Wie geht es weiter mit der Wagner-Truppe?

„Was das Schicksal beschließt, kann nicht vermieden werden“, sagte Jewgeni Prigoschin in einem Video kürzlich. Viele sagen, er habe auf den Tod gewartet und er sei eindeutig darauf vorbereitet gewesen. Was bedeutet das für die Zukunft der Söldner?
Belarussische Soldaten und Söldner der Wagner-Gruppe besprechen sich für ein Militärmanöver in einem Wald in Belarus.
Belarussische Soldaten und Söldner der Wagner-Gruppe besprechen sich für ein Militärmanöver in einem Wald in Belarus.Foto: Uncredited/Belarus' Defense Ministry/AP/dpa
Von 25. August 2023

Der israelische Sicherheitsexperte und Autor Robert C. Castel gab jüngst ein Interview, als die Nachricht vom möglichen Tod von Jewgeni Prigoschin kam. Sein Kommentar war kurz, er könne zwar die Möglichkeit eines Unfalls nicht ausschließen, doch sei er eher überrascht, dass es in Russland immer noch Menschen gebe, die es wagen würden, mit Prigoschin ein Flugzeug zu besteigen.

„Es war allen Experten absolut klar, dass Prigoschin eine Grenze überschritten hatte, die nicht überschritten werden darf. Jeder wusste, dass er nicht im Bett und unter Kissen sterben würde“, so der Analytiker.

Aber wenn das so vorhersehbar war – gibt es dann auch schon Pläne, was mit Wagners Kämpfern geschehen wird? Die Frage ist vor allem interessant, da sich den Berichten zufolge fast die gesamte militärische Führung der Wagner-Truppe an Bord des Flugzeugs befand.

Die Söldner beschuldigen Berichten zufolge den Kreml, die Finger im Spiel zu haben. Auf der Social-Media-Plattform X (früher Twitter) „Visegrad24“ sprechen sie von „Rache“. Es heißt, dass einige von ihnen möglicherweise schon auf dem Weg nach Russland seien.

Es kursieren derzeit Gerüchte, dass Prigoschins Tod ein vorgetäuschter Unfall sein könnte. Zumindest deuten dies sowohl Fachleute als auch Kommentatoren an. Jedoch wird das am Schicksal der Wagner-Söldner vermutlich nichts ändern – so oder so ist Prigoschin von der Bildfläche verschwunden. Eine offizielle Stellungnahme der Gruppe selbst liegt noch nicht vor.

„Jetzt geht’s los!“ – Aber wohin?

In einem in der Nacht veröffentlichten Video sagten drei maskierte Personen in Militärkleidung: „Jetzt geht’s los. Rechnet mit uns!“ Das Video wurde zuerst von Telegram-Kanälen veröffentlicht, die mit der Wagner-Gruppe verbunden sind.

Ungarische Experten weisen darauf hin, dass es schwierig sei, allein anhand des Filmmaterials zu überprüfen, ob es sich tatsächlich um Wagner-Söldner handelte. „Die Mitglieder der PMC Wagner tragen nur sehr selten irgendeine Art von Erkennungszeichen“, und es ist nicht genau bekannt, worauf sich das beziehen sollte.

„Portfolio“ weist in einer Analyse darauf hin, dass der Großteil der Wagner-Gruppe in Weißrussland stationiert sei und über keine schweren Waffen verfüge. Es sei „unwahrscheinlich […], dass sie eine Militäroperation von dem Ausmaß durchführen könnten, wie wir sie in diesem Sommer gesehen haben“.

Ein Plan für den Fall des Todes

Prigoschin hat selbst regelmäßig an der Front gekämpft und rechnete durchaus mit seinem Tod. In einem Telegramm-Video sagte er dazu: „Wie das Sprichwort sagt, ist es besser, als Held zu sterben, als Zombie zu leben. […] Was das Schicksal beschließt, kann nicht vermieden werden“.

Wagners Gruppe dürfte daher auf den Fall des Todes des Anführers vorbereitet sein. Die russische Zeitung „Readovka“ erfuhr über einen Insider, dass „die Truppe über einen klaren Mechanismus für den Fall verfügt, in dem sowohl der Leiter als auch sein Stellvertreter sterben“.

Laut der anonymen Quelle wird der Plan in diesem Fall automatisch umgesetzt. Alle Wagner-Führungskräfte kennen ihre Aufgaben. Wie dieser Plan an sich aussieht und was er beinhaltet, ist unbekannt.

„Wenn sich herausstellt, dass Dmitri Utkin beim Absturz des Geschäftsflugzeugs RA-02795 ebenfalls ums Leben kam, wird der Algorithmus sofort aktiviert“, so der Insider gestern gegenüber der Zeitung. Dass Utkin gestorben ist, sei bekannt.

Nach Angaben von „Readovka“ findet derzeit ein Treffen der Wagner-Kommandeure statt. Es wird erwartet, dass das Ergebnis in einer Videobotschaft veröffentlicht wird, in der die Kommandanten eine gemeinsame Erklärung abgeben werden. „Dies wird in naher Zukunft geschehen“, heißt es abschließend in der Meldung.

Könnte dies das Ende der Truppe sein?

