Politische Kommunikation in Kriegen und Krisen – Ein Interview mit Prof. Dr. Bruns

Nachhaltige Veränderungen der politischen Kommunikation entstehen oftmals in Krisenzeiten. Im Ukraine-Krieg etwa ist die direkte Schalte von Kiew aus in die Parlamente ein absolutes Novum.
Titelbild
Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Werner Bruns.Foto: privat
Von 2. Mai 2022

Der Bereich politische Kommunikation ist nicht erst seit Corona oder dem Ukraine-Krieg ein spannendes Feld mit vielen Fallen und Unschärfen. Epoch Times sprach mit einem Experten in diesem Bereich, Prof. Dr. Werner Bruns. Er beleuchtet die Hintergründe und Aussagen, die mit dieser Kommunikationsform verbunden sind.

Was kennzeichnet den Bereich politische Kommunikation Prof. Dr. Bruns? Wie ist er entstanden und was unterscheidet ihn von anderen Kommunikationsformen?

Bei der politischen Kommunikation geht es um das Feld der Politik. Es geht genauer um die Prozesse der Informationsvermittlung in der Politik. Für mich ist die politische Kommunikation ein Prozess, in dem Akteure im öffentlichen Raum ihre Legitimation und Unverzichtbarkeit begründen und interne oder externe Konkurrenzvermeidung betreiben. Akteure können Staaten sein, können Parteien sein, das können einzelne Politiker sein, aber es können auch NGOs oder Organisationen sein, die sich im Feld der Politik bewegen und Aussagen zum Feld der Politik im öffentlichen Raum machen.

Parteien versuchen zum Beispiel ihre Stimmen zu maximieren. Staaten versuchen, wenn sie kommunizieren, ihr eigenes Handeln durch politische Kommunikation nach draußen so darzulegen, dass ihre Entscheidungen nachvollziehbar sind, die Interessenlage verstanden wird oder wie sie verstanden werden soll.

Was für markante Beispiele in der politischen Kommunikation sehen Sie im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg?

Also zunächst mal müssen wir festhalten, dass wir relativ wenig politische Kommunikation aus Russland sehen, also viel weniger als aus der Ukraine.

Die ukrainische politische Kommunikation ist im Gegensatz zur russischen sehr offen und baut auf viel Bildmaterial auf. Man zeigt die schrecklichen Bilder des Krieges, lässt ausländische Journalisten ins Land, die die Zerstörungen und Grausamkeiten des Krieges zeigen, Soldaten interviewen, das Schicksal von Zivilisten darstellen und das ganze Ausmaß eines für die Menschen in westlichen Demokratien geradezu unvorstellbaren Geschehens zeigen.

Selenskyj spricht vor den Parlamenten der westlichen Welt, ob das in Kanada, in Spanien oder im Deutschen Bundestag ist. Die Kommunikation von Selenskyj beinhaltet immer den starken Appell an die liberalen Demokratien, der Ukraine doch beizustehen. Diesen sendete er per direkter Schalte von Kiew aus in die Parlamente. Das ist absolut neu und bisher einzigartig.

Seine Botschaft ist: „Wir kämpfen für unsere und eure Freiheit und wir brauchen Waffen, um uns verteidigen zu können, weil wir angegriffen worden sind.“ Diese Botschaft bringt er genau dahin, wo die Demokratien stattfinden, nämlich in die Parlamente. Das ist sozusagen die direkte tägliche Kommunikation von Selenskyj; auch Klitschko und der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, wenden sich genau dorthin, wo in Demokratien die Öffentlichkeit stattfindet: die Medien.

Dabei drücken die Ukrainer den dringenden Wunsch aus, mehr Waffen vom Westen zu bekommen, um ihre Selbstverteidigung zu unterstützen. Zudem werden weitergehende Sanktionen gegen Russland gefordert. Das ist zusammengefasst die ukrainische Strategie unter Zuhilfenahme der Öffentlichkeit – der Medien.

