Die beiden Engel – von Emanuel Geibel

Von 7. March 2018 Aktualisiert: 7. März 2018 18:50
Aus der Reihe Epoch Times Poesie - Gedichte und Poesie für Liebhaber

Die beiden Engel

O kennst du, Herz, die beiden Schwesterengel,

Herabgestiegen aus dem Himmelreich:

Stillsegnend Freundschaft mit dem Lilienstengel,

Entzündend Liebe mit dem Rosenzweig?

Schwarzlockig ist die Liebe, feurig glühend,

Schön wie der Lenz, der hastig sprossen will;

Die Freundschaft blond, in sanftern Farben blühend,

Und wie die Sommernacht so mild und still;

Die Lieb‘; ein brausend Meer, wo im Gewimmel

Vieltausendfältig Wog‘ an Woge schlägt;

Freundschaft ein tiefer Bergsee, der den Himmel

Klar widerspiegelnd in den Fluten trägt.

Die Liebe bricht herein wie Wetterblitzen,

Die Freundschaft kommt wie dämmernd Mondenlicht;

Die Liebe will erwerben und besitzen,

Die Freundschaft opfert, doch sie fordert nicht.

Doch dreimal selig, dreimal hoch zu preisen

Das Herz, wo beide freundlich eingekehrt,

Und wo die Glut der Rose nicht dem leisen,

Geheimnisvollen Blühn der Lilie wehrt.

Emanuel Geibel (1815 – 1884)

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