Marx & Müller und der Untergang des Kapitalismus

Von 3. Mai 2018 Aktualisiert: 3. Mai 2018 13:39
Der Kapitalismus geht zugrunde, titelt der Spiegel eine Kolumne von Volkswirt Henrik Müller. Roger Letsch hat sich diese ganz genau durchgelesen und so einige Unstimmigkeiten gefunden.

Im Jahr des 200. Geburtstages von Karl Marx werden wohl noch so einige Hymnen auf ihn gesungen und müssen wir wohl noch so manche Lobrede über uns ergehen lassen. Seine Geburtsstadt Trier stellt sogar eine fünfeinhalb Meter große Marx-Statue auf ­­– ein Geschenk Chinas – da kommt Freude auf gegenüber der Porta Nigra.

Es mutet beinahe wie ein Wunder an, dass die Chemnitzer ihre Stadt nicht wieder in Karl-Marx-Stadt umbenennen wollen. Aber die haben wohl aus der Geschichte gelernt, anders als eifrige Kolumnisten wie Henrik Müller vom Spiegel, der einen recht seltsamen Artikel mit der Überschrift „Der Kapitalismus geht zugrunde“ geschrieben hat.

Nun ist Henrik Müller nicht irgendwer, sondern Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund und promovierter Volkswirt, ökonomische Gesetzmäßigkeiten sollten somit etwas sein, was er nicht nur vom Hörensagen kennt. Seine einleitenden Worte sind klug gewählt:

„Was kann uns Marx heute noch sagen? Ich meine, vor allem dies: Dass es sich lohnt, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, um die großen Umbrüche der Gegenwart frühzeitig zu erkennen.“

Auf diesen Satz möchte ich später noch einmal zurückkommen. Überfliegen wir aber zunächst Müllers Einlassungen zur ökonomischen Einordnung des Marx‘schen Werkes, die allesamt nicht zu tadeln sind. Auch die Frage, ob Marx „In“ oder „Out“ ist, kann man nicht pauschal beantworten, weil er einerseits als Ikone von hirnlosen Antifanten auf T-Shirts und „Heraus zum 1. Mai“-Plakaten vergöttert wird, wie er andererseits als Kronzeuge und Initiator für jedes noch so krude und gescheiterte sozialistische Experiment herhalten muss.

Doch zu seinem Glück war Marx eben ein Theoretiker, der die Wirkung seiner Worte nie in den „Mühen der Ebene“ erproben musste. Man kann ihn – und darin stimme ich mit Müller überein – nur schwer für den wirtschaftlichen Unverstand sozialistischer Traumtänzer verantwortlich machen. Es waren Lenin, Stalin, Mao, Pol Pot, Castro und Genossen, die aus Marx Theorien blutige Utopien machten und es sind Leute wie Kipping, Bartsch und Varoufakis, die heute noch glauben, da ginge noch was. Nur die Tatsache, dass Marx selbst, genau wie jene, die ihm in den vergangenen hundert Jahren das Hohelied sangen, am Ende stets pleite war, vereint die „Brüder im Geiste“.

Ab jetzt wird’s irre!

„Und heute?“ fragt Müller nach der Einleitung und was er dann vor den Lesern ausbreitet, ist abenteuerlich! Er trennt die physische Produktion von Waren, von denen Marx mangels Internet und Netflix ja noch ausgehen musste, von der heutigen, immateriellen Welt ab, so als gälten ökonomische Gesetze hier nicht. Ging Marx noch von der Knappheit des Kapitals aus, so sei heute Kapital im klassischen Sinn nicht mehr knapp, deshalb ist sein Preis – der Zins, die Rendite – entsprechend niedrig.“ Das ist ein Sprung!

Ob der Autor vergessen hat, dass es zu Marx Zeiten im industriellen Pionierland England noch eine Edelmetallgedeckte Währung gab, was diese Knappheit erst hervorbringt? Und ist Knappheit nicht ein wesentliches Merkmal einer Währung, wenn sie auch wertaufbewahrend wirken soll? Wäre dies anders, hätten die Pfundnoten doch auf Heringe statt auf Sterling-Silber gelautet, oder? Davon hätte man mehr drucken können, was jedoch angesichts der Verderblichkeit dieser Sicherheit das Bankgeschäft schon im 19. Jahrhundert zu einer stinkenden Angelegenheit gemacht hätte.

