Zünde die Fackel an, fleht das Mädchen, o Mond, und beglänze den Pfad, wo mein Geliebter irrt; Und du zündest die Fackel hinter dem Kranze von Hügeln an.Foto: AFP/Getty Images

Hymnus an den Mond – Von Ludwig Heinrich Christoph Hölty

Von 26. Februar 2021 Aktualisiert: 27. Februar 2021 13:49
Aus der Reihe Epoch Times Poesie - Gedichte und Poesie für Liebhaber

Hymnus an den Mond

Freundlich ist deine Stirn, helles Auge der Nacht,

Weiß bekleideter Mond, lächelnd ist deine Wang,
Holder Wolkenbewandler,
Der die silberne Fackel schwingt.

Ruhe hüpfet dir vor. Wie der Pflüger frohlockt,
Wie der Schnitter frohlockt, wenn er hinter dem Hain,
Dich, am Saume des Himmels,
Mit der blinkenden Kerze sieht!

Fröhlich wandelt er heim, mit der Sichel am Arm,
Singet ein Schnitterlied. Du beflimmerst indeß
Seine blitzende Sichel,
Seinen nickenden Erntestraus.

Rötlich ist deine Wang, purpurfarben dein Kleid,
Wenn du, Rosen ums Haar, deine Grotte verläßt,
Und den östlichen Himmel,
Mit der Miene voll Lächeln, besteigst.

Silberfarben dein Kleid, wenn du vom hohen Gewölb
Deines Himmels, die Stadt und das Dörfchen beschaust,
Das ein nickendes Wäldchen
In die wirtlichen Arme schlingt.

Du bist reizend, o Mond, wenn du, lächelnder Gott,
Durch das blaue Gefild, im Gewande von Licht,
Deine Tritte beflügelst
Und die Säume der Schatten färbst.

Minder reizend, doch schön, wenn du hinter dem Schirm
Regnichter Wolken stehst, und den sinkenden Kranz
Von verfärbten und welken
Blumen um deine Schläfe webst.

Welch ein freundlicher Gott! Wie er sein Fackellicht
Unter die Schatten des Hains und der Gesträuche mengt,
Wie er den silbernen Teppich
Über die Scheiteln der Hügel wirft!

Wie er vom Himmel herab sich im Bache besieht,
Manchen goldenen Streif auf die Gewäßer malt,
Manches goldene Sternchen
Auf die hüpfenden Wellen streut!

Welch ein wohlthätiger Gott! Zünde die Fackel an,
Ruft der liebende Hirt, leuchte mich durch den Wald,
Wo mein reizendes Mädchen
Meinen Schritten entgegen lauscht.

Zünde die Fackel an, fleht das Mädchen, o Mond,
Und beglänze den Pfad, wo mein Geliebter irrt;
Und du zündest die Fackel
Hinter dem Kranze von Hügeln an.

Fröhlicher wandelt er nun durch das krause Gebüsch,
Welches dein Licht verbrämt, durch den dämmernden Hain,
Seinem Mädchen entgegen,
Das beim Lispeln des Baches sitzt.

Immer reizest du mich, freundliches Auge der Nacht,
Wenn du dem Ost entsteigst, und im rothen Gewand
Hinter dem Walde hervorgehst,
Oder im grauenden Westen sinkst.

Immer reizest du mich, wenn du durch das Geweb‘,
Das der Lindenbaum webt, lächelnde Blicke wirfst,
Oder Edelgesteine
Ueber die blendende Schneeflur streust.

Schon als hüpfender Knab, ehe der Bardenkunst
Funken in mir entglomm, saß ich am Wiesenbach,
Und beschaute dein Antlitz
Mit verschlingendem Wonneblick.

Wie romantisch die Flur meinen Blicken erschien!
Elfen, mit Veilchen bekränzt, tanzeten Reihentanz
Durch die silberbesäumten
Wankenden Schatten des Eichenhains.

Sie bemalten die Flur mit dem heitersten Grün,
Goßen, mit kleiner Hand, Perlen und Silberstaub
In die Locken der Blumen,
Und entfalteten ihre Brust.

Heller blinkte der Mond! Schauer ergriff mein Haar,
Klopfte mit leisem Schlag an mein jugendlich Herz.
Mitternacht sank indeßen
Auf den schlummernden Eichenhain.

Ludwig Heinrich Christoph Hölty  (1748 – 1776)


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