Intransparenz bei Spenden an die Tafel? Gereizte Stimmung vor Delegiertenversammlung

Die Delegiertenversammlung der Tafel Deutschland in Mannheim könnte unruhig verlaufen. Streitthemen sind Vorwürfe rund um Spenden und die Frage nach Akzeptanz staatlicher Hilfe.
Titelbild
Bedürftige vor der Tafel in Bochum.Foto: Ina Fassbender/AFP
Von 6. Juli 2023

Am Donnerstag, 6. Juli, beginnt in Mannheim die auf drei Tage anberaumte Delegiertenversammlung der Tafel in Deutschland. Die Hilfsorganisation leidet zunehmend unter den Folgen der Inflation. Der Andrang habe sich vielerorts verdoppelt, heißt es von Tafel-Betreibern, die Spenden hätten sich jedoch fast halbiert. Auch Freiwillige fehlten. Nun drohen auch noch ein Richtungsstreit und Vorwürfe der Intransparenz die Delegiertenversammlung zu überschatten.

Gründerin der Tafel befürchtet staatliche Vereinnahmung

Der mögliche Richtungsstreit berührt eine Grundsatzfrage: Soll die Tafel, die 1993 nach dem Vorbild der New Yorker Organisation „City Harvest“ entstanden war, staatliche Hilfe annehmen? Dachverbandssprecherin Anna Verres sieht darin kein Tabu. Die Situation der Tafel sei schwierig, gleichzeitig müsse man Infrastruktur ausbauen, um Lebensmittel beim Hersteller abholen zu können.

Man benötige zudem Kühlfahrzeuge und regionale Tiefkühllager. Da es kaum möglich sei, diese aus dem rückläufigen Spendenaufkommen zu finanzieren, sei es legitim, alle Wege auszuschöpfen. Dies beinhalte auch ein Herantreten an die Krisenfonds einiger Bundesländer. Sogar eine dauerhafte staatliche Förderung dürfe man nicht ausschließen. Es gehe um Summen, die zu gering seien, dass der Staat die Organisation damit vereinnahmen könnte, so Verres.

Mitgründerin Sabine Werth lehnt dies kategorisch ab. Die Unabhängigkeit der Tafel müsse gewährleistet bleiben. Sie sei eine Bürgerbewegung und müsse diesen Charakter auch beibehalten.

Interne Unterlagen erreichen den „Business Insider“

Noch deutlich unangenehmer dürfte jedoch die Debatte um einen jüngst veröffentlichten Artikel des „Business Insider“ werden. Diesem zufolge soll es in mehreren Bereichen Unwägbarkeiten bezüglich des Umgangs mit Spenden bei der Tafel geben.

Immerhin knapp 14 Millionen Euro an Spenden seien der Organisation im Vorjahr zugeflossen. Allerdings habe einiges an Mitteln dabei auch in fragwürdiger Weise Verwendung gefunden, so das Portal unter Berufung auf vertrauliche Unterlagen.

Nach Informationen des Business Insiders soll Tafel-Chef Jochen Brühl in der Zeit von 2018 bis 2021 seine Ehefrau mit der Gestaltung von Weihnachtsgeschenken beauftragt haben. Dies ist laut anwaltlicher Vertretung des Tafel-Chefs jedoch falsch. Herr Brühl habe zu keinem Zeitpunkt Aufträge direkt an seine Frau vergeben, vielmehr soll die Beauftragung stets durch den Dachverband erfolgt sein.

Die freiberufliche Grafikdesignerin habe für die Aufträge nach Informationen des Business-Insiders dafür Beträge zwischen rund 1.160 und 1.966 Euro erhalten. Der Dachverband sieht darin kein Problem: Bis zu 5.000 Euro müsse man den internen Regularien zufolge keine Vergleichsangebote einholen. Zudem sei der Schatzmeister eingebunden, wenn es um Aufträge im privaten Umfeld von Entscheidungsträgern gehe.

