Der Libanon: Schnittpunkt vieler Völker und Kulturen

Von 12. August 2006 Aktualisiert: 12. August 2006 23:18
Baalbek, Tyrus und Byblos in alten Zeiten – Legenden und Wirklichkeiten

Sie sind uns noch im Gedächtnis: die blutigen Bilder des Bürgerkrieges in den siebziger und achtziger Jahren. 1990 wurde der undurchschaubare Konflikt zwischen Christen, Palästinensern, Israelis und unterschiedlichen islamischen Milizen hoffnungsvoll beigelegt. Doch der Friede war trügerisch. Da iranische Mullahs den Libanon als paramilitärischen Brückenkopf gegen Israel missbrauchen, brennt das Land schon wieder. Der Krieg zerstört nicht nur eines der schönsten Länder der Levante, er gefährdet auch die Zeugnisse eines uralten kulturellen Zentrums, dessen Impulse bis nach Europa gewirkt haben.

Fünftausend Jahre blicken uns an

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In der mehr als fünftausendjährigen Geschichte des Landes haben die politischen, religiösen und kulturellen Couleurs mehrfach gewechselt. Ägypter, Griechen, Römer, Araber, europäische Kreuzritter und Türken beherrschten unter anderen nacheinander das Territorium, auf dem seit dem dritten vorchristlichen Jahrtausend die Kanaäer ansässig waren. Die Griechen nannten sie „Phönizier“ und das Land „Phönizien“, was Purpur bedeutet. Von dort kam näm-lich die in der Alten Welt so begehrte rote Farbe, die aus einer Meeresschnecke gewonnen wurde. Man benötigte sie zur Färbung von Textilien. Da sie teuer war, konnten sich nur hohe Würdenträger und reiche Leute purpurne Gewänder leisten. Rot war ein Statussymbol.

Alle Völker, die als Eroberer gekommen waren, herrschten mehrere Jahrhunderte lang, nur die Kreuzritter nicht einmal zwei Jahrhunderte. Und alle hinterließen sie ihre Spuren. Nicht selten liegen sie kreuz und quer übereinander, denn jeder Okkupant hinterließ seine Chiffren auf dem Erbe des vorangegangenen. So entstanden aus phönizischen Heiligtümern erst griechische, dann römische Tempel, daraus byzantinische Kirchen und schließlich islamische Moscheen.

Baalbek: Wo Kain seinen Bruder Abel erschlagen haben soll…

Am eindrucksvollsten lässt sich dieser Wandel in Baalbek beobachten, der großartigsten Ruinenstätte in der Bekaa-Ebene, die die kriegerischen Auseinandersetzungen jetzt hoffentlich unbeschädigt übersteht. Sehr gut erhalten sind die monumentalen Überreste dreier römischer Tempel. Mit dem Bau wurde im ersten Jahrhundert begonnen, und zwar über einer alten semitischen Kultstätte, an die der heutige Ortsname erinnert: Baal ist eine semitische Gottheit und bedeutet Herr. Baalbek heißt also: Herr der Bekaa. Man nimmt an, daß an dieser Stelle in vorrömischer Zeit verschiedene religiöse Vorstellungen zusammengeflossen sind: mesopotamische ebenso wie ägyptische und phönizische. Auch einige Legenden des Alten Testaments sind hier verwurzelt: Kain soll da seinen Bruder Abel erschlagen haben. Noah, so wird überliefert, fand hier seine letzte Ruhestätte.

…entstanden Tempel, Kirchen, Moscheen und Festungen

Als Alexander der Große im vierten vorchristlichen Jahrhundert erschien, wurde der Ort in „Heliopolis“ (Sonnenstadt) umbenannt. Baal wurde dem Sonnengott Helios gleichgesetzt, was sich ohne Umstände machen ließ, weil Baal ohnehin als Gott der Fruchtbarkeit, des Gewitters, des Himmels und der Sonne verehrt wurde. Die Römer, die um die Mitte des ersten Jahrhunderts kamen, identifizierten ihn mit Jupiter, dessen Funktionen sich mit denen Baals und des Helios ebenfalls vereinbaren ließen. „Jupiter Heliopolitanus“ nannten die Römer ihre Baalbeker Gottheit, und sie bauten das Heiligtum drei Jahrhunderte lang zu einem der größten Tempelbezirke ihres Imperiums aus. Dabei blieb von den griechischen Bauten kaum noch etwas übrig. Nachdem im vierten Jahrhundert das Christentum eingeführt worden war, ließ der byzantinische Kaiser Theodosius im Bereich des Tempels, den er teilweise abriss, eine Kirche zu Ehren der Heiligen Barbara errichten, die heute noch in Baalbek verehrt wird. Im sechsten Jahrhundert zerstörte ein Erdbeben fast die gesamte Anlage. Hundert Jahre später entstand auf den Ruinen eine islamische Moschee. Die Kreuzfahrer bauten daraus im 12. Jahrhundert eine Festung. Nach ihnen verfiel das Ganze in der Türkenzeit. Erst 1898 wurde freigelegt, was noch vorhanden war. Vor allem die römischen Tempel wurden seither soweit als möglich rekonstruiert. Baalbek gehört heute zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten im Libanon.

