„Genter Altar“ von Hubert und Jan van Eyck, vollendet 1432 in der St.-Bavo-Kathedrale, Gent, Belgien. Das Altarbild gilt als Meisterwerk der europäischen Kunst und als eines der größten Kulturschätze der Welt.Foto: public domain

Renaissance – Ein Märchen kulturellen Triumphs

Von 23. November 2021 Aktualisiert: 19. November 2021 8:54

Meine frühesten Erinnerungen an Italien waren von Venedig. In einer so fremden und magischen Welt fühlte ich mich wie Alice im Wunderland, als ich als Kind Tauben über den Markusplatz jagte, während mein Vater Aquarelle von der Szene malte.

Später reiste ich im Rahmen meines Kunstgeschichtsstudiums häufig von Salzburg nach Umbrien und in die Toskana und lernte dort die Kunstschätze in Kirchen, Klöstern und Museen kennen.

Als ich schließlich nach Florenz zog, um klassische Bildhauerei zu studieren, lebte ich inmitten berühmter Meisterwerke in der Stadt, die voller Geschichten über die Wiege der Renaissance steckt.

Innovationen wie die Linearperspektive, die Anwendung der menschlichen Anatomie und das Verständnis von Licht und Schatten machen die Renaissance zu einem faszinierenden Phänomen, das in Michelangelos „Erschaffung Adams“ in der Sixtinischen Kapelle in Rom gipfelt. Es sind jedoch nicht nur die Innovationen, die uns über diesen Zustrom von Meisterleistungen staunen lassen, sondern etwas anderes, das noch außergewöhnlicher ist.

Die Historiker der Aufklärungsära betrachten dieses Phänomen gerne als den ersten Schritt zur Moderne, als eine Zeit, in der das wiederentdeckte griechische Denken die Dunkelheit des Mittelalters einer genussfeindlichen Gesellschaft von Analphabeten endgültig durchbrochen hat. Indem die Künstler die materielle Schönheit durch den menschlichen Körper erforschten, hätten sie aufgehört, sich auf Gott zu konzentrieren, und angefangen, an sich selbst zu glauben.

Das klingt plausibel, hat aber nichts mit dem Italien zu tun, das ich kennen und lieben gelernt habe. Wer einmal Zeit in Italiens Museen und Kirchen verbracht hat, um die Kunst aus erster Hand zu erleben, weiß, dass das keineswegs der Wahrheit entspricht. Die überwiegende Mehrheit der Werke vor, während und nach der Renaissance war dem Glauben an Gott gewidmet.

Renaissance und Mittelalter

Um besser zu verstehen, was eine Hochphase der Kunst auslöste, müssen wir zunächst die Schilderung einer verlorenen Zivilisation hinterfragen, die plötzlich in Italien wiedergeboren wurde.

Der Renaissance-Historiker John Monfasani beleuchtet die falsche Vorstellung vom finsteren Mittelalter, die durch Hollywood-Blockbuster wie „Der Name der Rose“, „Robin Hood“ oder „The Da Vinci Code – Sakrileg“ weiter geprägt wurde. Die meisten Filme charakterisieren das mittelalterliche Europa als eine Zeit der Gewalt und Rückständigkeit.

Monfasani schrieb in einer Buchkritik zu „Die Wende: Wie die Renaissance begann“ von Stephen Greenblatt über die sachlichen Ungenauigkeiten, auf denen die These des New Yorker Bestsellers aufbaut: „Um das Ausmaß der Fehler in ‚Die Wende‘ zu verdeutlichen, werde ich Greenblatts Porträt des Mittelalters Punkt für Punkt durchgehen. Erstens mag es wahr sein, dass es möglich ist, dass sich eine ganze Kultur vom Lesen und Schreiben abwendet. Aber das ist im mittelalterlichen Europa nicht passiert. Tatsächlich gilt das Mittelalter als die buchfreundlichste Epoche Europas und als eine Zeit, in der Büchern – christlichen, griechischen und römischen gleichermaßen – eine nahezu totemähnliche Autorität zuerkannt wurde. Die mittelalterlichen Leser und Schriftsteller, nicht nur der Klerus, sondern auch die Laienkultur, wurden in hohem Maße von Texten und Dokumenten beeinflusst, insbesondere nach dem 10. Jahrhundert.“

Wenn wir verstehen, dass die Klöster im Mittelalter Zentren des Gebets, des intellektuellen Austauschs, der Kreativität und des Lernens waren und dass das Alltagsleben der Menschen im Mittelalter genauso komplex war wie in jeder anderen Epoche, gefüllt mit Liebe, Hass, Glaube, Zweifel, Neugier und Unwissenheit, vermittelt uns das ein zutreffenderes Bild.

Betrachtet man die mittelalterliche Kunst, die reich an Schönheit ist und über Jahrhunderte hinweg ständig Innovationen aufweist, wird deutlich, dass die westliche Zivilisation im mittelalterlichen Europa entstanden ist. Spuren dafür lassen sich in der Kunst durch alle Epochen hindurch finden.