Dachverband behielt ein Viertel der Spenden von 2022 ein

Der Aufsichtsrat der Tafel soll sich den Quellen zufolge jedoch kritisch über die Aufträge geäußert haben. Anstoß habe man zudem an dem Umstand genommen, dass Brühl auch sein Buch mit Tafel-Geldern beworben habe. Dieses trug den Titel „Volle Tonne, leere Teller: Was sich ändern muss. Gespräche über Armut, Verschwendung, Gerechtigkeit und notwendiges Engagement“, erschienen im Oktober 2019.

Mehr als 5.000 Euro sollen demnach in die Anschaffung von Autorenexemplaren geflossen sein, die an Helfer, Partner oder Delegierte rabattiert ausgegeben wurden. Pro verkauftem Buch soll ein Euro an die Tafel geflossen sein.

Um deutlich größere Summen geht es hingegen bei sogenannten Sonderposten des Dachverbandes. Dort befinde sich ein erheblicher Teil jener drei von 11,27 Millionen Euro an Geldspenden plus 934.498 Euro Zuschüsse, die dieser 2022 für sich behalten habe. Nur drei Viertel seien von dem Betrag an die Mitgliedstafeln geflossen.

Vorstand will Details auf Delegiertenversammlung nennen

Im Jahresbericht 2022 war die Rede von 1,72 Millionen Euro, die für den Erwerb einer neuen Geschäftsimmobilie in Berlin zurückgelegt worden sein sollen. Außerdem seien 525.000 Euro für den Aufbau einer eigenen Logistik gGmbH vorgesehen.

Details zu den Vorhaben will man jedoch erst im Zuge der Delegiertenversammlung darlegen. Laut Informationen des Business Insiders seien die Landesverbände zudem nicht befugt, Auskünfte über die Höhe der eingenommenen Spenden und deren Weiterleitung an lokale Tafeln zu geben. Dem widerspricht die anwaltliche Vertretung des Dachverbands. Ein derartiges Verbot habe seitens des Dachverbandes zu keinem Zeitpunkt bestanden. Vielmehr würden laut dem Rechtsbeistand die Landesverbände jeweils eigenständig darüber entscheiden, dass eine Stellungnahme zentral über den Dachverband erfolgen solle.

Die Spenden-Siegel-Organisation DZI (Deutsches Zentralinstitut für soziale Fragen) kritisiert zudem, dass die letzten beiden Jahresberichte keine genauen Angaben mehr über die Gehälter der Geschäftsführung enthielten. Im Jahr 2021 habe es sogar überhaupt keine Verweise darauf gegeben. Die Entlohnung der anderen Gehaltsgruppen sei ebenfalls nicht detailliert zu erkennen. Die Berichte verwiesen lediglich auf eine Orientierung an der Besoldung im öffentlichen Dienst.

Tafel bleibt „für viele Menschen der letzte Rettungsanker“

Die Tafel hat es sich zur Aufgabe gemacht, bedürftigen Menschen Nahrungsmittel zur Verfügung zu stellen und dadurch Lebensmittelverschwendung zu mindern. Helfer sammeln überschüssige Lebensmittel in Handel, Bäckereien und Gastronomie ein und bringen sie zu den Tafeln. Die Waren kommen aus Lagerbeständen, Retouren und Überproduktion.

Auch Produkte mit kurzem Mindesthaltbarkeitsdatum oder Schönheitsfehlern werden abgeholt. Das Angebot für die Kunden und Kundinnen der Tafeln kann von Obst und Gemüse über Backwaren bis zu Milchprodukten reichen. Haltbare Waren wie Nudeln oder Reis werden seltener gespendet.

In der Bekämpfung der neuen Armut kommt den Tafeln eine immer größere Bedeutung zu. Mittlerweile müssten sogar im Erwerbsleben stehende Personen immer häufiger die Tafel in Anspruch nehmen. „Für viele Menschen sind die Tafeln der letzte Rettungsanker“, sagt Referent Rainer Timmermann vom Förderverein gewerkschaftlicher Arbeitslosenarbeit. Das Bürgergeld reiche auch nach einer Erhöhung um 50 Euro wegen gestiegener Inflation und Stromverteuerung nicht zum Leben.

(Mit Material von dpa)

Hinweis der Redaktion: 

Der Artikel wurde am 20.07.2023 mit Stellungnahmen der Tafel Deutschland e. V. und des ehemaligen Tafel-Chefs aktualisiert. 



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