Söder warnt vor Clubs als „Infektionsbomben“ – doch seine Lockdown-Politik scheitert im Privaten

Von 9. September 2020 Aktualisiert: 11. September 2020 9:31
Ein autoritäres und oberlehrerhaftes Auftreten in der Corona-Krise wirft „Welt“-Redakteur Thomas Vitzthum dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder vor. Dieser hatte am Mittwoch gegenüber Medien ganze Branchen als potenzielle „Infektionsbomben“ bezeichnet.

Der politische Korrespondent der „Welt“ Thomas Vitzthum hat in einem Kommentar für seine Zeitung die Corona-Politik von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und insbesondere dessen Wortwahl im Rahmen einer Pressekonferenz in München kritisiert.

Söder hatte dabei am Mittwoch (9.9.) im Zusammenhang mit Clubs und Diskotheken von potenziellen „Infektionsbomben“ gesprochen.

Amateurligen und Kneipen melden sich aus dem Lockdown zurück

Söder hat in der Pressekonferenz die künftig geltenden Pandemie-Bestimmungen für den Freistaat skizziert. So soll, wie der „Merkur“ berichtet, bei größeren Veranstaltungen unter freiem Himmel im Regelfall eine Maskenpflicht greifen – „jedenfalls ab einer Teilnehmerzahl von 200 Personen“.

Ab dem Wochenende vom 19. September sollen unter Auflagen nach Monaten des Lockdowns auch wieder Bars und Kneipen öffnen dürfen. Dabei sollen für Schankwirtschaften die gleichen Bestimmungen wie für Speisewirtschaften gelten. In geschlossenen Räumen soll die Bedienung am Tisch erfolgen. Diskotheken und Clubs bleiben jedoch weiterhin geschlossen.

Amateursport-Ligen dürfen zudem vom gleichen Tag wieder ihren Spielbetrieb aufnehmen, ähnlich wie Kulturveranstaltungen ist es ihnen auch gestattet, eine begrenzte Zahl an Fans in Stadien und Hallen zu lassen. Für Profifußball, DFB-Pokal oder Champions League gilt diese Regelung vorerst noch nicht. Zudem will Söder seine offensive Corona-Teststrategie weiterentwickeln und mit seinem Kabinett über neue Quarantäneregeln sprechen.

Im Grunde gehört jeder zu den potenziellen „Infektionsbomben“

Vitzthum warnt in seinem Beitrag für die „Welt“ davor, die vorsichtigen Lockerungen als Ausdruck einer Wende in Bayerns Corona-Politik zu betrachten. Vielmehr komme in Auftreten und Inhalt ein autoritärer Habitus zum Ausdruck, der im Grunde alle Bürger zu notorischen Gefahrenherden stempele und die Freiheit der Pflege alltäglicher Verrichtungen als Gnadenakt erscheinen lasse, der jederzeit widerrufen werden könne. Mit Blick auf die Rede von den „Infektionsbomben“ schreibt Vitzthum:

Mit harscher Sprache und dem sehr hoch gereckten Zeigefinger versucht Markus Söder, sein Macher-Image in der Corona-Krise zu retten – und schreckt auch nicht davor zurück, den Menschen in Bayern noch mehr Restriktionen aufzuerlegen.“

Dass Söder gesamte Branchen unter Generalverdacht stelle, komme in letzter Konsequenz einer Kampfansage an das gesamte bayerische Brauchtum und Gesellschaftsleben gleich:

All die Wein-, Bier- und Volksfeste, der Fasching, die Kirchweihen, die großen kirchlichen Feiertage, das Sechstagerennen, Sportevents, die Jahrmärkte, die Landwirtschaftsschauen – nach dieser Logik sind das alles ‚Infektionsbomben‘.“

Söder macht sich erfolgreicher als er ist

Dabei sei Söder nicht einmal in der Verlegenheit, seine Behauptungen belegen zu müssen: Die genannten Events finden derzeit nach wie vor nicht statt. Hingegen spreche manches dafür, dass Söders Strategie gegen die Corona-Seuche gar nicht so erfolgreich sei, wie er es gerne darstelle: Am gestrigen Dienstag ging ein Drittel aller registrierten deutschen Neuinfektionen auf das Konto des Freistaats.

Dass mit Landshut, Rosenheim und Memmingen gleich drei CSU-Hochburgen in ländlicher Umgebung jene Grenze an Infektionen überschreiten, die strengere Bestimmungen auslösen, sei für Söder besonders unangenehm. Hätten die SPD-Städte München oder Nürnberg eine solche Bilanz, könnte er dies immerhin darauf zurückführen, dass man dort versuche, seine Erfolgsgeschichte zu unterminieren.

„Revolte gegen die Lockdown-Politik?“

Stattdessen sei das Landleben betroffen, das von den Traditionen lebe, die nun nicht mehr gepflegt werden dürften. Urlaub sei auch verpönt. Über Kneipen, die öffnen dürfen, schwebe das Damokles eines Alkoholverbotes. Im Privaten breite sich unterdessen die Seuche stärker aus als erwartet. Vitzthum sieht darin eine Folge des Unmuts über Söders „Oberlehrer-Gehabe“:

„Wer seinen Bürgern aber dauernd ein schlechtes Gewissen macht, wenn sie sich öffentlich zeigen oder treffen, der treibt sie ins Private. Die allermeisten Infektionen finden im häuslichen Rahmen statt. Dort, wo es keine Hygienekonzepte gibt. Sind Bayerns steigende Zahlen womöglich Resultat einer Revolte gegen Söders strenge Corona-Politik?“

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