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Die Erfindung der Buchstabenschrift im Reich der Phönizier

Wo so viele Kulturen einander begegnen, sich durchdringen und gegenseitig befruchten, da entstehen zwangsläufig weitreichende Impulse, die in die ganze Welt hineinwirken und sie möglicherweise gar verändern. Ein solcher Impuls war die Erfindung der Buchstabenschrift, die wir den Phöniziern verdanken. Aufbauend auf der ägyptischen Bilderschrift und der mesopotamischen Keilschrift entwickelten sie die Schriftzeichen, aus denen unser Alphabet hervorgegangen ist. Das früheste Zeugnis dieses bedeutsamen Fortschritts wurde in Byblos ge-funden: eine linksläufige Schrift auf einem königlichen Sarkophag und auf Bronzetafeln, die aus der Zeit zwischen 2000 und 1500 v. Chr. stammen dürften. Allerdings hat die Byblosschrift noch 114 Zeichen, viel zu viele für ein Alphabet. Entscheidend ist jedoch, daß die Zeichen keine Bilder mehr waren, sondern abstrakte Symbole. Damit bildete die Byblosschrift den Übergang hin zu unserer Buchstabenschrift, einem der wichtigsten Fundamente unserer Kultur.

Byblos die Wortwurzel von Bibel, Fibel und Bibliothek

Byblos, vierzig Kilometer nördlich von Beirut gelegen, soll, das überliefert ein Mythos, die älteste Stadt der Welt sein. Der Urgott El, Vorgänger und Vater von Baal, gründete den Ort am Anbeginn der Zeiten mit dem Bau eines Heiligtums. Ursprünglich hieß er Gebal. Die Griechen nannten ihn Byblos, möglicherweise nach dem mythischen Mädchen Byblis, das aus Liebe zu seinem Bruder wahnsinnig wurde und sich in eine Quelle verwandelte. Da der ägyptische Papyrus in Byblos verschifft wurde, benannten die Griechen ihr Schreibmaterial nach dem Herkunftshafen. Bei uns ist der Name bis heute in den Wörtern Bibliothek, Bibel und Fibel gegenwärtig. Aber nicht nur Papyrus wurde im Hafen von Byblos verschifft, sondern auch Metalle und vor allem Zedern.

Die Libanonzeder für Tempelbau und Schiffsflotten

Die Libanonzeder ist seit Jahrtausenden berühmt. Deshalb erscheint sie auch im Wappen des heutigen Nationalstaates. Während aber im Altertum riesige Zedernwälder das Land bedeckten, gibt es jetzt nur noch wenige Restbestände. Rücksichtslos wurden im Altertum die Wälder abgeholzt. Salomo baute seinen Tempel aus Zedernholz. Die Ägypter, Griechen und Römer brauchten das Holz zum Bau ihrer Schiffsflotten. Hemmungslos lieferten die Phönizier, was benötigt wurde. Als es dann keine Zedern mehr gab, verödete der Hafen von Byblos, der Boden, auf dem die Wälder gestanden hatten, verkarstete und auch das Klima änderte sich.

Aphrodite und die Adonisröschen

{L:2}Bedeutend blieb Byblos indessen als religiöser Mittelpunkt. Zahlreiche Mythen bestätigen das. Zu den bekanntesten gehören die um den ägyptischen Gott Osiris, der – im Kampf gefallen, von einer Frau beklagt und wiedererweckt – als Symbolfigur für das Vergehen und Erwachen der Natur verehrt wurde. Die Legende will, daß seine Leiche in Byblos gefunden wurde. Daher wurden für ihn jedes Jahr rituelle Feiern veranstaltet, bis sich, durch griechisch-römischen Einfluss, der Osiriskult mit dem Adoniskult vermischte. Auch Adonis galt als Gott des Wachstums. Er kam bei der Jagd durch einen wilden Eber ums Leben. Seine trauernde Geliebte Aphrodite verwandelte die Blutstropfen des Sterbenden in eine Blume, in der er jedes Jahr blühend wiederkehrt. Heute noch findet man im Libanon zahlreiche blutrote Adonisröschen.

Europa – eine mythische Königstochter aus dem Libanon

{R:3}Besonders bemerkenswert ist, daß die mythische Königstochter Europa, die unserem Kontinent ihren Namen gab, aus dem Libanon stammte. Sie war die Tochter des Königs Agenor von Sidon oder von Tyros. Zeus verliebte sich in sie, als er sie am Strand spielen sah. Er nahm die Gestalt eines schönen weißen Stieres an, und als das ahnungslose junge Mädchen zutraulich auf seinen Rücken kletterte, entführte er sie nach Kreta. Da wurde sie seine Geliebte und gebar ihm drei Söhne. Da Zeus verheiratet war und seine Mätresse vor den misstrauischen Augen seiner Frau Hera auf die Dauer nicht verbergen konnte, gab er Europa dem kretischen König Asterios zur Frau. Ein Verhalten, das in Kreisen irdischer Herrscher zahlreiche Nach-ahmer gefunden hat. Asterios adoptierte die Zeus-Söhne. Der älteste hieß Minos. Er wurde der mächtigste König Kretas und prägte eine ganze Epoche, die wir heute die minoische Zeit nennen. Ihre Kultur gelangte über Griechenland und Rom zu uns, und auf ihrem Fundament entwickelte sich das abendländische Wertesystem, ja unsere ganze Zivilisation. Der Mythos bezeugt, daß die Antriebe aus dem Gebiet des heutigen Libanon kamen. Ein lateinisches Sprichwort bestätigt das: ex oriente lux.

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