Alles die Schuld des Kapitalismus?

Da „Kapital im klassischen Sinne“ heute nicht mehr knapp ist, liegt doch wohl daran, dass unser Währungssystem in gewaltiger Schieflage ist. Wir sollten uns fragen, ob wir das wirklich dem Kapitalismus in die Schuhe schieben können, oder ob es sich beim Gelddrucken, beim Staatenretten und beim Euro-Fazilitäten gründen nicht vielmehr um interventionistische Eingriffe der Staaten selbst handelt, von denen ein jeder stets weitere nach sich zieht.

Hier hilft ein Blick in das Werk eines anderen Ökonomen, Ludwig von Mises, der diese unheilvolle Entwicklung in seinem Buch „Kritik des Interventionismus: Untersuchungen zur Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsideologie der Gegenwart“ schon 1929 vorgezeichnet hatte. Doch weiter im Text von Henrik Müller:

„Nehmen Sie diesen Text. Stünde er in einer gedruckten Zeitung, hätte er Eigenschaften wie eine Ware. In digitaler Form aber können Sie ihn lesen, während andere Leute zur gleichen Zeit dasselbe tun; Sie nutzen ihn weder exklusiv noch verbrauchen Sie ihn[…] Der Preis dieses Textes jedoch ist Null; Sie haben keinen Cent dafür bezahlt. Warum? Weil die „Produktion“ jeder weiteren Einheit – jeder weitere Abruf – quasi keine Kosten verursacht. Heutige Ökonomen würden sagen: Die Grenzkosten sind Null.“

Stimmt das Beispiel? Kostet es wirklich nichts, den Text zu lesen? Ich muss Strom verbrauchen und die Spiegel-Server werden auch nicht ohne laufen. Der Energieverbrauch wird sich auch erhöhen, wenn mehr Leser die Seite im Netz abrufen. Die Grenzkosten mögen extrem gering sein, Null sind sie gleichwohl nicht und von den Fixkosten wollen wir mal gar nicht erst reden.

Doch SPON lebt ja nicht vom Strom verkaufen, sondern davon, mit dem Artikel Werbung einzublenden. Der Leser bezahlt also sehr wohl, nur mit einer anderen Währung. Es könnte durchaus sein, dass er sich des Wertes dieser Währung, seiner Daten und seiner Aufmerksamkeit, so langsam auch bewusster wird.

Wer hier von einer Art Kostenlosgesellschaft der Zukunft faselt, möchte nur verschleiern, auf welch indirekte Weise man heute Kosten decken kann. Könnte man sich über Grenzkosten im digitalen Zeitalter noch trefflich streiten, gleiten Müllers Schlussfolgerungen für die Wirtschaft der näheren Zukunft ins Gruselige ab:

Eines scheint mir sicher: Dem Staat wird eine neue und noch prominentere Rolle zuwachsen als bisher.“

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Die „prominente Rolle“ des Staates

Weil „mehr Staat“ seit Jahren nicht funktioniert, lautet das neue Motto nun „noch mehr Staat“. Und das wird heißen, mehr Politiker, mehr Verwaltung, mehr Regulierung, mehr Gesetze, mehr Steuern, mehr EU. Einfach mal sacken lassen, was für einem Utopia uns Henrik Müller hier entgegenträumt.

„Wenn viele Preise gegen Null sinken, gibt es unter normalen Marktbedingungen kein privatwirtschaftliches Angebot. Wer investiert schon, wenn sich damit kaum noch Erlöse erzielen lassen? Möglich, dass der Staat nicht umhinkommt, viele Güter auf Dauer zu subventionieren – oder Marktstrukturen zu schaffen, die den Wettbewerb soweit einschränken, dass dennoch Erlöse erzielbar sind. Das ist heikel.“

Dauerhafte Subventionen und Wettbewerb einschränken? Das ist nicht „heikel“, das wäre eine Katastrophe! Und was soll das heißen, „Preise gegen Null“? Wenn Preise derart sinken, ist dies ja wohl logischerweise ein Zeichen von Überangebot oder einem totalen Zusammenbruch eines Marktes.

