nicht so wie Pan seinen Trieben folgt, dann kann es sein, dass man zu einem Wesen der Kultur wird“.

Musik – da dies ein Konzertzimmer ist – bestünde laut Wittwer im Grunde genommen aus Tönen, Lärm und aneinandergereihten Lauten. Erst wenn man diese Töne richtig konditionieren, eben komponieren und in die richtigen Verhältnisse setzen würde, entstünde daraus ein Wohlklang, werde daraus Musik und eben Kunst.

„Es ist die Überwindung vom brutalen Lärm und Nebengeräusch. Umgewandelt wird Kunst daraus.“ Friedrich habe diese Fähigkeit, aus etwas Natürlichem durch das Einwirken als Schöpfer Kunst zu machen, ganz besonders zelebriert; in diesem Fall als Komponist oder Flötist.

Weitere Episoden und Führungen finden Sie unter: bit.ly/3OLHQzL oder informieren Sie sich auf der Website der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg: bit.ly/3MMswAS.

 



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