Deutschland wächst: Wer kommt, wer bleibt und wer geht?

Im Jahr 2022 verzeichnete Deutschland eine Nettozuwanderung von 1,46 Millionen. Das ist die bislang höchste Zahl seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1950. Sozial- und Finanzexperte Prof. Bernd Raffelhüschen bezweifelt, dass die Zuwanderung die deutsche Wirtschaft, das Renten- und Sozialsystem retten kann.
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Flüchtlinge aus der Ukraine kommen in Berlin an, 2. März 2022 (Archivbild).Foto: Hannibal Hanschke/Getty Images
Von 11. Januar 2024

Die Bundesrepublik Deutschland hat im Jahr 2022 einen neuen Rekord an Zuwanderungen erlebt: Ende des Jahres lebten rund 1,46 Millionen Menschen mehr in Deutschland als noch zu Jahresbeginn. Das geht aus dem aktuellen Migrationsbericht des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Nürnberg hervor, der am 10. Januar vom Bundesministerium des Innern und für Heimat (BMI) präsentiert wurde.

2,7 Millionen zugereist – 1,2 Millionen ausgewandert

Während genau 1.203.683 Menschen, darunter 268.167 Deutsche, dem Land dauerhaft den Rücken gekehrt hatten, waren nach BAMF-Angaben 2.665.772 hineingeströmt, darunter 184.753 deutsche Rückkehrer. Somit steht per saldo einem Plus an 1.545.503 Ausländern ein Minus von 83.414 Deutschen gegenüber.

Die absolute Zahl von 2.481.019 zugewanderten Ausländern habe sich im Vergleich zum Vorjahr (1.139.816) mehr als verdoppelt (117,7 Prozent). Umgekehrt habe sich die Zahl der Fortzüge von Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit nur um 25,3 Prozent erhöht: von 746.474 (2021) auf 935.516 (2022), so das BAMF.

Die Grafik zeigt das Einwanderungsgeschehen in Deutschland in den Jahren 2015, 2020, 2021 und 2022.

Die Grafik zeigt das Einwanderungsgeschehen in Deutschland in den Jahren 2015, 2020, 2021 und 2022. Foto: Bildschirmfoto/Statistisches Bundesamt

Sowohl beim Gesamtsaldo als auch beim Wanderungssaldo der ausländischen Staatsangehörigen handelt sich um Rekordwerte: Die Nettozuwanderung von 1,46 Millionen des Jahres 2022 erreichte nach BAMF-Angaben die bislang höchste Zahl „seit Beginn der Aufzeichnungen der Wanderungen im Jahr 1950“. Gemessen am Vorjahr 2021 habe „sich die Nettomigration mehr als vervierfacht“. Ein Plus an 1.545.503 Ausländern hatte es laut „BAMF-Tabelle 1-1“ seit 1950 ebenfalls nie gegeben.

Die Grafik zeigt die Ein- und Auswanderungsbewegungen nach bzw. aus Deutschland in den Jahren 1950 bis 2023.

Die Grafik zeigt die Ein- und Auswanderungsbewegungen nach bzw. aus Deutschland in den Jahren 1950 bis 2023. Foto: Bildschirmfoto/Statistisches Bundesamt

41,2 Prozent aus der Ukraine

Der Löwenanteil der neuen Bewohner entstammte mit knapp 1,1 Millionen der kriegsgebeutelten Ukraine. Das entspreche 41,2 Prozent aller rund 2,67 Millionen Zugereisten. Zu 81,4 Prozent habe es sich dabei um ukrainische Frauen und Kinder gehandelt. Sie besäßen genau wie die erwachsenen Männer aus der Ukraine einen Anspruch auf „vorübergehenden Schutz“ gemäß EU-Richtlinie 2001/55/EG und „auf Grundlage von § 24 AufenthG“.

Anträge auf Asyl oder ein Visum müssen dafür nicht gestellt werden. „2022 wurden insgesamt 828.885 Menschen mit diesem Schutztitel aufgenommen“, so das BAMF. Umgekehrt seien im Laufe des Jahres 138.355 Ukrainer wieder in ihre Heimat zurückgekehrt.

