Eine alte (vorn) und eine neue Ausgabe des Kinderbuchs «Jim Knopf und die wilde 13» von Michael Ende.Foto: picture alliance / dpa/dpa

Zum 60. Geburtstag: „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ in der Rassismus-Kritik

Epoch Times3. August 2020 Aktualisiert: 3. August 2020 13:01
Ein Junge freundet sich mit einem Lokomotivführer auf einer Insel an. Die hat zwei Berge, klar. Denn die berühmte Abenteuergeschichte um Jim Knopf und die Insel Lummerland kennt jeder. Nun wird sie 60 Jahre alt. Und wird auch kritisch gesehen.

Lummerland, Frau Waas, Besserwisser Ärmel: Die Geschichte fängt auf einer Insel mit zwei Bergen an, einem Päckchen und einem Baby darin, und sie endet in einem Abenteuer.

In diesem Jahr wird das Kinderbuch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ 60 Jahre alt. Bekannt ist es wie eh und je: Die Geschichte um den kleinen Jungen und den Lokfahrer begleitet noch heute viele Heranwachsende und begeistert auch Jahre später Erwachsene.

Dabei war es zu Beginn nicht klar, ob das Werk überhaupt jemals erscheinen würde. Der Autor Michael Ende (1929-1995), ein Künstlersohn aus München, schrieb das Buch und hatte damals nicht mehr viel Geld, wie sich sein Literaturagent und Freund Roman Hocke erinnert. Sein erstes Buch um Jim Knopf musste sofort erfolgreich werden.

Doch die Verlage, denen Ende das mehr als 500 Seiten starke Manuskript anbot, waren skeptisch: Diese Länge in einem Kinderbuch? Für viele sei das undenkbar gewesen. „Die Art des Erzählens und diese fantastischen Welten gab es damals nicht“, sagt Hocke.

Ein Dutzend Verlage lehnten das Manuskript ab. Doch Lotte Weitbrecht vom Thienemann-Verlag in Stuttgart erkannte das Potenzial der Geschichte mit dem Scheinriesen Tur Tur und dem Halbdrachen Nepomuk. Die Bedingung war aber, dass Ende das bereits Geschriebene in zwei Teile aufspalten soll. Am 9. August 1960 erschien der erste Band. Zwei Jahre später folgte der zweite: „Jim Knopf und die Wilde 13“

Ende habe sich viel von seinem malenden Künstler-Vater abgeschaut, erzählt Hocke. „Für den Vater war es ein Qualitätszeichen, dass sich Bilder nicht erklärten. Als Kind sollte Ende den Bildern Titel geben“, sagt Hocke.

Daher sei die Interpretation des Buches vielleicht nicht immer ganz so einfach, scherzt er. Als Ende damals mit dem Schreiben angefangen hatte, wusste er nach eigenen Angaben nicht, wie der zweite Satz heißen und worauf das Ganze hinauslaufen wird.

Aber das hat der Geschichte nicht geschadet, denn sie wird nach dem Erscheinen gefeiert – Ende wird zum gefragten Autor. Das erste Jim-Knopf-Buch erhält 1961 den Deutschen Jugendliteraturpreis.

Später wird es von der Augsburger Puppenkiste verfilmt und von einem großen Publikum im Fernsehen gesehen. Mittlerweile haben die beiden Bände eine Auflage von 5,5 Millionen Exemplaren und sind in 33 Sprachen übersetzt worden – darunter Arabisch, Estnisch und Hebräisch.

Im Buch werden viele verschiedene Ethnien thematisiert

Die damals als „Indianerjunge“ und „Eskimokind“ bezeichneten Personen stoßen heute teils auf Kritik: Eine Kita-Leiterin aus Hamburg kritisierte in einem Interview mit der „Zeit“, wie die Geschichte um den dunkelhäutigen Jim Knopf in vielen Kitas noch unkritisch gelesen werde.

Sie sagte, dass die Geschichte viele Klischees reproduziere zum angeblich typischen Wesen und Äußeren von Schwarzen. „Jim Knopf ist so, wie sich Weiße ein lustiges, freches, schwarzes Kind vorstellen.“

Vor allem die Passage, in der Jim als „Neger“ bezeichnet wird, ist umstritten. Der Verlag will das heute für schwarze Menschen als rassistisch geltende Wort vorerst erhalten.

„Grundsätzlich hat der Autor die Hoheit über seinen Text; das bringt der urheberrechtliche Schutz mit sich. Kein Verlag kann und wird ohne Rücksprache und Zustimmung des Autors oder seiner Erben in einen Text eingreifen“, sagt die Verlegerin Bärbel Dorweiler.

Für den Verlag sei auch die Gesamtaussage des Kinderbuchs entscheidend: Mit der Befreiung einer „bunten Gruppe von Kindern unterschiedlichster Herkunft aus der Herrschaft des bösen Drachen“ werde eine Gegengeschichte zur nationalsozialistischen Rassenideologie aufgezeigt.

Außerdem komme das Wort nur in einer Szene vor, findet Hocke. „Man muss sich doch fragen, warum er das Wort bei einem schwarzen Kind nur einmal auf siebenhundert Seiten benutzt. Ich denke, Ende hat ein Gespür gehabt, dass man das Wort nicht zu oft benutzen sollte“, sagt Roman Hocke, der Ende seit 1969 kennt.

Hocke deutet Jim als typisches Kind mit Unklarheiten, Fragen und Abenteuerlust – unabhängig davon ob es schwarz ist. Liest man das Werk Endes noch in 60 Jahren? „Ich weiß es nicht, ob man ihn in 60 Jahren noch liest. Das wird unsere Gesellschaft entscheiden, aber ich finde, das Buch ist ein Plädoyer fürs Miteinander.“

Zumindest entsteht in einem Augsburger Neubaugebiet demnächst ein Puppenkisten-Viertel – auch Jim Knopfs Name wird dort eine Straße zieren. Im Oktober erscheint zudem mit „Jim Knopf und die Wilde 13“ der nächste Kinofilm. (dpa)


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