Von der russischen Berichterstattung erreicht uns wenig. Die Kommunikation nach außen ist ziemlich begrenzt. Putin will die russische Gesellschaft geschlossen halten, er braucht die Unterstützung seines Volkes, deshalb kommuniziert er nach innen. Er kommuniziert mit dem Auftritt im Stadion, er kommuniziert mit den Flugbegleiterinnen. International versucht er im wesentlichen Indien und China auf seiner Seite zu halten. 

Ansonsten gibt Putin ab und zu Statements ab. Mit Begriffen wie „Entnazifizierung“ und „Spezialoperation“ umgeht er den Begriff „Krieg“ und formuliert gleichzeitig Ziele. Putin führt eine im Wesentlichen nach innen gerichtete Kommunikation. Mit medienbegleiteten Auftritten im eigenen Land zeigt er: „Ihr steht hinter mir in diesem gerechten Kampf gegen Faschisten, gegen den Westen.“ Seine Drohung zielt gleichzeitig nach außen: „Ich habe Atomwaffen, ich habe Macht.“

Das Auftreten der beiden Staatschefs Selenskyj und Putin zeigt wie unterschiedlich politische Kommunikation sein kann. Selenskyj steht da im olivgrünen T-Shirt vor der Kamera, offenbar im Kiewer Stadtzentrum. Putin zeigt sich im Fernsehen sitzend an einem langen Tisch. Wie sehen Sie das?

Ja, dieser bärtige Selenskyj zeigt: „Ich bin im Krieg. Ja, es gibt hier Unrecht und viel Leid. Ich habe wenig Zeit, um mich jetzt hier in Schale zu schmeißen und irgendwo hinzureisen. Wir, das ukrainische Volk, befinden uns im Krieg.“ Das ist glaubhaft. Natürlich ist Selenskyi, weil er vorher ein Comedian war, ein Profi im Umgang mit Medien, das muss man wissen. Aber wir nehmen ihm das ab; dass ihm das Leid seines eigenen Landes nahe geht und das, was er da erlebt, für ihn furchtbar ist. Oft sieht er sehr mitgenommen aus, auch das verstehen wir. Die Amerikaner wollten ihn zu Anfang aus dem Land herausholen. Das wollte er nicht. Auch das ist politische Kommunikation, sehr starke und glaubhafte Kommunikation.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht am 23. April 2022 in einer U-Bahn-Station in Kiew auf einer Pressekonferenz mit internationalen Medien. Foto: von Genya Savilov / AFP über Getty Images

Und Putin hinter seinem langen Tisch, sehen Sie darin eine politische Kommunikation?

Das ist in der Tat ein Akt politischer Kommunikation! Was will er damit sagen? Doch nicht, dass er Angst vor Corona hat. Dann hätte er ja hinterher nicht die Großveranstaltung im Luzhniki-Stadion gemacht, oder?

Der russische Präsident Wladimir Putin (L) und der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz werden am 15. Februar 2022 vor ihrem Treffen über die Sicherheit der Ukraine im Kreml in Moskau gesehen. Foto: Mikhail Klimentyev / Sputnik / AFP

Dieser Tisch steht für Macht und Distanz. Er distanziert sich von allen westlichen Politikern, von Macron, von unserem Bundeskanzler, von allen, die dort an dem langen Tisch saßen. Im Grunde genommen war damit eindeutig erkennbar: So groß ist die Distanz zwischen dem Chef der Russischen Föderation, Putin, und den Europäern, egal welchen Europäern. Putin setzte damit ein starkes Zeichen! Wir hätten diese Situation besser interpretieren müssen. Und er demonstrierte mit dem langen großen Tisch seine Macht, seine Stärke und Russlands Größe. Mit Watzlawicks Worten: „Es gibt nicht Nicht-Kommunikation“. 

Auch die Aktion Putins 2007 mit seinem schwarzen Labrador Koni den er, so wird gemutmaßt, gezielt während eines gemeinsamen Presseauftritts mit Kanzlerin Merkel im Kreml hereinließ, war politische Kommunikation und eine Provokation. Es war bekannt, dass Merkel Angst vor Hunden hat. [Putin bestritt später, von Merkels Hundeangst gewusst zu haben.]