Wäre es logisch, die Produktion von Diskettenlaufwerken staatlich zu subventionieren, weil die Hersteller über Unverkäuflichkeit und Preisverfall klagen? Ein Markt, in den niemand mehr investieren will, stirbt – und zwar mit Fug und Recht. Hält ihn ein Staat künstlich am Leben, stirbt er dennoch – nur etwas später, wenn die Subventionen nicht mehr fließen.

Es könnte natürlich sein, dass Müller hier die Idee mit den Null-Grenzkosten für seinen Artikel wieder aufgreift, aus denen er ein Subventionsgebot für sein Medium ableitet. Aber nein, unmöglich! Wann hätte es jemals Bestrebungen gegeben, „Systemrelevante“ Medien unter einem staatlichen Gewächshaus zu halten! (Psst, gab’s doch schon: lesen Sie mal hier und hier.)

„Viele Ökonomen vermuten inzwischen, dass der gemessene Fortschritt (die Produktivität) auch deshalb lahmt, weil auf vielen Märkten die Intensität des Wettbewerbs abnimmt. Wie hält man den Fortschritt unter diesen Bedingungen am Laufen?“ 

Die Intensität des Wettbewerbs nimmt ab, weil Subventionen langfristig verhindern, dass sich funktionierende Märkte überhaupt bilden können! Und wie möchte Herr Müller den Fortschritt ans Laufen kriegen? Mit weiteren Subventionen und mit noch stärkerer staatlicher Regulierung? Das ist ein Zirkelschluss, der einem Volkswirt eigentlich peinlich sein sollte.

„Durch die Digitalisierung wird Wissen zunehmend unabhängig vom Menschen verfüg-, kopier- und verbreitbar. Woher aber kommen künftig die Einkommen, wenn Wissen und Können dank Digitalisierung frei verfügbar sind? Und was machen die Leute, die durch den Wandel zum immateriellen Kapitalismus ihren Job verlieren?“

Der immaterielle Kapitalismus funktioniert – wenn man ihn in Ruhe lässt

Wenn Wissen nicht dazu führt, Urteilskraft auszubilden, ist es wertlos. Die Wikipedia-Seite von Abraham Lincoln finden zu können und vorzulesen ist nicht dasselbe, wie über die Zusammenhänge und Akteure des amerikanischen Bürgerkrieges eine mehrstündige Debatte zu führen. Und „Können“, lieber Herr Müller, ist nochmal was ganz anderes. Wer behauptet, „Können“ sei Dank Digitalisierung frei verfügbar, macht sich lächerlich.

Und was soll bitte immer dieses ängstliche Gerede vom Jobverlust? Noch in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts waren ganze Heerscharen von Schauerleuten in den Häfen Europas damit befasst, Schiffe von Hand zu entladen. Diese Jobs kommen dank der Containerschifffahrt nie wieder. Roboter, einst Gewerkschaftlers Albtraum, schaffen mehr Arbeitsplätze, als sie überflüssig machen. Warum sollte das in der Digitalisierung anders sein?

Dass neue Märkte auch neue Berufe hervorbringen, ist evident. In der IT-Branche arbeiten 2018 Deutschlandweit 925.000 Beschäftigte. Die Zahl der Jobs in diesem Sektor hat sich in zehn Jahren fast verdoppelt. Der immaterielle Kapitalismus hat also durchaus Vorteile und funktioniert – wenn man ihn in Ruhe lässt.

„Auch Energie dürfte immer billiger werden. Denn ein immer größerer Teil der Energieversorgung basiert auf Sonne und Wind, auf freien Gütern also, die keinen Preis haben, weshalb schon heute der Großhandelspreis an der Strombörse an windigen Sonnentagen abschmiert.“

Energie wird immer billiger?

