Kein dickes Fell gegen Strahlen

Von 13. Oktober 2009 Aktualisiert: 13. Oktober 2009 12:44
Wenn Laptop und Handy durch Mark und Bein gehen

Elektrosensible Menschen können nachts nicht schlafen und bekommen Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen quasi „per Knopfdruck“, etwa wenn jemand die Mikrowelle betätigt. Manche spüren auch nur, „dass da etwas ist“, so wie Stefan Kühnis (28), Redakteur im Bereich Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz: „Ich habe schon länger das Gefühl gehabt, dass ich besser schlafe, je weiter weg ich vom Radiowecker liege und wenn das Handy nicht dort liegt. Dann habe ich festgestellt, dass mein Denken klarer ist, wenn das WLAN und der Standby-Betrieb von den Fernsehgeräten ausgeschaltet sind. Ich habe gerade auch mein schnurloses Telefon ersetzt (mit einem schnurgebunden). Ich habe jetzt wieder das Gefühl, ich würde einen Unterschied merken“, sagt er in einem Telefon-Interview mit der Epoch Times. Er würde diese Empfindlichkeiten jedoch nicht gerade Beschwerden nennen.

Andere dagegen klagen über Schmerzen, die noch anhalten, wenn sie den elektromagnetischen Feldern (EMF) nicht mehr ausgesetzt sind. Handymasten werden als bedrohlich empfunden und mancher Stadtbewohner kann einfach nicht einschlafen, bis er mit seiner Bettdecke das Haus verlässt, mit dem Auto in den Wald fährt und dort die Nacht verbringt.

In Studien nicht bestätigt

Manche halten sie für Spinner. Es gibt Studien, in denen Betroffene auf ihre Sensibilität gegenüber Elektromagnetische Felder untersucht wurden, es also hätten beweisen können – es aber nicht konnten. In den Tests wurden solche Sensiblen und eine Kontrollgruppe von Nicht-Empfindlichen Elektro-Impulsen und Scheinimpulsen ausgesetzt. Sie sollten angeben, wann sie „etwas spürten“. Die Trefferquote war bei denen, die sich als elektrosensibel einstuften, entweder genau so wie bei der Kontrollgruppe bei 50 Prozent oder sogar noch schlechter, weil sie sich öfter als die anderen vom Scheinimpuls trügen ließen.

Gro Harlem Brundtland, ehemals Norwegens erste Ministerpräsidentin und frühere Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), bekommt Kopfschmerzen, wenn jemand in ihrer Nähe sein Handy eingeschaltet hat. Hält sie ein eingeschaltetes Notebook, habe sie das Gefühl, es ginge ein Elektroschock durch ihren Unterarm. Sie hat ihre eigenen Tests gemacht. Gegenüber einer norwegischen Tageszeitung sagte sie: „Damit niemand denken könnte, das wäre nur etwas, was ich mir einbilden würde, habe ich mehrere Versuche gemacht: Leute kamen in mein Büro, die ihr Handy in der Tasche versteckt hatten. Ohne dass ich wusste, ob es ein- oder ausgeschaltet war, haben wir meine Reaktionen getestet. Ich habe immer reagiert, wenn das Gerät eingeschaltet war, niemals wenn es ausgeschaltet war. So gibt es daran keinen Zweifel.“

Tatsächliche Wirkung der Strahlen ungewiss

Abschmetternd sind die Ergebnisse eines vom Bundesministerium für Strahlenschutz initiierte Deutsche Mobilfunk Forschungsprogramms, das von 2002 bis 2008 lief: „Übereinstimmend mit internationalen Forschungsergebnissen und der WHO ist festzustellen, dass ein ursächlicher Zusammenhang zwischen EMF (Elektromagnetischen Feldern) und den Beschwerden der elektrosensiblen Personen mit hoher Wahrscheinlichkeit auszuschließen ist.“ In einer Schweizer Untersuchung fiel jedoch auf, dass sich alle Versuchspersonen im Schlaf von der Strahlenquelle weg bewegten. Die Langzeitwirkungen von Handys sind noch offen, da bisher die wenigsten seit mehr als 10 Jahren eines benutzen.

Manche derjenigen, die über Beschwerden klagen, reagieren höchst sensibel darauf, wenn man die Strahlen als Ursache in Frage stellt. Stefan Kühnis betrachtet sich selbst mit Skepsis: „Vielleicht ist es auch psychosomatisch: Das Gefühl, ich habe etwas ausgesteckt, dann wird es jetzt besser sein und dann geht es auch besser.“

Sich unsichtbar vor unsichtbaren Feldern verbergen

Wie auch immer: Die Beschwerden lassen sich bei den Betroffenen nicht wegdiskutieren, sondern trüben beachtlich ihre Lebensqualität. Dass die Welt ihnen zu liebe den Auflauf statt 5 Minuten in der Mikrowelle wieder eine dreiviertel Stunde im Backofen gart, wieder verkabelt telefoniert und die Handy-Provider plötzlich Anbieter von öffentlichen Telefonzellen werden, ist eher unwahrscheinlich. Was also tut man?