Wichtige Einflüsse aus dem Norden

Weit nördlich von Italien finden wir bemerkenswerte Darstellungen von menschlichen Figuren. So zeigt der Bamberger Reiter in Deutschland bereits 1220 im Bamberger Dom ein lebensgroßes Reiterstandbild mit ausgezeichneten Proportionen, detaillierter Kleidung und Pferdemuskulatur.

Die Technik der Ölmalerei hat ihren Ursprung in den nordischen Ländern. Ihre Erfindung wird Jan van Eyck in Brügge zugeschrieben, der sie aus dem Wunsch nach mehr Realismus heraus entwickelte. Van Eyck und seine flämischen Zeitgenossen zu Beginn des 15. Jahrhunderts erreichten ein noch nie da gewesenes Niveau der Darstellung detaillierter Porträts, Materialien wie Metall und Glas und verschiedener Stoffe wie Samt, Baumwolle oder Seide. Ihre Kunst hat ihren Ursprung in der Miniaturmalerei der Spätgotik.

Selten werden diese flämischen Künstler als besonders einflussreich auf die italienische Renaissance angesehen. Sogar die Bezeichnung „flämische Primitive“, die Kunsthistoriker seit dem 19. Jahrhundert verwendeten, erscheint voreingenommen. Ein Blick auf van Eycks „Genter Altar“, ein Meisterwerk von herausragender Qualität und reich an Symbolik, ist alles andere als „primitiv“.

Giorgio Vasari – der Erfinder des Begriffs „Renaissance“

Woher kommt also die Erzählung vom Triumph der italienischen Renaissance über ein dunkles Mittelalter? Um die Antwort zu finden, müssen wir einen Blick auf die Quelle werfen, die den Namen „Renaissance“ geprägt hat.

Der erste Kunsthistoriker des 16. Jahrhunderts, Giorgio Vasari, erwähnte das Wort Rinascimento (Renaissance) zum ersten Mal in seinen Künstlerbiografien „Le vite“, im Deutschen oft „Vite“ genannt. Obwohl seine neun Bände wertvolle Informationen über das Leben und die Arbeitsweise der größten Meister liefern, sollten seine Beschreibungen immer mit Vorsicht genossen werden.

Vor allem Vasaris‘ Darstellung der Geburt der Renaissance ist vielfach infrage gestellt worden. In seinem Prolog bezeichnet er alles, was vor der Renaissance und nach dem Untergang Roms geschaffen wurde, als monströs und barbarisch; die deformierten Gebäude hätten die Welt verschmutzt. Er fasst zusammen, wie die Barbaren Rom stürzten und die neu entstandene christliche Religion nach „einem langen und blutigen Kampf“ den alten Glauben der Heiden ausrottete. Die Wiedergeburt des griechischen Denkens in Italien hätte die Künste schließlich zu neuen, gefeierten Höhen gebracht.

Heutige Historiker und Archäologen wissen, dass dies eine überzogene Karikatur der Ereignisse ist. Der deutsche Kunsthistoriker Gerd Blum hat in seinem Buch „Giorgio Vasari: Der Erfinder der Renaissance“ erstmals auf eine Selbstbeweihräucherung hingewiesen. Auch der britische Kunstkritiker Waldemar Januszczak hat in seiner Dokumentationsserie „Renaissance Unchained“ Vasaris Schilderung sehr kritisch hinterfragt.

Darüber hinaus ist aristotelische und christliche Synthese seit dem 8. Jahrhundert weitreichend bekannt und nicht erst seit der Renaissance.

Heute haben wir das Verständnis, dass die Kunst in Italien ihren Höhepunkt durch eine lange Tradition von Handwerkskünsten erreichte, die in klösterlichen Werkstätten wurzeln und von vielen Ländern und Traditionen beeinflusst wurden.

Was uns die Werke mitteilen

Welche Einflüsse auch immer auf die italienische Renaissance wirkten, offensichtlich geschah etwas viel Größeres als technische Errungenschaften, die die Menschen weltweit bis heute in ihren Bann ziehen.

Ich erinnere mich daran, wie ich während meiner Zeit in Florenz jeden Tag mit dem Fahrrad über die Piazza del Duomo fuhr und eine Menge dicht gedrängter Touristen sah, die von der Paradiespforte am Baptisterium San Giovanni fasziniert waren.

Lorenzo Ghibertis Tor ist das Kunstwerk, zu dem ich am häufigsten zurückkehre, seit ich zum ersten Mal von seiner Pracht beeindruckt war. Michelangelo hat es einst als „schön genug“ bezeichnet, um das „Tor zum Paradies“ zu sein. 

Ein weiteres, besonders eindrucksvolles Werk ist die Tafel, die die Erschaffung Adams in einem Zustand des halben Bewusstseins zeigt, der sich auf Gottes lebeneinflößende Berührung erhebt.

Werke wie diese sind es, bei deren Betrachtung die Zeit stillzustehen scheint und wir für einen Moment die Schönheit der Schöpfung erkennen.

 

Johanna Schwaiger ist klassische Bildhauerin und Programmdirektorin der Online-Kunstakademie New Masters Academy. Sie ist gebürtige Salzburgerin und lebt in Kalifornien.



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