Der Präsident der Russischen Föderation, Wladimir Putin (R), streichelt seinen Hund Koni, während Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel während einer Pressekonferenz nach einem Arbeitstreffen in der Residenz Bocharov Ruchei in Sotschi, 21. Januar 2007, zusieht. Foto: Axel Schmidt / AFP

Und ich erinnere daran, was ich eingangs sagte: Politische Kommunikation hat immer das Ziel, die eigene Unverzichtbarkeit und Legitimation darzulegen und gleichzeitig Konkurrenz zu vermeiden. Jeder will den Kommunikationsprozess am Ende für sich entscheiden, Deutungshoheit gewinnen, das Publikum begeistern.

Zentral für das Verständnis von politischer Kommunikation ist ein weiterer Aspekt: Frei nach Niklas Luhmann gibt es zwei Welten. Das eine ist die Welt erster Ordnung: Es ist das, was wir direkt erleben, was wir selbst beobachten und interpretieren.

Und dann gibt es die Welt zweiter Ordnung: Es ist die Welt, die die Medien uns, den Zuschauern oder Lesern, vermitteln. Die Medien, also Journalisten, aber auch private YouTuber, Twitterer, Instagrammer und so weiter treffen für ihr Publikum eine Auswahl. Das tun wir alle, wenn wir zum Beispiel unserem Partner eine beliebige Situation schildern, wird diese Erzählung niemals exakt der Realität entsprechen können, das wäre eine völlige Unmöglichkeit.

Wir wollen unserem Partner oder unserer Partnerin nicht Fake News erzählen, sondern ihm oder ihr das Geschehene, so wie wir es erlebt und interpretiert haben, nahe bringen. Damit wollen wir gemeinsames Wissen erzeugen, eine gemeinsame „Hintergrundrealität“. Und normalerweise funktioniert das auch, weil wir einander vertrauen und weil wir vielleicht nachfragen und einen Abgleich vornehmen. Gleichwohl, wir wissen am Ende nie sicher, ob das Bild von der Welt, das wir haben, mit der Wirklichkeit übereinstimmt. 

Sie erinnern sich an Platons Höhlengleichnis. Dort werden Schatten in einer Höhle für die Realität gehalten. Später wird erkannt, dass es nur Schatten waren. Außerhalb der Höhle sieht man plötzlich etwas anderes. Das bedeutet, man muss kritisch bleiben, egal was man macht und was man sich anguckt. Das gilt besonders auch für die sozialen Medien. Denn im Gegensatz zum professionellen Journalismus, der Sanktionen fürchten muss, gibt es in diesen Bereichen kaum Regeln.

Wie hat sich die politische Kommunikation historisch gesehen entwickelt?

Politische Kommunikation gab es natürlich schon immer. Politik ist ohne Kommunikation nicht denkbar, zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft abhängig von den jeweils vorhandenen Medien, die einen öffentlichen Raum der politischen Kommunikation überhaupt erst erzeugen. Der Senat im alten Rom, die Marktplätze, die Kanzel der katholischen Kirche, das waren Plätze, Orte, wo über die „res publika“, also das, was als Angelegenheit des Volkes gilt, kommuniziert, verhandelt wurde oder eben einfach Dinge verkündet wurden.

Die Ermordung von Julius Cäsar (100 – 44 v. Chr.) im Senat in Rom, 15. März 44 v. Chr. Foto: Archive Photos/Getty Images

Gutenberg erzeugt mit seiner Druckerpresse den ersten quantitativen und qualitativen Sprung in Sachen Kommunikation. Heute erleben wir politische Kommunikation häufig hoch professionalisiert; wir als Publikum erwarten sogar, dass unsere Politiker professionell kommunizieren. Nachhaltige Veränderungen der politischen Kommunikation entstehen oftmals in Krisenzeiten. 

