Sonntagsmärchen: Der Geist des Schneegebirges

In einem Alpendorf, das rings von hohen Bergen eingeschlossen war, dort lebte einst ein armer Geiger; der geigte in der Kirche und im Wirtshaus, aber er blieb arm sein Leben lang, und als er starb, da hinterließ er Frau und Kind in Elend und in Not.

Das Kind, ein Knabe von fünf Jahren namens Friedrich, empfand die Armut nicht gar sehr. Vom Vater hatte er das heitere Gemüt ererbt und von der Mutter die Bedürfnislosigkeit; er sang den ganzen Tag und wußte seine Lieder auf des Vaters Geige, obwohl sie ihm noch viel zu groß war, artig zu begleiten. So glättete er der Mutter Kummerfalten oft und ward der Liebling aller Nachbarn.

Schwere Arbeit, magere Kost und Winters Strenge warfen bald das Mütterlein aufs Krankenlager, und nun mußte Friedel nicht nur pflegen und das Haus bestellen, sondern auch, was irgendwie entbehrlich war, versetzen, ja verkaufen. Schließlich blieb nichts übrig als die Fiedel, die der Junge schweren Herzens forttrug, Geld zu schaffen; denn es waren Feiertage und die Mutter sollte wenigstens ein Süpplein kriegen.

Aber Hinz und Kunz, und wie sie alle hießen, zeigten keinen Sinn für Friedels Fiedel, und so kam der arme Knabe bis zum Straßengasthof bei der Kirche. Da der Gottesdienst zu Ende war, versammelte die fromme Dorfgemeinde sich nunmehr am Wirtshaustische und erquickte nach der Geisterhebung frohgemut den Leib an Speis und Trank.

Just im rechten Augenblicke trat der kleine Friedel mit der großen Geige, die ihn halb verdeckte, ein, den alle liebten und als jüngsten Wirtshausgast voll Heiterkeit begrüßten. Recht ein munterer Zechgenosse hob ihn auf den Tisch und sagte freundlich:

Friedel mit der Fiedel, Spiel uns doch ein Liedel!“

Der, nicht faul, stimmt seine Geige glockenrein und streicht die Saiten, daß es eine Freude ist. Die wohlgelaunten Zecher sammeln Geld und füllen ihm die Taschen, und die herzensgute Wirtin gibt ihm einen Korb voll Lebensmitteln auf den Heimweg mit. So hat er, was er braucht, erreicht, und obendrein besitzt er seine Geige noch.

Die Not daheim war für den Augenblick verscheucht, und als sie wieder drohte, faßte Friedel den Entschluß, als kleiner Geigenkünstler in die Welt zu ziehn. Die Mutter, die sich etwas wohler fühlte, gab dem Bitten schweren Herzens nach und schnürte ihrem Sohn das Reisebündel. Wenig Brot und reiche Lehren nahm er mit. Es war zur österlichen Zeit.

Das Bergland zwischen Friedels Heimatdorfe und dem nächsten großen Orte war mit düsterm Wald bedeckt, worin es nach der Leute Mund nicht recht geheuer war; drum wich man den geheimnisvollen Pfaden gern in weitem Bogen aus.

Doch unser Friedel, kindlich furchtlos, weil von keiner Schuld bedrückt, ging schnurgerade mittendurch. Je ruhiger es um ihn ward, je feierlicher ward’s in ihm: Die Blumen blühten schöner, dufteten viel herrlicher als sonst, die Vögel sangen reiner, heller, süßer, frisch und würzig war die Luft, die Sonne leuchtete so prächtig wie noch nie.

In rätselhaftem Glücksgefühl ergriff er hart an einem Kreuzweg seine Geige, sang und spielte andachtsvoll ein frohes Frühlingslied. Alsbald darauf vernahm er fernen, leisen Widerhall, die Töne kamen näher, wurden lauter – ja, es war sein Lied, mit dessen Schall vielhundert Stimmen glockenrein den Wald erfüllten. Aus dem Dickicht traten tausend zwergenhafte Bergmännlein hervor, das Liedchen singend und den Knaben freundlich grüßend, bis der Zwergenführer Halt gebot.

Der sprach den Knaben also an: „Du bist ein Glückskind, da du heut an dieser Stelle weilst. In jedem zehnten Jahr einmal zu Ostern ist es uns, den Geistern aus der Unterwelt, erlaubt, ans Tageslicht zu treten und die Pracht des Erdenfrühlings zu bewundern. Treffen wir zu dieser Festeszeit ein braves Kind, so dürfen wir es unserm Herrscher bringen, der der große Geist des Schneegebirges ist und jedes Lebewesen hoch beglücken kann; komm nur mit uns!“

Der kleine Friedel wollte nicht und ging doch ohne Sträuben tapfer mit. Es ging allfort bergauf. Durch Laub- und Nadelwälder, Krüppelholz und Heide stieg der Zug empor in eine Felsenwildnis, himmelhoch von Gipfeln voller Eis und Schnee gekrönt. An einer mauergleichen Felswand schob der Führer seine Haue ins Gestein, und augenblicks erschlossen sich drei Flügeltore, die mit Blitzesschnelle alle Zwerge samt dem kleinen Friedel faßten und sich wieder fest versperrten.