„Nachholeffekte“ der Corona-Jahre 2020 und 2021

Was andere Nationalitäten angehe, hätten sich auch „Nachholeffekte“ aus den Corona-Jahren 2020 und 2021 niedergeschlagen, sagte die Soziologin Dr. Susanne Worbs vom BAMF-Forschungszentrum im Gespräch mit der „Welt“. Das habe sich 2022 besonders an den Rumänen gezeigt: Sie bildeten mit 204.637 Personen die zweitgrößte Gruppe der Zugewanderten. Das entspricht laut BAMF 7,7 Prozent der Gesamtzuwanderermenge.

Dahinter rangierten das Land Polen (107.060 Menschen / 4 Prozent), die Türkei (81.108/3) und Bulgarien (71.835/2,7). Weitere „quantitativ wichtige Herkunftsländer“ seien 2022 „Syrien, Afghanistan, Indien, Italien und die Russische Föderation“ gewesen. In sämtliche genannten Länder habe es stets auch eine gewisse Remigration gegeben.

Die Grafik zeigt den Saldo aus Zu- und Fortzügen der häufigsten Herkunfts- und Zielländer von Migranten in Deutschland über das Jahr 2022.

Die Grafik zeigt den Saldo aus Zu- und Fortzügen der häufigsten Herkunfts- und Zielländer von Migranten in Deutschland über das Jahr 2022. Foto: Bildschirmfoto/BAMF 2024

Per saldo bilden somit die Ukrainer mit 959.527 Personen die mit Abstand stärkste Netto-Zuwanderungsgruppe des Jahres 2022. Dahinter rangierten die Syrer (plus 67.569), Afghanen (plus 54.717), Türken (plus 49.304), Inder (plus 38.114), Rumänen (plus 35.153), Russen (22.181), Polen (plus 17.652), Bulgaren (plus 13.164) und Italiener (plus 8.569).

Ein knappes Viertel von 24,6 Prozent aller Zugewanderten des Jahres 2022 stammt nach BAMF-Angaben aus Mitgliedsländern der EU. Im Vorjahr sei es noch knapp die Hälfte (46,7 Prozent) gewesen. Zugewanderte aus Asien hätten 12,4 Prozent der Gesamtzuwanderung ausgemacht, Menschen aus Afrika 2,7 Prozent. 2,8 Prozent seien aus Amerika, Australien oder Ozeanien nach Deutschland eingereist.

Die Grafik zeigt die wichtigsten Herkunfts- und Zielländer von Migranten in Deutschland über das Jahr 2022.

Die Grafik zeigt die wichtigsten Herkunfts- und Zielländer von Migranten in Deutschland über das Jahr 2022. Foto: Bildschirmfoto/BAMF 2024

Zurück nach Osteuropa

Die beliebtesten Zielländer der Auswanderer seien zu 71,0 Prozent europäische Länder gewesen – etwas mehr als noch 2021, als es 67,9 Prozent ins europäische Ausland zog. Die Hauptzielländer seien Rumänien, die Ukraine, Polen und Bulgarien gewesen.

In ein asiatisches Land seien 6,4 Prozent aller Fortzügler ausgewandert. Nach Amerika, Australien und Ozeanien habe es 5,2 Prozent gezogen, nach Afrika lediglich 2,4 Prozent.

192.983 grenzüberschreitende Erstanträge auf Asyl

Nur ein geringer Bruchteil aller 2,67 Millionen Zugewanderten hatte einen Asylantrag gestellt, nämlich genau 217.774 Personen. Das entspricht laut BAMF dennoch einem Zuwachs von 46,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Enthalten sei darin auch die Zahl jener 24.791 Kinder unter einem Jahr, die schon in Deutschland zur Welt gekommen waren. „2022 waren somit 192.983 Asylerstanträge (88,6 Prozent) grenzüberschreitend (2021: 122.354).“

Einen „Aufenthaltstitel aus familiären Gründen“ habe die BRD 93.960 Menschen erteilt – 2021 habe es „nur“ 84.095 solcher Fälle gegeben. 11.060 Mal (11,8 Prozent) sei der Titel im Rahmen des Familiennachzugs gewährt worden. „Mehr als die Hälfte (57,6 Prozent) aller erteilten Aufenthaltstitel aus familiären Gründen betraf den Nachzug von Ehe- bzw. Lebenspartnerinnen und -partnern, ein gutes Drittel (32,4 Prozent) minderjährige Kinder“, vermeldet das Bundesamt.