So geht etwa die professionelle politische Kommunikation moderner Prägung auf den amerikanischen Bürgerkrieg Südstaaten gegen Nordstaaten zurück. Hier tauchten zum ersten Mal „Kriegsberichterstatter“ auf. Jede Seite schickte eigene Berichterstatter raus, die ersten „Blätter“ entstanden, die das wachsende Bedürfnis der Bürger nach Informationen befriedigten. Auch während des Ersten Weltkriegs wurden neben Versammlungen und Kundgebungen schon Zeitungen, Flugblätter und Plakate eingesetzt, um die politische Kommunikation zu intensivieren.

Seit 1933 wurde der Volksempfänger zu einem zentralen Propaganda-Instrument der Nazis. Im Zweiten Weltkrieg dann fand die politische Kommunikation über die Wochenschau im Kino, im Radio und den Zeitungen statt. Der nächste Sprung war dann der Vietnamkrieg, weil es dann das Fernsehen gab. Der Fernseher war das erste globale Medium, welches direkt Bilder aus dem Kriegsgebiet zeigte, in dem Fall aus Vietnam. Das war tatsächlich ein Einschnitt in der Kriegsberichterstattung, weil die grausamen Bilder, die sich in Vietnam auftaten, in der weltweiten Öffentlichkeit Ablehnung und Protest gegen diesen Krieg und gegen die USA erzeugten. Unabhängiger Journalismus wurde zu einer Institution.

US-Truppen steigen während des Vietnamkriegs 1967 von einem Lastwagen aus. Foto: Agence France Presse/Getty Images

September 1967: Eine nordvietnamesische Frau oder ein nordvietnamesisches Mädchen richtet ein Gewehr auf den amerikanischen Kriegsgefangenen Gerald Santo Venanzi, einen Oberleutnant der US-Luftwaffe, als er während des Vietnamkriegs, Nordvietnam, vor ihr durch die Vegetation geht. Foto: Hulton Archive/Getty Images

Die Amerikaner mussten lernen, dass sie durch die Form ihrer Kriegsberichterstattung, durch ihre Art der offenen politischen Kommunikation, den Krieg moralisch verloren hatten. Die amerikanische Regierung änderte daraufhin die Regeln der Kriegsberichterstattung. Das sah man zum Beispiel deutlich am Golfkrieg. Hier wurden der Öffentlichkeit hauptsächlich computergestützte Animationen präsentiert. 

Der Vietnamkrieg änderte weltweit die Berichterstattung von Staaten, wenn Krieg geführt wird.

Warum zeigt man denn überhaupt Bilder, die den Einsatz der eigenen Kräfte zeigen? Was steckt dahinter?

Dahinter steckt die Absicht zu dokumentieren, dass man die erklärten Kriegsziele erreicht. Zudem sind Bilder sehr gut für die politische Kommunikation geeignet.

Das Bild schlägt den Text. Inhalte sind so einfach schneller, kompakter und unmittelbarer zu vermitteln. Die politische Kommunikation insgesamt ist durch die Amerikaner immer weiter professionalisiert worden, sie sind immer wieder Vorreiter. 

Das fing mit dem ersten Fernsehinterview zwischen Nixon und Kennedy an, wo man festgestellt hat, dass Spitzenkandidaten in einer direkten Gegenüberstellung einen Unterhaltungswert haben. Kennedy hat damals den Präsidentschaftswahlkampf auch dank des Fernsehens gewonnen. Man hat also in Amerika die politische Kommunikation auch im Kontext von Wahlen hoch professionalisiert und natürlich aus den Erfahrungen immer wieder gelernt. Und wir Europäer haben das zum Teil auch übernommen.

Also hat Kennedy besser abgeschnitten, weil er das Medium Fernsehen besser genutzt hat?

Ja. Nixon ging gestresst in dieses Interview rein. Kennedy war ein junger Bewerber, noch keine 40 Jahre alt. Nixon fing an zu schwitzen, er wirkte gehetzt. Nixon saß in der Fernsehsendung, hatte Schweißausbrüche und wirkte verkrampft gegen diesen jungen, dynamisch auftretenden Kennedy. Dieses Interview hat Nixons Schwäche offengelegt oder zumindest hat man so gedacht, der ist schwach und der junge Kandidat ist der bessere.

