Rudolf Buchbinder triumphiert als Klangmagier mit Beethoven in Berlin

Von 27. April 2013 Aktualisiert: 27. April 2013 21:26

 

Ein buntgemischtes Publikum, das viel Begeisterung mitgebracht hatte, empfing Pianist Rudolf Buchbinder am Freitag, dem 26. April 2013 im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie.

Der sechste Teil seines Beethoven-Sonatenzyklus startete mit etwas Unruhe im Saal. Doch was der Pianist und seine Zuhörer im Folgenden gemeinsam erleben sollten, war nichts geringeres als der künstlerische Höhepunkt des bisher Gehörten. Große Momente und Sternstunden waren dabei gewesen, doch soviel Glanz, wie Buchbinder diesmal dem Flügel entlockte, war eine neue Dimension.

Über der Grenze des technisch Möglichen

Wer bereits vermutet hatte, dass der Altmeister aus Wien eigentlich ein Zauberer ist, bekam nun den Beweis. Wie Buchbinder mit Klangprojektion arbeitete, grenzte an Magie. Das Klavier ist bekanntlich ein Schlaginstrument, dessen Mechanik bedingt, dass ein einmal angeschlagener Ton nicht mehr beeinflusst werden kann – durch Pedalgebrauch schon, doch nicht, wenn er offen nachhallt. Klangprojektion ist die Fähigkeit eines Musikers, den Klang seines Instrumentes per Intuition nach seinem Wunsch zu lenken und Buchbinder zeigte, dass dies sogar am Klavier möglich ist. Man erlebte das Unfassbare: Der Nachhall einzelner, langgehaltener Töne evolvierte gleichsam zu eigenständigen Wesen, die Klänge verfärbten sich, bogen sich, blühten nach. Am deutlichsten hörte man das in den stehenden Akkorden der Pathétique und den intensiv gesungenen zweiten Sätzen.

Das erste Stück  (Nr. 11 B-Dur op. 22) trug bereits alle Elemente des Abends in sich.

Es waren Triller-Themen, rasante Läufe und Seufzermotive, Fröhlichkeit auf der einen, und virtuos gestaltete Melancholie auf der anderen Seite. Ein Leitmotiv des gesamten Programms waren schlichte und liedhafte Melodien, die elegante Umspielungen und Verwandlungen erfuhren – was im sakralen Finale der Waldstein-Sonate gipfelte.

Den Mittelpunkt des ersten Teil bildete die kurze Sonate Nr. 20 (G-Dur op. 49/2). Weil sie so „leicht“ ist, wird sie öfter Opfer von Klavierschülern. Buchbinder stellte diese kleine heile Welt im Programm vor die Pathétique. Wie sich herausstellte, hatte er Gründe … Federleicht und springend, wie aus einer Spieluhr klangen die beiden Sätze, wobei die Seufzermotive hier im melancholischen zweiten Satz versteckt waren. Diese Musik so ungetrübt erklingen zu lassen, gelingt nur den Größten. Das Publikum war begeistert.

Man merkte, dass der Pianist den Applaus kurz halten wollte. Wahrscheinlich wäre er am liebsten direkt übergegangen zum Anfangsakkord der Pathétique (Sonate Nr. 8 c-moll, op. 13), der mit einer Schwere und Endgültigkeit zuschlug, als wäre danach nur noch Todesstille möglich.

Das große Innehalten

Mit kristallklarem Anschlag und wie der Wind brauste Buchbinder durch die Pathétique, mit dramatischer Klangfülle im Forte, aber stets mit einer Transparenz, die sprachlos machte. Besonders den Nachhall der großen Akkorde und die Schweigepausen im ersten Satz, kostete er als Wissender voll Wagemut aus. Fantastisch, wie er in die Reprise einbog. Aus einem Lauf stürzte der Schicksals-Akkord unhörbar herab und der Zuhörer fand sich plötzlich in dessen Nachhall wieder – bevor die Melodie wie feiner Regen in das Schweigen zu rieseln begann.

Teil zwei des Konzertes begann mit der überwiegend heiteren Sonate Nr. 25 G-Dur op. 79, wo Buchbinder uns mit Leichtigkeit und Spielfreude auf den strahlenden Enthusiamus der Waldstein-Sonate vorbereitete (Nr. 21 C-Dur op. 53). Diese gestaltete er dann als rasanteste Achterbahnfahrt und mit faszinierendem Feinschliff. Ein Charakteristikum des Stückes ist die Verbindung der Extreme – das gleichzeitige Spiel auf den höchsten und tiefsten Tasten, was er brillant synchronisierte.

Nach dem lebendigen, hämmernden Anfangssatz folgt bei Beethoven ein Zwischenspiel, das „Einleitung“ heißt. Bei Buchbinder glich diese plötzliche, mystische Nebelwand einem Tod, der sich bald darauf als Tor zu einer Zwischenwelt herausstellte. Ein liebliches und melodiöses Adagio erzählte davon, dass danach alles besser wird – es wirkte wie ein Widerschein des Paradieses, in das man direkt mit dem Übergang zum dritten Satz eintrat: Ein Rondo, das sich zur Hymne auf die Schöpfung steigert, basierend auf einem simplen Thema. Buchbinder ließ die Melodie in einer Vielgestaltigkeit variieren, die überwältigte. Es war ein Finale voll grenzenloser Freude.

Diese Freude sprang komplett auf das Publikum im Kammermusiksaal über, das Rudolf Buchbinder mit Ovationen überschüttete. Nach dieser Sternstunde gab es in der Berliner Philharmonie nichts als Dankbarkeit. Lächelnd fügte der große Bescheidene noch etwas hinzu: „Eine Bagatelle, – auch von Beethoven …“

Info:

Rudolf Buchbinders Berliner Beethoven-Zyklus im Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin endet am 10. Juni 2013 mit den letzten drei Klaviersonaten Ludwig van Beethovens (op. 109, 110 und 111).

Buchbinder spielte die 32 Klaviersonaten schon in über 40 Städten. Sein Dresdener Beethoven-Zyklus wurde in der Semperoper mitgeschnitten und 2011 bei Sony/RCA Red Seal auf CD veröffentlicht.

 

 

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