Die Armutsquote bei Selbstständigen ist auffällig gestiegen

Von gleichen Lebensverhältnissen kann in Deutschland nicht mehr gesprochen werden. Ein Blick in den neuen Armutsbericht 2021 zeigt, dass der „Wohlstandsgraben“ zwischen Süd- und Norddeutschland weiter ansteigt.
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Ehrenamtliche verteilen Schoko-Weihnachtsmänner an Hilfsbedürftige in Berlin. Symbolbild.Foto: Sean Gallup/Getty Images
Epoch Times6. Januar 2022

13,4 Millionen Menschen müssen in Deutschland zu den Armen gerechnet werden. Die Quote stieg im Coronajahr 2020 auf 16,1 Prozent, bilanziert der Paritätische Wohlfahrtsverband. Mehr als jeder Sechste ist arm, heißt es im Dezember vorgestellten „Armutsbericht 2021“.

In Bremen lebt mehr als jeder 4. in Armut

Die Einkommensverlierer der Coronazeit sind vor allem Erwerbstätige und unter diesen insbesondere die Selbstständigen. Bei ihnen stieg die Armutsquote von 9 Prozent im Jahr 2019 auf 13 Prozent im Jahr 2020. Im Jahr 2019 waren laut Statistischem Bundesamt rund 3,96 Millionen Menschen selbstständig tätig und von diesen rund 2 Millionen als Soloselbstständige registriert. Insgesamt hat Deutschland rund 45 Millionen Erwerbstätige.

Der Verband spricht von einem „Wohlstandsgraben“ im Land, der sich zunehmend verfestigt. Bayern und Baden-Württemberg kommen auf eine gemeinsame Armutsquote von „nur“ 12,2 Prozent – womit sie weit unter dem Bundesdurchschnitt liegen. Die anderen Bundesländer haben eine gemeinsame Armutsquote von 17,7 Prozent. Der Abstand zwischen Bayern (11,6 Prozent) und dem schlechtplatziertesten Bundesland Bremen (28,4 Prozent) beträgt mittlerweile 16,8 Prozentpunkte.

„Wenn in einem Bundesland jeder zehnte und in dem anderen mehr als jeder vierte Einwohner zu den Armen gezählt werden muss, hat dies mit gleichwertigen Lebensbedingungen in ganz Deutschland nichts mehr zu tun“, stellt Dr. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, am 16. Dezember 2021 fest.

Außerordentlich hohe Armutsquoten von um die 20 Prozent haben auch Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Sachsen-Anhalt. In Hamburg sind fast 330.000 Menschen betroffen (bei 1.899.160 Einwohnern).

Als arm gelten Menschen in Deutschland, denen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung steht. Bei einem Ein-Personen-Haushalt bedeutet das weniger als 1.074 Euro monatlich, bei einer Familie mit zwei Kindern weniger als 2.256 Euro. Auch wer sich die Miete, Heizung oder einen einwöchigen Urlaub nicht leisten kann, gilt als arm. Der Armutsbericht des Paritätischen basiert auf amtlichen Statistiken, unter anderem einer Auswertung des Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes.

Ausmaß der Armut stieg nicht proportional zum Wirtschaftseinbruch

Jeder zweite Erwerbslose (52 Prozent) ist von Armut betroffen, jeder zweite bis dritte Alleinerziehende (41 Prozent) sowie jeder dritte Haushalt mit drei oder mehr Kindern (31 Prozent). Seit 2006 steigt die Armutsquote stetig an, ein Vergleich zu den Vorjahren ist nur eingeschränkt möglich. 2006 lag die Quote bei 14,0 Prozent.

Kurzarbeitergeld und Arbeitslosigkeit wirkten als Maßnahmen durchaus dämpfend und verhinderten eine noch höhere Armutsquote. Gleichzeitig hätten vier Fünftel der Bevölkerung wie Rentner, Beamte und Angestellte des öffentlichen Dienstes keinerlei Corona-bedingte Einkommensverluste gehabt. Die Unterstützungsmaßnahmen sorgten dafür, dass das Ausmaß der Armut nicht proportional zum Wirtschaftseinbruch und dem damit verbundenen Beschäftigungsabbau anstieg, bilanziert Hauptgeschäftsführer Schneider.

Echte Ernährungsarmut und hohe Stromkosten

Vor dem Hintergrund der Debatte um höhere Lebensmittelpreise warnte Armutsforscher Christoph Butterwegge vor den Folgen für Menschen mit niedrigem Einkommen. „Es gibt in Deutschland echte Ernährungsarmut, bis hin zu Hunger“, sagte er dem Nachrichtenportal „Watson“. Haushalte mit geringem Einkommen müssten entsprechend finanziell unterstützt werden.

Zudem weisen Vergleichsportale wie Verivox darauf hin, dass der Hartz-IV-Regelsatz nicht ausreicht, um die stark steigenden Strompreise zu decken. Ein Single-Hartz-IV-Haushalt muss jährlich aktuell 139 Euro (knapp 32 Prozent) mehr für Energie zahlen, als der Stromkostenanteil im Regelsatz abdeckt.

„Im Jahr 2022 steigt der Regelsatz für einen alleinstehenden Erwachsenen um drei Euro auf 449 Euro pro Monat“, heißt es beim Vergleichsportal. „Davon sind rein rechnerisch 36,44 Euro für die Begleichung der Stromrechnung vorgesehen.“ Die Stromkosten eines Singlehaushalts mit einem Verbrauch von 1.500 Kilowattstunden beliefen sich nach Verivox-Berechnungen jedoch auf durchschnittlich monatlich 48 Euro pro Monat.

In Haushalten, in denen auch Wasser mit Strom erhitzt wird – etwa über einen Durchlauferhitzer – steigen die Kosten noch einmal deutlich. „Seit der Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 ist der Regelsatz schrittweise um rund 30 Prozent gestiegen“, teilte Verivox weiter mit. „Die Strompreise haben sich im selben Zeitraum jedoch um durchschnittlich 85 Prozent verteuert.“

Die Regelsätze werden seit Langem als viel zu niedrig kritisiert und sollten nach Angaben des Paritätischen Verbandes eher bei 600 Euro liegen. (ks)



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