Wo ein Bedarf ist, folgt auch bald der Markt: Farben, Folien, Stoffe werden den Betroffenen geboten, die die Strahlung zu über 90 Prozent von einem fernhalten sollen. In den eigenen vier Wänden, schützen sich die Sensiblen also mit Strahlenschutz-Wandfarben und Strahlenschutz-Stoffen, die zu Vorhängen und Baldachinen verarbeitet wurden. Und unterwegs?

Dafür gibt es Hemden, Boxershorts, Kappen, Kopftücher und für die Nacht im Hotel: Pyjamas. So ein Funktionsstoff besteht zu 97 Prozent aus Baumwolle, die einen hauchfeinen Metallfaden umhüllt. Nein, wir haben es ausprobiert: Hält man einen Magneten davor, rührt sich der Stoff überhaupt nicht. Der Stoff rostet nach Angaben des Herstellers auch nicht. Peinlichkeiten sind also ausgeschlossen, aber bringen die Textilien, die preislich mit Designerware zu vergleichen sind, denn etwas?

Einer der renommiertesten Forscher auf dem Gebiet elektrischer und elektromagnetischer Strahlung, Professor Dipl.-Ing. Peter Pauli, hat verschiedenen Anbietern eine bis zu 99-prozentige Abschirmwirkung ihrer Textilien bestätigt. Die DMF stellt in ihren Untersuchungen jedoch fest, dass eine Scheinabschirmung das subjektive Empfinden der Probanden genauso verbesserte, wie eine wirksame Abschirmung (dabei in beiden Fällen kein Einfluss auf das Schlaf-EEG). Wirksame Abschirmung für den Placebo-Effekt? Die Hauptsache für die Betroffenen ist wohl, dass es wirkt.

Die Antenne nach innen richten

Stean Kühnis hat so ein Hemd von der Firma Sartex bekommen. Wie geht es ihm damit? „Ich habe das Hemd jetzt 2-3 mal getragen. Ich kann nicht sagen, ob es wirklich unheimlich anders ist – aber es schadet bestimmt auch nicht und ich würde es gern auch weiter tragen.“ Die Sensibilität sei ohnehin schwer messbar und habe viel mit der Tagesform zu tun, stellt Kühnis fest. Es sei so ähnlich wie mit Geräuschen, mal kann man sie völlig ignorieren, und „manchmal nerven einen die leisesten Töne bereits.“

Auch Lärm macht krank, das ist nachgewiesen. Doch gibt es Menschen, die fühlen sich so wohl in ihrem Häuschen am Flughafen, dass sie die Turbinen gar nicht wahrnehmen. Vielleicht haben sie ein dickes (Trommel-)Fell, jedenfalls werden sie nicht krank. Der englische Philosoph Ralph Waldo Emerson sagte: „Die Fähigkeit, glücklich zu sein, befreit einen, zumindest größtenteils, von der Herrschaft äußerer Einflüsse.“ Liegt hier eine Chance: Inneres Strahlen gegen Strahlensensibilität? Was einen zum Strahlen bringt, findet jeder in sich selbst. – Mag sein, dass man sich hierfür zunächst von äußeren Einflüssen abschirmen muss.

Erschienen in The Epoch Times Deutschland Nr. 34/09

{h:1}



Gerne können Sie EPOCH TIMES auch durch Ihre Spende unterstützen:

Jetzt spenden!


Kommentare
Liebe Leser,

vielen Dank, dass Sie unseren Kommentar-Bereich nutzen.

Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen, Schimpfworte, aggressive Formulierungen und Werbe-Links. Solche Kommentare werden wir nicht veröffentlichen. Viele Kommentare waren bisher schon anregend und auf die Themen bezogen. Wir bitten Sie um eine Qualität, die den Artikeln entspricht, so haben wir alle etwas davon.

Da wir die juristische Verantwortung für jeden veröffentlichten Kommentar tragen müssen, geben wir Kommentare erst nach einer Prüfung frei. Je nach Aufkommen kann es deswegen zu zeitlichen Verzögerungen kommen.

Die Kommentarfunktion wird immer weiter entwickelt. Wir freuen uns über Ihr konstruktives Feedback, sollten Sie zusätzliche Funktionalitäten wünschen an [email protected]


Ihre Epoch Times - Redaktion