Langsam gab der Boden unter ihren Füßen nach, die Schar versank in finstre Tiefen, daß dem Knaben angst und bange ward. Er kam erst dann zu sich, als wieder fester Boden unter seinen Füßen war. Da stand er nun in einer kostbar ausgeschmückten weiten Halle voller Glanz und Licht zu Füßen eines purpurroten Thrones, den die zwergenhaften Bergmännlein umsäumten.

Auf dem purpurroten königlichen Throne in der großen Halle saß der hehre Geist des Schneegebirges; eitel Samt und Seide, Gold und Silber war der Königsmantel, der in reichen Falten ihn umgab, und Gold und Edel stein die Krone, die sein greises Haupt bedeckte. Ernst, doch milde schien sein Antlitz, das ein langer weißer Bart umfloß.

Der Zwergenführer grüßte ehrerbietig seinen Herrn, den großen Geist des Schneegebirges, sagte tief bewegt dem Herrscher Dank für die Erlaubnis, wieder einmal mit dem Schwarm der Zwerge einen Erdenfrühling miterlebt zu haben, und erbat die weiteren Befehle.

Milden Blicks gebot der große Geist des Schneegebirges, zu erzählen, was auf Erden zu erblicken war. Da hub der Zwergenführer an: „O Herr, wir sahen einen Erdenfrühling, wunderschön! Auf saftig grünem Rasenteppich schritten wir dahin, erfreuten uns an Farbenpracht und Duft von vielen tausend Blumen, sahen Strauch und Baum erblühen, hörten den Gesang der Vögel, atmeten die reine Höhenluft und sogen Licht und Glut der Lenzessonne auf. O Herr, die Erde ist auch oben schön! Und mitten in dem Erdenfrühling fanden wir die Menschheitsknospe Kind, die wir dir bringen. Dieser Knabe, Friedel heißt er, ist der Huld des großen Geistes wert. Sein Vater starb vor Jahren, seine Mutter kränkelt, und er will durch seine Kunst die Krankheit wie die Armut heilen. Leihe ihm ein gnädig Ohr!“

Der große Geist des Schneegebirges, der das reine Herz des Knaben längst ergründet hatte, winkte ihn herbei und rief ihn an wie vormals jener muntre Zechgenosse am Gasthaustische:

Friedel mit der Fiedel, Spiel uns doch ein Liedel!“

Dieser wohlbekannte Anruf nahm dem Knaben alle Scheu, er spielte seine alten Weisen, doch so innig und so schön, daß allen Zwergen helle Tränen in die langen Bärte rannen und der große Geist des Schneegebirges voller Rührung endlich sprach: „Du kleines Menschenkind, du bist der erste Erdenbürger, über den ich nichts vermag; du stehst in eines höhern Geistes Macht und wirst gar bald ein vielgerühmter Künstler sein. Zieh ruhig weiter deines Weges und bewahre dir den kindlich reinen Sinn, und zum Gedächtnis dieser Stunde hier in meinem Zauberschlosse nimm dies Silberhäslein mit, das dich und auch dein Haus beglückt, solang du gut und edel bleibst. Leb wohl!“

Ein Blitz, ein Krach – und schon stand Friedel hart an jenem Kreuzweg in dem Waldgebirge, wo die Zwergenschar ihn aufgefunden hatte. Friedel seufzte: „’s war ein schöner Traum!“, allein im nächsten Augenblick belehrte ihn das Silberhäslein in der Hand, daß alles wahr gewesen.

Jetzt dachte Friedel nicht mehr an die Wanderschaft, es zog ihn heim zur Mutter, die zuerst erfahren sollte, welches Wunder ihm begegnet war.

Mit Freuden schloß das Mütterlein den unerwartet früh Heimgekehrten in die Arme, hörte staunend den Bericht des Sohnes, stellte dann das silberne Geschenk des großen Geistes in den Schrank, worin die kargen Angedenken der Familie lagen, und bereitete für Friedel Abendmahl und Ruhelager.

Als am nächsten Morgen Friedel nach dem Häslein sah – ei, da hatte es in aller Stille ihm ein rotes Osterei gelegt. Die Mutter schlug das Ei behutsam auf, o Glück: Das Eiweiß war aus Silber, der Dotter war aus Gold.

Jetzt hatte alle Not ein Ende, denn an jedem Tag geschah dasselbe Wunder. Arznei und gute Kost bewirkten, daß die Mutter wieder ganz gesund und frisch das Haus besorgen konnte, und der Sohn, befreit von aller Sorge, weihte sich nur der Musik. Und da er, wie der große Geist des Schneegebirges es verlangt, trotz allen Reichtums, aller Ehren, die sein Künstlerruhm ihm brachte, immer gut und edel blieb, behielt das Silber-Osterhäslein immerdar die Kraft, für jeden Tag ein Silber-Gold-Ei zu bescheren, das zum Troste vieler Armen diente, seit daheim von Not nichts mehr zu merken war.

Nur schade, daß nicht jedes Osterhäslein solche hohe Kraft besitzt wie das vom großen Geist des Schneegebirges.

Quelle sagen.at: Die schönsten Märchen aus Österreich, o. A., o. J.

Quelle: https://www.epochtimes.de/feuilleton/kultur/sonntagsmaerchen-der-geist-des-schneegebirges-a2969635.html