73.000 kamen ausdrücklich zum Arbeiten

Einen „Aufenthaltstitel zur Erwerbsmigration“ gab es 2022 für 73.065 Ausländer. Laut BAMF ein deutliches Plus von 77,8 Prozent. Von den insgesamt 2,76 Millionen Zugereisten folgten also lediglich 2,75 Prozent ganz bewusst dem Ruf auf Abhilfe des deutschen „Fachkräftemangels“.

Die Gesamteinwohnerzahl Deutschlands war nach Angaben des „Statistischen Bundesamts“ Ende 2022 auf 84,35 Millionen angewachsen, darunter 12,3 Millionen ohne deutschen Pass und weitere rund 11,5 Millionen mit Migrationshintergrund und mit deutschem Pass. Der Bevölkerungsanteil der insgesamt 23,8 Millionen Personen mit ausländischen Wurzeln betrug nach Angaben des BAMF damit 28,7 Prozent.

40 Prozent zwischen 2013 und 2022 eingereist

Beinahe zwei Drittel von ihnen seien einst „selbst zugewandert“, also nicht in Deutschland geboren. Knapp 40 Prozent aller Menschen mit Migrationsgeschichte seien erst in den Jahren 2013 bis 2022 angekommen, so das BAMF. In diesem Zeitraum nahm die BRD somit mehr als neun Millionen Zuzügler auf.

Von Januar bis Oktober 2023 kamen noch einmal 329.120 Asyl-Erstanträge, von Januar bis Juni 2023 rund 77.000 Familiennachzügler dazu. Zum Vergleich: Zwischen Januar und Oktober desselben Jahres hatten es die Behörden lediglich geschafft, 13.512 Abschiebungen erfolgreich zu bewerkstelligen. Eigentlich ausreisepflichtig wären laut „Tagesschau“ Ende Oktober 2023 gut eine Viertelmillion Personen gewesen.

Wie viele Menschen im Gesamtjahr 2023 faktisch nach Deutschland einwanderten oder im Gegenteil dauerhaft das Weite suchten, wurde vom BAMF bisher nicht bekannt gegeben.

Finanzexperte: Zuwanderung für Deutschland stets Minusgeschäft

Dass die Zuwanderer in toto „unsere Wirtschaft, unsere Renten- und Sozialsysteme nicht retten“ können, davon ist der Sozial- und Finanzexperte Prof. Bernd Raffelhüschen überzeugt. Im Gegenteil koste die Zuwanderung, wie sie bisher ablaufe, „uns gesamtwirtschaftlich 5,8 Billionen Euro“, erklärte Raffelhüschen gegenüber der „Bild“. Das habe eine eigene Studie für die liberale „Stiftung Marktwirtschaft“ ergeben. Raffelhüschen gehört in der Stiftung zum Vorstand.

Bereits jetzt besteht laut Raffelhüschen eine riesige „Nachhaltigkeitslücke“ von 13,4 Billionen zwischen den Summen, die die Deutschen für Steuern und Sozialabgaben aufbringen müssten, und jenen Geldern, die ihnen heute oder morgen beispielsweise für den Ruhestand oder die Pflege im Alter rechtmäßig zustünden. Falls die Politik fortfahre, jedes Jahr 300.000 Migranten aufzunehmen, werde diese Lücke auf 19,2 Billionen – also 19.200 Milliarden Euro – anwachsen. Denn die häufig weniger gut ausgebildeten Zugereisten könnten die Solidarkassen im Schnitt deutlich weniger üppig bedienen als die Deutschen. Die Differenz von 5,8 Billionen schlage sich als „Preis der Zuwanderung in unserem bisherigen System“ nieder.

Auch wenn es jedes Jahr gelänge, 100.000 „qualifizierte Ausländer mit Berufsabschluss“ zusätzlich zu den 300.000 aufzunehmen, läge die „Nachhaltigkeitslücke“ noch 800 Milliarden über einem Szenario ganz ohne Zuwanderung. „Gesamtwirtschaftlich wäre Deutschlands Wohlstand, unsere soziale Sicherheit OHNE Zuwanderung besser gesichert als mit der klügsten Migrations-Politik“, bringt die „Bild“ Raffelhüschens Befund auf den Punkt.

Innerhalb der EU nimmt Deutschland mit Abstand die meisten anerkannten Schutzsuchenden auf. Ende 2022 lag die Zahl laut „Statista“ bei über zwei Millionen. Dahinter folgte Polen mit gut 971.000 Aufnahmen.



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