Deutschland ist der „Puff Europas“ – Ex-Kripo-Chef über Menschenhandel und Sexsklaverei

Von 7. Juni 2019 Aktualisiert: 8. Juni 2019 12:27
„Mir ist schlecht... Unser Unrechtsstaat, dass wir das erst ermöglichen, diese dreckige Ausbeutung“, sagte ein Zuhörer eines Vortrages, bei dem der ehemalige Kriminalkommissar Manfred Paulus über die unhaltbaren Zustände in Deutschlands Rotlichtmilieu sprach.

Ein dunkler Schatten liegt über Deutschland. Ein dunkler Schatten, der es der Polizei nahezu unmöglich macht, einen der bedeutendsten Kernpunkte in der Kriminalität anzutasten. Das Thema berührt und es ist unangenehm. Man könnte sogar sagen, es wird in Deutschland totgeschwiegen. Die Rede ist von Menschenhandel und Sexsklaverei.

Das Thema müsse deutlich angesprochen werden, auch wenn es kein schöner Abend werde, sagte Manfred Paulus, ehemaliger Leiter der Kriminalpolizei Ulm. In einem Vortrag sprach er aus dem Nähkästchen seines Berufslebens, über die unhaltbaren Zustände, die Deutschlands Regierung für Zuhälter und ganzen Rotlicht-Clans geschaffen hat, weil die Rechtsstaatlichkeit Dinge legalisiert und von falschen Tatsachen ausgeht.

Er wolle nichts beschönigen, wie es in anderen Bereichen getan würde, so Paulus. Hinter glitzernden Fassaden würden sich „Dreck, Elend, Not, Hilflosigkeit, Gewalt und Kriminalität“ verbergen, selbst in Nobelpuffs, in denen die beste Gesellschaft verkehrt.

Was bis 2002 noch als sittenwidrig galt und in Schweden oder Frankreich geächtet wird, gehört heute in Deutschland zur Normalität. Die deutsche Politik hat den Markt für sexuelle Dienstleistungen weit geöffnet. „Der Gesetzgeber macht dem Freier noch Mut“, sagt Paulus.

Das schmutzige Geschäft mit der „Ware Frau“

Einst hatten sie Träume vom bunten, schillernden Westen, wo es alles gibt: medizinische Behandlungen, Wohnungen, Arbeitsstellen. Junge, hübsche Frauen, die in ihrer Heimat keine Perspektive sehen, die aus Ghettos mit 10.000 bis 20.000 Einwohnern kommen, in dessen Umfeld es keinen Arzt gibt. „Sie haben irgendwo an einem Baum einen Zettel gelesen über das schöne Leben in Deutschland“, beschreibt Paulus. Doch hinter diesen Zettel verbergen sich kriminelle Machenschaften.

Inzwischen gibt es ganze Clans organisierter Kriminalität, die sich mit dem Frauen- und Kinderhandel befassen. Das hat einen guten Grund: Während man sich im Waffen- oder Drogenhandel ständig neue Ware anschaffen muss, ist die „Ware Frau“ überall erhältlich und kostenlos. Denn bis auf wenige professionelle deutsche Prostituierte, die in der Sado-Maso-Szene arbeiten, tappen die jungen perspektivlosen Frauen aus den Ostblockländern in die Falle der Zuhälter und antworten auf das Inserat oder ihre Anzeige in der Zeitung oder fallen eben auf jenen Handzettel rein, der am Baum klebt. Sie bewerben sich als Tänzerin, Au-Pari-Mädchen, Altenpflegerin oder Restauranthelferin. Und damit beginnt ihre Odyssee in das Traumland Deutschland.

Bereits auf dem Transportweg erzeugen die Schleuser Abhängigkeit und Hilflosigkeit bei ihrer „Ware“. Sie nehmen den Frauen Pass und Handy weg, so dass sie den Kontakt zur Außenwelt verlieren. Die Frauen werden unter Drogen gesetzt und mental bedroht. Die Schleuser gaukeln ihren Opfern vor, dass ihre Handlung strafbar sei, schließlich würden sie illegal einwandern, mit einem gefälschten Pass. Sie machen die Frauen zum Mittäter.