1960: Der republikanische Vizepräsident Richard Nixon (1913-1994) (L) und der demokratische Senator John F. Kennedy (1917-1963) nehmen während ihrer Präsidentschaftskampagne an einer Fernsehdebatte teil. Foto: Hulton Archive/Getty Images

Und das Spitzeninterview war im Grunde genommen ausschlaggebend für das positive Wahlergebnis von Kennedy bei der ersten Wahl, wo er als Senator eigentlich noch relativ unbekannt war.

Und wie kann man das jetzt für Deutschland verstehen? Hat sich Deutschland an Amerika in der politischen Kommunikation orientiert?

In der alten Bundesrepublik wurde die politische Kommunikation von Amerika fast vollkommen kopiert. Der Erste, der das kopierte, war das Team Willy Brandt. Er war 1961 der junge Kanzlerkandidat der SPD, genau wie Kennedy als Präsidentschaftskandidat. Wir wissen, für das Team Brandt war Kennedy das Vorbild bei der politischen Kommunikation als Kanzler-Spitzenkandidat.

Alles, was die Amerikaner als Stilmittel in der politischen Kommunikation bis heute einsetzten, wurde später in den liberalen Demokratien Standard. Obama zeigte, wie man Social Media einsetzt. Er gewann die Wahlen mithilfe von Social Media.

Das heißt, der deutsche Wahlkampf in der Politik hat permanent vom amerikanischen gelernt. Ob das jetzt die Kanzlerrunden oder die politischen Diskussionen im Fernsehen sind, der Einsatz von Social Media und „spin doctors“, Deutschland hat alles übernommen.

Wenn die Wahl von Willy Brandt ein erfolgreiches Beispiel für politische Kommunikation war, wo hat in Deutschland die politische Kommunikation versagt? Gibt es da markante Beispiele?

Sowohl bei der Corona-Pandemie als auch bei der Flüchtlingskrise ab 2015 hat die staatliche politische Kommunikation versagt. Bei beiden hat es nicht funktioniert. Das hat in beiden Fällen dazu geführt, dass die ganze Gesellschaft heftig durchgeschüttelt worden ist. Man hat nicht angemessen und klar kommuniziert.

Nehmen Sie die Geschichte mit den Masken. Da waren am Anfang keine Masken da. Dann hat man gesagt, man braucht sie nicht, sie bringen nicht viel. Auf einmal brauchte man sie doch. Mit solchen Entscheidungen hat man das Vertrauen in der Gesellschaft bei vielen Menschen verspielt. Beim Impfschutz war es dasselbe. Die Bevölkerung und die Gesellschaft sind in die Entscheidungen nicht mit einbezogen worden. Man hat eigentlich immer nur gesagt, wie schlimm alles ist, was dann zum ersten (noch berechtigterweise) Lockdown führte. Dann gab es weitere Einschränkungen, obwohl man dann bereits schon über viel mehr Kenntnisse und Informationen verfügte, die nicht einbezogen wurden. Am Ende hat man nur noch auf einige Virologen gehört.

Es wurde nicht hinterfragt, was ergibt sich durch die Maßnahmen eigentlich wirtschaftlich, sozial und finanzpolitisch. Man hat viele Fehler in der politischen Kommunikation und in der Krisenbewältigung gemacht. Darauf gehe ich in meinem Buch ein: „Die Irritation der Gesellschaft durch den Lockdown“(2022).

Und  jetzt mal gesehen auf den Ukraine-Krieg. Wem würden sie da eine erfolgreiche politische Kommunikation bescheinigen?

Also das ist, sagen wir mal, nicht so ganz einfach, weil man schnell von politischer Kommunikation in die Politik rutschen kann. Die Menschen in Deutschland sehen, die Ukraine hatte damals die Atomwaffen an Russland abgegeben, mit der Annahme, „wir haben unsere Ruhe“. Dann hat sich die Ukraine wirtschaftlich gut entwickelt und wurde jetzt von Russland überfallen. Hier ist von vornherein klar, wer der Übeltäter ist. Da bedarf es keinen großen Aufwand mehr an politischer Kommunikation.

