Belarus: Frau, Mutter, Präsidentschaftskandidatin

Epoch Times9. August 2020 Aktualisiert: 9. August 2020 13:21
Bis Mai war die 37-jährige ehemalige Übersetzerin Tichanowskaja eine Unbekannte, jetzt ist sie die stärkste Konkurrentin des belarussischen Autokraten Alexander Lukaschenko. Ihr geht es nicht um Macht.

Swetlana Tichanowskaja wollte nie Präsidentin werden. Bis Mai war die 37-jährige ehemalige Übersetzerin eine Unbekannte, jetzt ist sie die stärkste Konkurrentin des belarussischen Autokraten Alexander Lukaschenko und macht ihm die sicher geglaubte Wiederwahl zu seiner sechsten Amtszeit schwer. Doch Tichanowskaja, deren politische Positionen etwa zu Russland bislang vage bleiben, geht es nach eigenen Angaben nicht um Macht.

„Jeder weiß, wie ich hier gelandet bin: Aus Liebe zu meinem Mann“, sagte Tichanowskaja Mitte Juli. „Ich mache weiter, was er angefangen hat.“

Ihr Mann, der bekannte 41-jährige Youtuber Sergej Tichanowski, war im Mai festgenommen worden. Die Behörden warfen ihm Gewalt gegen einen Polizeibeamten vor. Die Wahlkommission belegte ihn mit einem Kandidaturverbot. Später wurde Tichanowski außerdem beschuldigt, Massenunruhen organisiert und mit russischen Söldnern zusammengearbeitet zu haben.

Ihre Kinder bracht sie aus Angst um ihre Sicherheit ins Ausland

Den Menschen in Belarus will seine Frau, die zuletzt vor allem Hausfrau und Mutter war, „die Chance geben, eine Wahl zu haben“. Dafür nimmt die ausgebildete Englisch- und Deutsch-Lehrerin viel in Kauf.

Denn unter dem seit 1994 amtierenden Präsidenten Lukaschenko gehen die Behörden massiv gegen die Opposition vor. Mehrere potenzielle Präsidentschaftskandidaten sitzen im Gefängnis. Mindestens 1100 Menschen wurden laut der Menschenrechtsorganisation Wiasna seit Mai bei Wahlkampfveranstaltungen festgenommen. Einen Tag vor der Wahl wurden auch zwei enge Vertraute von Tichanowskaja festgenommen: ihre Wahlkampfleiterin Maria Moros bereits zum zweiten Mal und ihre Mitstreiterin Maria Kolesnikowa, die später wieder auf freien Fuß kam.

Ihre Kinder im Alter von fünf und zehn Jahren hat Tichanowskaja aus Angst um ihre Sicherheit ins Ausland gebracht. „Glaubt Ihr etwa, dass ich keine Angst habe?“, rief Tichanowskaja bei einer Wahlveranstaltung in der Kleinstadt Maladsetschna Ende Juli tausenden Zuhörern zu. „Jetzt ist die Zeit, dass jeder seine Angst überwinden muss.“

Ohne politische Erfahrung ist es der ehemaligen Übersetzerin gelungen, tausende Unterstützer auf die Straße zu bringen, sowohl in der Hauptstadt Minsk als auch in kleinen Städten. Dabei präsentiert sie sich als „ganz normale Frau und Mutter“. Sollte sie gewinnen, will sie ihren Mann und andere Oppositionelle befreien, ein Verfassungsreferendum abhalten und freie Wahlen ansetzen.

Tichanowskaja steht nicht allein

Tichanowskaja trat zu Beginn noch zögerlich und unsicher auf, mittlerweile hat sie ihren Ton gefunden. Live-Sendungen im Fernsehen etwa nutzte sie, um mutmaßliche Lügen von Präsident Lukaschenko aufzuzählen.

Dieser hat die weibliche Konkurrenz offensichtlich unterschätzt. Noch im Mai hatte er gesagt, die belarussische Gesellschaft sei „nicht reif“ für eine Frau als Präsidentin. „Unerwartet stark“, urteilte hingegen kürzlich die oppositionelle Zeitung „Nascha Niwa“ über eine Fernsehansprache von Tichanowskaja. Ein Interview mit dem Sender BBC führte sie kürzlich auf Englisch – im Gegensatz zu Lukaschenko, der nicht für seine Sprachkenntnisse bekannt ist.

Tichanowskaja steht nicht alleine da. Im Wahlkampf wird sie seit Juli von Weronika Zepkalo und Maria Kolesnikowa, beide politisch erfahren, unterstützt. Alle drei Frauen teilen ein ähnliches Schicksal: Zepkalos Ehemann wurde von der Teilnahme an der Wahl ausgeschlossen und ist nach Moskau geflohen, Kolesnikowa war Kampagnen-Chefin für die Kandidatur des Ex-Bankers Viktor Babaryko, der heute im Gefängnis sitzt.

Bereits jetzt hat Tichanowskaja mit Hilfe ihrer Mitstreiterinnen die Erwartungen der Experten übertroffen, die ihr noch vor wenigen Wochen bescheinigt hatten, „absolut nicht bereit für diese Mission“ zu sein.

Tichanowskajas politische Positionen sind bisher allerdings vage geblieben – gerade in Bezug auf das Verhältnis zu Russland. Ins Straucheln geriet die 37-Jährige, als sie auf den Konflikt um die Krim-Halbinsel zwischen den Nachbarländern Russland und Ukraine angesprochen wurde. Die Krim sei ukrainisch, aber de facto russisch, sagte sie und fügte hinzu: „Quälen Sie mich nicht weiter.“ (afp/ks)

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