„In diesem Moment kippen die Träume der Opfer“, so Paulus. Sie werden „zugeritten, bis jeder Widerstand gebrochen ist“. Sie werden auf das vorbereitet, was in Deutschland auf sie wartet. Das Schlimmste, was einem Zuhälter passieren kann, sei Verrat. „Verrat ist die schlimmste Verfehlung“, so Paulus. Daher würden die Frauen gefügig und willenlos gemacht. Hübsche, junge Frauen, ihres Willens beraubt, werden zu Gefangenen, die ihren Ausbeutern hilflos ausgeliefert ist.

„Prostitutions-Tourismusland Deutschland“ und „Puff Europas“

Was den Deutschen im Großen und Ganzen verborgen bleibt, gilt unter unseren Nachbarländern schon längst als Geheimtipp. „Pariser Männer ziehen mit Zügen freitags in Richtung Deutschland“, so Paulus. Denn an der Grenze wartet ein Bordell neben dem anderen auf seine Freier.

Deutschland räumt diesem Milieu große Freiheiten ein, mehr als alle anderen Länder der westlichen Welt.

Deshalb ist Deutschland so beliebt als Zielland. Im übrigens haben wir auch eine immer größere Nachfrage. Weil wir längst nicht nur zum Puff Europas, sondern zu einem Prostitutionstourismusland geworden sind“, sagt Paulus.

Seiner Meinung nach werden die Abläufe legalisiert. Deutschland gehe von freiwilliger Prostitution aus, dabei spräche vieles für Menschenhandel und Sexsklaverei, so Paulus. So trat am 1. Juli 2017 das neue Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) in Kraft. Bei der Gestaltung dieses Gesetzes wollte sich der Kriminalbeamte mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung im Bereich Prostitution einbringen. Der innenpolitische Sprecher einer großen Partei sei auf ihn zugekommen. Um welche Partei es sich handelte, wollte Paulus nicht verraten. Er wolle nicht das Bild vermitteln, dass diese Partei gut und die anderen schlecht seien.

Paulus jedenfalls willigte ein und erarbeitete gemeinsam mit der Partei ein 10-Punkte-Programm. Beispielsweise sollte es eine polizeiliche An- und Abmeldung von Zuhältern geben. Er forderte ein Prostitutionsverbot von Frauen unter 21 Jahren und eine Gesundheitsuntersuchung alle vier Wochen. Die Partei legte das Programm zur Abstimmung vor. Es wurde abgelehnt. Die An- und Abmeldung eines Zuhälters wäre „diskriminierend“ und ein Berufsverbot unter 21 Jahren würde in die „Berufsfreiheit“ eingreifen.

Sinnvolle, notwendige Aspekte wurden einfach unter den Tisch gekehrt,“ so Paulus.

Es sei einfacher einen Puff zu betreiben, als eine Würstchenbude zu eröffnen, betont der Ex-Kripo-Chef. Für die Würstchenbude benötige man eine Lizenz, hingegen kann man einen Puff auch mit 70 Vorstrafen betreiben.

Sexarbeiter nach deutschem Recht

Die Seite prostituiertenschutzgesetz.de ist eine Anlaufstelle für Prostituierte. Sie informiert beispielsweise über die Anmeldepflichten. Dort heißt es:

Das neue Prostituiertenschutzgesetz legt Sexarbeitern eine Reihe von Pflichten auf. Diese sind neu und müssen ab dem 01.07.2017 befolgt werden.“

So müsse jeder Ort, wo „gearbeitet wird“ bei der Behörde angemeldet werden. Diese Anmeldung gelte für zwei Jahre, für Personen unter 21 nur ein Jahr. Eine Meldepflicht für die Zuhälter gibt es wie bereits erwähnt nicht.

Die „Sexarbeiter“ nennt man übrigens laut § 2 ProstSchG auch „prostituierte Personen, die sexuelle Dienstleistungen erbringen“.

Diese Begriffe sieht Paulus als „höchst problematisch“, sogar „fatal“ an. Denn der Begriff Prostituierte gaukele Freiwilligkeit vor. Mit dem rechtsstaatlich geprägten Begriff würde suggeriert, was mit der Realität nichts zu tun habe. „90 Prozent der Prostituierten sind Sexsklavinnen, Zwangsprostituierte – keine Freiwilligen“.