Nehmen Sie das Beispiel der gerade zurückgetretenen Familienministerin Frau Spiegel aus dem Ahrtal. Da hat die Gesellschaft das Gefühl, dass eine Ministerin in den Urlaub gefahren ist, während im Ahrtal Menschen umgekommen sind. Jetzt hat sie zwar gute Gründe für den Urlaub. Ihr Mann hatte laut ihrer Aussage einen Schlaganfall. Aber das Ereignis, das Ahrtal erlebte eine schlimme Naturkatastrophe und sie kümmert sich nicht drum, überwiegt. Und in Deutschland gab es mal einen Helmut Schmidt, der mit einer Hochwasserkatastrophe ganz anders umgegangen ist. Das wissen zumindest die Älteren noch. Da hat sie es natürlich schwer, mit einer Pressekonferenz, mit Mitteln der politischen Kommunikation, Verständnis zu finden. Das konnte sie nicht hinbekommen. Also in beiden Fällen, im Ukraine-Konflikt und im Fall von Frau Spiegel steht von vornherein die öffentliche Wahrnehmung fest.

Man muss natürlich sehen, dass beide Ereignisse auf verschiedenen Ebenen liegen, deshalb nicht vergleichbar sind. Man kann hieran nur erkennen, dass es immer Ausgangssituationen gibt, die prägend sind.

Aber wie kann man sich schützen, dass man nicht durch politische Kommunikation desinformiert wird? Gerade in Bezug auf den Ukraine-Konflikt gibt es ja auch viele „Fake News“. 

Natürlich, indem man sich breit informiert. Das kann einen schützen davor, in irgendeine falsche Richtung zu gehen. Den Aufwand müssen wir betreiben. Die Menschen sollten verschiedene Quellen lesen und sich mit unterschiedlichen Positionen auseinandersetzen, damit sie den klaren Blick nicht verlieren. Die Manipulationsmöglichkeiten sind groß, auch durchs scheinbar zunächst sinnvoll wirkende „Nudging“.

Man sollte sich auch die Quellen genau anschauen. Woher kommt welche Information, was sind die Interessen dahinter? Und man sollte wissen, was die politische Kommunikation mit Texten, Videos, Fotos, Reden usw. mit einem macht. Man sollte sich Zugang zu Fakten verschaffen. In welchem sozialen System lebt der Informant/in? Was sind die Interessen in dem sozialen System? Was wissen wir darüber? Was ist die Geschichte zum Beispiel eines Landes? Was passiert dort alles? Je mehr Fakten man hat, umso besser. Man muss immer kritisch bleiben. Denken sie daran, alles, was wir wissen, wissen wir aus den Medien. Wir bekommen die Information aus der Welt zweiter Ordnung.

Das Interview führte Erik Rusch. 

 

Werner Bruns (68) ist Sozialwissenschaftler. Er war in den letzten 20 Jahren unter anderem Lehrbeauftragter an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, an der Universität zu Köln, der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, der Fachhochschule Esslingen am Neckar und der Dualen Hochschule in Ravensburg. Bruns leitet heute das „Europa-Institut für Erfahrung und Management- METIS“ an der Rheinischen Fachhochschule Köln und ist dort Studiengangsleiter für „Digital Transformation Management“.

 Er war von 1987 bis 1996 als Referent für Arbeitsmarktpolitik im Niedersächsischen Sozialministerium tätig.

Bruns arbeitete von 1996 bis 2009 im Wirtschaftsministerium von Baden-Württemberg, zunächst als Leiter der Zentral- und Pressestelle, dann als Leiter der Grundsatzabteilung des Ministeriums und später als Chef der Mittelstandsabteilung.

Von 2009 bis 2014 war er Abteilungsleiter und Politischer Direktor im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und zwei Jahre Vertreter des Staatssekretärs. Er publizierte darüber hinaus zahlreiche gesellschafts- und wirtschaftspolitische Bücher und Aufsätze.



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