Die Söldnerarmee, die von Jewgeni Prigoschin und Dmitri Utkin gegründet wurde, zählt heute schätzungsweise 30.000 Mitglieder. Das Geschäftsmodell der Teams war einfach, die Wagner-Söldner sind im wesentlichen Auftragsmörder. „Sie vertreten zum Beispiel ein zweifelhaftes Regime in Afrika oder im Nahen Osten und wollen, dass ihre politischen Feinde gewarnt oder getötet werden – dann ist die Wagner-Gruppe für sie da. Sie müssen sich nur auf einen Preis einigen“, so eine Analyse von „ABC“.

Putin hat lange Zeit jegliche Verbindungen zu Wagner bestritten. Doch der Konflikt in der Ukraine erforderte den Einsatz der Söldner, daher hatte sich seit 2022 vieles geändert. Dennoch sind diese Soldaten bezahlte und gleichzeitig vom Staat unabhängige Söldner geblieben.

So agieren sie auch in Afrika in der Zentralafrikanischen Republik, in Libyen, Mali und im Sudan. Wagner führt auch „Aktivitäten in anderen Ländern durch, je nach den Bedürfnissen des Auftraggebers“. Dazu gehört je nach Wunsch eine militärische Unterdrückung von Rebellengruppen oder auch die Unterstützung von Rebellengruppen gegen die Regierung. Auch Sicherheitsdienste für Regierungen, Online-Desinformationskampagnen und politische Aktivitäten gehören nach Meinung der Analysten zu ihrem Portfolio.

Das „Putin-Wagner-Problem“ ist gelöst

Wie geht es nun weiter? Für den Russland-Experten Gábor Stier ist es höchst unwahrscheinlich, dass die Wagner-Gruppe aufgelöst wird.

Wer auch immer hinter dem Flugzeugabsturz stecke – das „Putin-Wagner-Poblem“ sei gelöst, so Stier. Schließlich wollte der russische Präsident offensichtlich, dass Prigoschin nach dem Aufstand aus der Organisation herausgelöst wird.

Offen sei die Frage, wer die Truppen anführen wird. Bei einem Treffen mit 35 Wagner-Befehlshabern im Kreml am 29. Juni schlug Putin mehrere Alternativen für die Fortsetzung der Operationen vor. Darunter war auch die Ernennung eines hochrangigen Wagner-Führers zum neuen Befehlshaber, der unter dem Pseudonym „Sedoy“ oder „Grauhaar“ bekannt ist.

„Sedoy“, der in Sanktionsunterlagen der EU und in offiziellen französischen Dokumenten Andrei Trosev genannt wird, ist einer der hochrangigen Befehlshaber von Wagner. Als der Name auf dem Juni-Treffen fiel, „nickten viele Kommandeure zustimmend zu Putins Vorschlag“. Prigoschin war mit dieser Entscheidung jedoch nicht einverstanden, wie das Wirtschaftsmagazin „Portfolio“ damals berichtete.

Laut Gábor Stier wäre es auch möglich, dass einflussreiche russische Personen mit Geschäftsinteressen in Afrika hinter dem Tod von Prigoschin stecken könnten. Ihnen habe es vermutlich nicht gefallen, dass Prigoschin dort das große Geschäft mache.

Polen ist wachsam

Der polnische Politiker Marcin Gorala, stellvertretender Minister für Finanzen und Regionalpolitik, erklärte im „Radio 1“, die bewaffnete Gruppe stelle „auch ohne Prigoschin eine ernsthafte Bedrohung für Polen dar“.

„Wir müssen unsere Grenze sichern, wir müssen ein System der staatlichen Immunität aufbauen, wir müssen unsere Streitkräfte verstärken, wir müssen Barrieren an der Grenze bauen, erhalten und nicht abbauen“, zitierte ihn die russische „Readovka“ im Zusammenhang mit den neuesten Nachrichten über die Wagner-Söldner.

Ob sich Wagner-Söldner auf polnischen Boden begeben, ist fraglich. Es wird spekuliert, dass die in Weißrussland stationierten Truppen eher in die entgegengesetzte Richtung, nach Russland, gehen würden.

Und was plant Putin?

Nach dem Flugzeugabsturz hat Putin am Donnerstag „den Familien aller Opfer“ sein Beileid ausgedrückt. Die bei dem Absturz vermutlich gestorbenen Mitglieder der Söldnergruppe Wagner hätten einen „bedeutenden Beitrag“ zu der seit Februar 2022 laufenden Militäroffensive in der Ukraine geleistet. Die Ermittlungen zum tödlichen Absturz des Flugzeugs würden „bis zum Ende“ geführt, kündigte der russische Präsident an.

Nähere Informationen über die möglichen Zukunftspläne von Putin lieferte Anfang August ein Bericht des US-amerikanischen Kriegsstudieninstituts ISW (Institute for the Study of War).

Ein mögliches Szenario ist nach Einschätzung des Instituts, dass das russische Verteidigungsministerium das Wagner-Personal in traditionelle russische Einheiten integriert. Einem Insider zufolge könnte der Kreml den Söldnern ebenfalls andere Jobangebote unterbreiten. So wurde ihnen zum Beispiel schon früher angeboten, mit anderen privaten Militärfirmen in Syrien und Afrika zu arbeiten.



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