Also Herr Müller, jetzt enttäuschen Sie mich aber wirklich! Denn dass Energie bei uns immer billiger werden „dürfte“, ist ein Märchen. Dafür sorgen staatliche Regulierung und das EEG mit doppelt ausgeschenkten Subventionen – die einen für den Ökostrom, die anderen für die fossile Reserve, falls Sonne und Wind nicht verfügbar sind.

Und was den fehlenden Preis angeht, trifft dies nur für den Energieträger selbst zu, nicht für die Anlage, die die Energie einsammelt. Das gilt übrigens streng genommen auch für das Kohleflöz, das ebenfalls keine Rechnung schickt. Der Nullpreis an der Börse übrigens, der sogar des Öfteren ein „Minuspreis“ ist, bildet die Kosten ab, die wir beim Verschenken von überflüssigem Strom haben, ist also ökonomisch kein Grund zur Freude. Nullpreis heißt hier letztlich nichts anderes als Nullbedarf – ein funktionierender Markt erzeugt solche Zustände nicht.

Aber vielleicht sollten wir hier den Begriff der Grenzkosten mal wieder ins Spiel bringen, denn wenn kein Bedarf am produzierten Strom besteht und wir diesen mangels Technik auch nicht sinnvoll speichern können – außer man nutzt die rhetorischen Speicher von Frau Baerbock – kommen die Grenzkosten schnell wieder runter von ihrer grünen Null, weil die Entsorgung des zu viel produzierten Stroms eben teuer werden kann. Und während die Subventionsgepuderte europäische Landwirtschaft bis 2007 noch stoffliche „Butterberge“ und „Milchseen“ vorweisen konnte, macht sich der am Markt vorbei produzierte Öko-Strom nur als Schwarzes Loch in den Kassen seiner Verbraucher bemerkbar.

Die großen Marx’schen Umbrüche

Doch kommen wir zu den „großen Umbrüchen“ zurück, die frühzeitig zu erkennen Müllers Credo aus der Betrachtung der Bedeutung von Marx für die Gegenwart und Zukunft ist.

Die Marktwirtschaft – Marx würde von Kapitalismus sprechen – ist tatsächlich in einem beklagenswerten Zustand, ganz besonders hier in Deutschland. Das fällt nur deshalb nicht allgemein auf, weil sich momentan alles auf wundersame Weise zugunsten der deutschen Wirtschaft zu fügen scheint. Doch das ist nur die Oberfläche, unter der sich eine Menge gigantischer Risiken immer weiter aufschaukelt. Der Zustand unserer Währung ist da nur ein Symptom.

Doch es waren die Staaten, die entschieden, Banken zu retten und Staatsbankrotte mit Bürgschaften zuzukleistern. Der Intervention der Staaten ist es geschuldet, dass wir heute in einer nie dagewesenen Nullzins-Phase feststecken. Unser Finanzminister ist es, der sich darüber freuen darf, dass die Rendite von deutschen Staatsanleihen mittlerweile negativ ist und der Gläubiger dem Schuldner noch Geld obendrauf geben muss.

In Wirklichkeit gibt es seit Jahrzehnten und in vielen Bereichen den Trend, durch staatlichen Interventionismus mehr und mehr Wirtschaftszweige und damit auch die Märkte unter die Aufsicht des Staates zu stellen und mit einem bunten Strauß an Verboten, Förderungen, Strafen und Subventionen nur noch eine Art perversen Pseudo-Wettbewerb am Leben zu halten.

Die Staaten und deren handelnde Politiker und Beamte bezahlen diese regulatorischen Maßnahmen mit Wechseln, die sie sich von den Steuerzahlern querschreiben lassen. Und das, da bin ich mir ziemlich sicher, hätte auch Marx nicht gefallen. Der war so ehrlich, seine Wechsel vom Kapitalisten Engels zeichnen zu lassen.

Der Beitrag erschien zuerst bei unbesorgt.de und erscheint mit freundlicher Genehmigung von Roger Letsch.

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