Wie die Mafia in Deutschland investiert

In den vielen, vielen Gesprächen während seiner Reisen durch verschiedene Länder stellte eine albanische Frau, die der Sexsklaverei in Deutschland entkam, dem Kriminalbeamten die Frage: „Warum kann und darf es so etwas in Deutschland geben?“

Paulus gab die Frage an seine Zuhörer im Saal weiter: „Warum gibt es das in unserem Land? Ist das politische Naivität? Stecken wirtschaftliche Interessen dahinter? Schließlich handelt es sich um einen Milliardenmarkt. Die Spitzenzuhälter sitzen nicht selten in Fußballstadien im VIP-Bereich direkt neben Politikern. Könnte es sein, dass sie inzwischen Einfluss auf die Politik und die Gesetzgebung ausüben?“

Roberto Scarpinato, Leiter von Pools der Staatsanwälte, die die italienische Mafia bekämpfen ist ein Kenner der Rotlichtszene. Er ist wohl – so schätzt Paulus – der am zweitbesten bewachte Mann auf der Welt nach US-Präsident Donald Trump. Scarpinato sagte in einem Gespräch mit Paulus:

Deutschland tut noch immer so, als wäre die Mafia ein Problem der Italiener, Japaner und Chinesen. Wäre ich Mafiosi, würde ich in Deutschland investieren, nur in Deutschland. Und so schlau wie ich ist die Mafia schon lange.“

Und tatsächlich gibt es längst ganze Rotlicht-Clans, deren Einflussnahme nicht im Rotlichtviertel aufhört. Sie wollen ihren Platz in der Gesellschaft einnehmen.

Die Polizei scheint machtlos. Es sei mühsam, im Rotlichtmilieu zu ermitteln, sagt Paulus. Oft bräuchte man ein bis zwei Jahre. Und die Gefahr, dass man danach mit leeren Händen dastehe, sei groß, so Paulus weiter. Die Polizei brauche schnelle Erfolge. Die gebe es im Bereich Menschenhandel und Rotlicht jedoch nicht.

Daher könnte die Idee aufkommen, dass sich die Polizei lieber anderen Bereichen zuwende. Zumal vor Gericht – falls es zu einem Rotlichtprozess kommt – fast immer zugunsten der Täter ein Deal geschlossen werde. Es sei schwer für einen Richter, ein Urteil zu Lasten eines Zuhälters zu fällen, selbst wenn er es möchte. „Oft fehlen Angaben, oft sind die Opfer schon nicht mehr da“, so Paulus. Längst hätten die Zuhälter es verstanden, wie die Rechtsstaatlichkeit auszuhebeln sei. Paulus habe es schon erlebt, dass die Zuhälter noch im Gerichtssaal die Sektkorken knallen ließen.

„Wir brauchen rechtsstabile Richter“, sagt Paulus. In Prostitutions-Prozessen würden „Richter zermürbt“, beispielsweise von Star-Anwälten. Auf eine derartige Aufgabe würden jedoch die Jura-Studenten heutzutage nicht vorbereitet. Der Rechtsstaat hat offensichtlich erhebliche Probleme, mit diesen Herausforderungen zurechtzukommen.

Deutschland muss umdenken

„Alles, was wir in Deutschland tun können, sind Aufräumarbeiten“, sagt Paulus.

Wie in Schweden müsse es auch in Deutschland einen Umdenkungsprozess geben. In Schweden würden die Menschen denken: „Das ist ein schmutziges Geschäft“. In Deutschland sei das anders. Hier werde sogar der Abi-Abschluss mit einem Puffbesuch gekrönt.

Alles ist besser, als diesen Ist-Zustand zu belassen.“

Um wirklich die Reißleine zu ziehen, um die Rotlicht-Kriminalität, den Menschenhandel und die Sexsklaverei zu unterbinden, fordert Paulus ein Prostitutionsverbot, denn:

Es ist unter der Würde einer Frau, sich 20 Stunden jedem Schlamper hinzugeben… Anders wird die Politik nicht wach.“