Mit Relotiade gegen AfD: Virale Erinnerung an früheren „Bahnsteigmord“ entpuppt sich als Erfindung

Von 6. August 2019 Aktualisiert: 6. August 2019 19:07
Mit einer Geschichte über einen deutschen Höchst-Arbeiter, der vor etwa 50 Jahren in Frankfurt am Main ein 9-jähriges Mädchen vor einen einfahrenden Zug gestoßen habe, wollte eine Facebook-Nutzerin Kommentatoren beschämen, die sich über den Mord an einem achtjährigen Jungen durch einen Eritreer in der Vorwoche empörten. Offenbar ist die Geschichte erfunden.

Nicht nur Journalisten wie Claas Relotius oder Autoren wie Robert Menasse haben es über eine geraume Zeit hinweg erfolgreich verstanden, ihren Geschichten durch sachlich zwar unwahre, aber gut erfundene Begebenheiten zu veredeln. Ihr Ziel war es, auf diese Weise eine besonders durchschlagende Wirkung für ihre Botschaften zu erzielen.

Auch Normalbürger, die ursprünglich keinen Bezug zu Politik oder Medien hatten, schafften es jedoch in einigen Fällen, sich durch erfundene Biografien oder Schicksale öffentliche Aufmerksamkeit und Sozialprestige zu verschaffen.

Neben klassischen Erscheinungsformen der Hochstapelei vom „Hauptmann von Köpenick“ bis hin zum als „Oberarzt“ praktizierenden Postboten Gert Postel waren es in Deutschland nach 1945 oft auch erfundene Opferbiografien, die herangezogen wurden, um diesen Effekt zu erreichen.

Dabei wurde nicht selten das Schicksal jüdischer Schoa-Opfer ausgebeutet oder – in bewusster oder fahrlässiger Weise – mittels des Phänomens des „Kostümjudentums“ trivialisiert. Personen ohne jüdischen Bezug, nicht selten sogar Kinder oder Enkelkinder von Amtsträgern des nationalsozialistischen Regimes, legten sich selbst mehr oder minder gekonnt eine jüdische Biografie zu und traten mit dieser in der Öffentlichkeit auf.

Die Motive dahinter waren höchst unterschiedlich. Bei Karin Loebel, die als „Karin Mylius“ 1968 bis 1986 als Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Halle/Saale fungierte, spielte möglicherweise eine „Überidentifikation mit dem Schicksal jüdischer Verfolgter im Dritten Reich“ eine Rolle. Otto Uthgenannt und Bruno Dösseker („Binjamin Wilkomirski“) verkauften mit erfundenen KZ-Opferbiografien Vorträge und Bücher.

Moralische Autorität der Opferperspektive

Die jüngst verstorbene Historikerin Marie Sophie Hingst, die neben einer erfundenen jüdischen Herkunft auch professionell „Sexualaufklärung für Flüchtlinge“ betrieben haben wollte, brachte es zur „Bloggerin des Jahres 2017“. Der „antizionistische“ Konvertit Reuven Cabelman und die Lyrikerin Irena Wachendorff versprachen sich von ihrem usurpierten Judentum bzw. Kostümjudentum wiederum, moralischen Highground für ihren Kampf gegen den Staat Israel oder die Regierung Netanjahu zu erlangen und sich selbst gegen den Vorwurf des Antisemitismus zu immunisieren.

Eine ähnliche Motivation – nur ohne Bezug auf das Judentum und die NS-Vergangenheit – dürfte jüngst auch dem mittlerweile wieder gelöschten Facebook-Beitrag einer Frau zugrunde gelegen haben, die behauptete, „vor ziemlich genau 50 Jahren“ mitansehen haben zu müssen, wie ein „ca. 43 Jahre alter deutscher Arbeiter, beschäftigt in Frankfurt-Höchst bei den Farbwerken“ vor den Augen der damals Siebenjährigen die eigene, 9-jährige Schwester vor den einfahrenden Zug gestoßen hätte.

Der Text, der konzipiert war als „Kleine Anekdote für alle Weltverbesserer, die schreiben, dass sie ‚Deutschland zurückhaben wollen, wie es früher, vor den (aktuellen) Migranten war‘“, sollte offenbar der Empörung entgegensteuern, die sich in den sozialen Netzwerken verbreitete, nachdem ein aus Eritrea stammender 40-Jähriger in der Vorwoche ohne erkennbaren Anlass eine Mutter und deren achtjährigen Sohn in Frankfurt am Main vor einen einfahrenden Zug gestoßen hatte – wobei der Junge starb.

Frau wollte „wahrscheinlich nur Gutes“

Die Verfasserin riet mit all ihrer Autorität einer vermeintlich selbst von einem solchen Verbrechen Betroffenen den Kommentatoren, auf ihre „sinnlosen, geheuchelten Facebookposts“ zu verzichten und „einfach nur traurig“ zu sein und Mitgefühl zu zeigen, statt „Hass und Hetze“ zu verbreiten.

Allerdings, so musste das Portal von „T-Online“ einräumen, das der Frau bescheinigte, „wahrscheinlich nur Gutes“ gewollt zu haben angesichts der „AfD-Hetze“ infolge der Bluttat, scheint die Geschichte der Frau über die Ermordung ihrer Schwester durch einen deutschen Höchst-Arbeiter nur erfunden zu sein.

Die Polizei Frankfurt habe, wie das Portal berichtet die Jahre 1967 bis 1971 ausgewertet – ohne etwas zu finden. Ein Sprecher wird zitiert mit den Worten: „Wenn es da in unserem Bereich etwas gegeben hätte, dann hätten wir es finden müssen.“

Im Stadtarchiv Frankfurt finde sich für diesen Zeitraum auch kein Treffer. Auch diverse Journalisten, die nach Belegen für den Fall recherchiert hätten, wären bis dato erfolglos geblieben. Die Frau selbst habe „schroff“ auf eigene Nachfragen reagiert. Auch dies ist jedoch eine Verhaltensweise, die man auch bei vielen Hochstaplern mit selbstgebackener Opferidentität beobachten kann. 

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