Skandal in der Türkei – Der Balken im Auge – Von Klaus-Jürgen Gadamer

Von 7. Mai 2019 Aktualisiert: 7. Mai 2019 19:16
Manch geneigter Leser mag in den letzten Tagen mit amüsierter Genugtuung in einigen Zeitungen einen Artikel gelesen haben, bei dem er sich gedacht hat: Oh, wie schön, Kindermund tut Wahrheit kund.

NEIN, es geht nicht um die Prophezeiungen der heiligen Greta, bei der sich die deutsche Elite uneins ist, ob das autistische Kind eher gottgleich oder nur Prophet ist.

Nein, in dem Artikel geht es darum, dass im fernen Morgenland, also der Türkei, wo der böse Sultan herrscht, dem Herrscher das Schicksal einen bösen Streich gespielt hat.

In der Türkei gibt es ein „Fest des Kindes“, an dem Kinder sagen dürfen, was sie schon immer einmal sagen wollten. Sie können sich dann sogar auf den Thron des Sultans setzen und werden, natürlich, vom Fernsehen interviewt. Die Türkei will so seine Zukunft feiern.

Nun wurde in einer Life-Sendung des regierungsnahen NTV auch die 12-jährige Schülerin Arife nach ihren Zukunftsplänen befragt. Diese meinte, dass sie gerne in Deutschland Medizin studiere und dann vielleicht auch deutsche Staatsbürgerin werden würde. Nervös kichernd überspielte die Moderatorin die peinliche Situation. Die Sage des Kindes sorgte im fernen Morgenland für Aufruhr.

Nun mag der geneigte Leser spontan gedacht haben: Ha, das geschieht den Herrschenden recht. Kinder und Narren sagen eben die Wahrheit. Wenn schon Kinder sagen, dass sie am liebsten das Land verließen … dann können wir mit wollüstiger Selbstgewissheit sagen: Kindermund tut Wahrheit kund.

Und der Schreiber dieser Worte muss gestehen, zwischen Kaffee und Kuchen ging es ihm genauso: Schadenfreude mischte sich zwischen Sahne und Torte, ergab zusammen mit Selbstgerechtigkeit ein unvergleichliches Aroma, der mit einem Schluck türkischen Mokkas erst das richtige Aroma erhielt.

Aber irgendetwas hakte in mir nach und nach der dritten Tasse Kaffee dachte ich dann: Am besten tut nicht Kindermund die Wahrheit kund, sondern die Gegenprobe sagt, was Sache ist.

Bei unseren öffentlichen Sendern fühlen sich ja die Journalisten, ganz anders wie im fernen Morgenland, der Meinungsvielfalt verpflichtet. Und der Sinn der Meinungsfreiheit ist ja die Hoffnung, dass die Journalisten einen Querschnitt der Gesellschaft abbilden und so alle Schichten und Lager ihre Meinung wiederfinden.

Nun malte ich mir also mit den Kaffee-Liebhabern an meinem Tisch die Gegenprobe aus: Wir stellen uns also vor, wie das Szenario in Deutschland ablaufen würde. Wir hätten also auch einen „Tag des Kindes“ und unsere öffentlichen Sender, bei denen sich die Journalisten, ganz im Gegensatz zum fernen Morgenland, der Meinungsvielfalt verpflichtet fühlen, hätten eingeladen. Nachdem, ganz wie im Morgenland, vorab die Meinung der Kinder überprüft wurde, würde in der Live-Sendung etwas ganz Unvorhergesehenes passieren. Ein Kind würde auf die Frage nach seiner Zukunft sagen: Ich sehe meine Zukunft in Australien, wo in meiner Schulklasse keine Islamisierung droht und der Einfluss der arabischen und der afrikanischen Kultur minimal ist. Diese Aussagen, so malten wir uns aus, wären ähnlich unwillkommen wie die im fernen Morgenland.

Man stelle sich die Konsterniertheit der Kindershow-Journalistin vor. Ganz wie im fernen Morgenland würde sie die „Peinlichkeit“ nervös wegplappern …

Anschließend müssten die Journalisten für den Lapsus vor ihren Vorgesetzten Rede und Antwort stehen. Sie würden mit Recht darauf hinweisen, dass bei einer Live-Sendung eben nicht alles kontrolliert und vorab wegzensiert werden könne und solche „Ausrutscher“ der falschen freien Meinungsäußerung eben passieren könnten.

Ganz wie im fernen Morgenland würde sich ein Shitstorm der Selbstgerechten im Internet ergießen und die verantwortlichen Journalisten würden hoffen, dass sie von diesem Scheißsturm nicht hinweggefegt werden.

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Und ganz wie in den Artikeln im Abendland über das Morgenland würden dann im Morgenland überheblich und selbstgerecht die schlimmen Zustände im fernen Deutschland beklagt. Bei einer Tasse Mokka würden viele Morgenländer den Kopf schütteln und dem Nachbarn zuraunen: Haben wir´s nicht immer schon gesagt. Die da drüben! Das ist bei uns gaaanz anders …

Und keiner würde an Jesus denken. Im Islam immerhin Prophet und Gottgesandter und im christlichen Abendland der Sohn Gottes. Und der sagte:

Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?  (Math 7)

Klaus-Jürgen Gadamer – In seinem Buch „So fremd, so vertraut“ schildert K.-J. Gadamer unterhaltsam die Unterschiede zwischen westlicher und östlicher Kultur. Zum Multi-Media-Buch gibt es unter gadamers-reisen 19 Fotoshows und Filme.

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.