Odins Meeresritt – Von Aloys Wilhelm Schreiber + Video

Von 7. Februar 2019 Aktualisiert: 8. Februar 2019 0:37
Aus der Reihe Epoch Times Poesie - Gedichte und Poesie für Liebhaber

Odins Meeresritt

Meister Oluf, der Schmied auf Helgoland,
Verläßt den Amboß um Mitternacht.
Es heulet der Wind am Meeresstrand,
Da pocht es an seiner Türe mit Macht.

„Heraus, heraus, beschlag mir mein Roß,
Ich muß noch weit, und der Tag ist nah!“
Meister Oluf öffnet der Türe Schloß,
Und ein stattlicher Reiter steht vor ihm da.

Schwarz ist sein Panzer, sein Helm und Schild;
An der Hüfte hängt ihm ein breites Schwert.
Sein Rappe schüttelt die Mähne gar wild
Und stampft mit Ungeduld die Erd!

„Woher so spät? Wohin so schnell?“
„In Norderney kehrt ich gestern ein.
Mein Pferd ist rasch, die Nacht ist hell,
Vor der Sonne muß ich in Norwegen sein!“

„Hättet Ihr Flügel, so glaubt ichs gern!“
„Mein Rappe, der läuft wohl mit dem Wind.
Doch bleichet schon da und dort ein Stern.
Drum her mit dem Eisen und mach geschwind!“

Meister Oluf nimmt das Eisen zur Hand,
Es ist zu klein, da sehnt es sich aus.
Und es wächst um des Hufes Rand,
Da ergreifen den Meister Bang und Gras.

Der Reiter sitzt auf, es klirrt sein Schwert:
„Nun, Meister Oluf, gute Nacht!
Wohl hast du beschlagen Odins Pferd;
Ich eile hinüber zur blutigen Schlacht.“

Der Rappe schießt fort über Land und Meer,
Um Odins Haupt erglänzet ein Licht.
Zwölf Adler fliegen hinter ihm her;
Sie fliegen schnell und erreichen ihn nicht.

Aloys Wilhelm Schreiber  (1781 – 1841)

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