Wohnungsbau-Tag: „Wir müssen anders bauen. Sonst bauen wir bald gar nicht mehr.“

„Wann wird Deutschland – neben der Auto-Nation – endlich auch wieder eine Wohn-Nation?“, fragen die Organisatoren des Wohnungsbau-Tages. Die Talfahrt sei noch im vollen Gang. Sie fordern Bundes- und Landespolitik zu einer Sonderförderung des Neubaus auf: Jährlich werden 23 Milliarden Euro an Subventionen benötigt.
Der Bund hat den Bau von Tausenden Wohnungen versprochen. Doch die Umsetzung stockt.
Der Bund hat den Bau von Tausenden Wohnungen versprochen. Doch die Umsetzung stockt. Ein Ausweg: Die Standards senken.Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
Epoch Times11. April 2024

Zum Wohnungsbau-Tag haben Bauindustrie und Handwerk auf die dramatische Situation im Baugewerbe verwiesen. „Die Talsohle im Baugewerbe ist noch lange nicht durchschritten, vor allem nicht beim Wohnungsbau“, sagte Handwerkspräsident Jörg Dittrich der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ vom Donnerstag. Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, sagte mehreren Zeitungen, viele Politiker redeten bereits von „Signalen einer Belebung des Wohnungsbaus, dabei ist die Talfahrt noch im vollen Gang“.

In Berlin trifft sich am Donnerstag ein Verbändebündnis zum Wohnungsbau-Tag, um über die Krise auf dem Wohnungsmarkt zu diskutieren. Teilnehmen werden etwa der Mieterbund, die Gewerkschaft IG BAU sowie mehrere Immobilien- und Wohnungsbauverbände. Erwartet werden auch Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne).

Viel zu wenig Baugenehmigungen, Kosten viel zu hoch

Die kommenden Monate werden aus Sicht von Handwerkspräsident Dittrich „verdammt hart“. Die Politik müsse „noch stärkere Anreize fürs Bauen geben, auch um dramatische Folgen für die Gesamtwirtschaft abzuwenden“, sagte er der „NOZ“. Nach wie vor sei die Zahl der Baugenehmigungen zu gering und das spüre auch das Handwerk. Zudem seien die Baunebenkosten viel zu hoch.

Ähnlich kritisch äußerte sich die Bauindustrie. „Die Genehmigungen und Baufertigstellungen gehen im dritten Jahr drastisch zurück, die Geschäftserwartungen sind auf einem historischen Tiefpunkt und der Preiskampf um neue Aufträge nimmt teils unwirtschaftliche Züge an“, sagte Verbandspräsident Müller der „Augsburger Allgemeinen“ sowie der „Rheinischen Post“.

Nötig seien temporär eine staatliche Förderung und mittelfristig eine Entschlackung von Vorschriften, Bürokratie und Anforderungen an Gebäude, formulierte er seinen Appell an die Politik.

Jeder siebte Arbeitsplatz hat mit dem Bau zu tun

Der Wohnungsbau steckt – quer durch alle Wirtschaftsbereiche – hinter jedem siebten Euro der gesamten Bruttowertschöpfung in Deutschland, ermittelte das Beratungsunternehmen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Econ). Insgesamt stehe die Branche bei der Bruttowertschöpfung für rund 537 Milliarden Euro (2023).

Jeder siebte Arbeitsplatz habe mit dem Wohnungsbau zu tun: 2023 ging es um die Jobs von knapp 6,6 Millionen Menschen – 2,3 Millionen davon mit einem Arbeitsplatz direkt in der Wohnungsbaubranche. Auch finanzpolitisch hat der Wohnungsbau Gewicht: Hinter ihm steckten im Jahr 2023 Steuereinnahmen von 141 Milliarden Euro – immerhin 17 Prozent der gesamten Steuereinnahmen in Deutschland.

Der Präsident des Eigentümerverbandes Haus und Grund, Kai Warnecke, forderte erneut mehr Anreize zum Wohnungsbau. „Die Bundesregierung muss gemeinsam mit den Ländern und Kommunen endlich dafür die Rahmenbedingung verbessern. Bauen muss einfacher und günstiger werden“, sagte er der „Rheinischen Post“.

Zwei Studien geben düstere Prognose ab

Zwei Wohnungsbau-Studien, die auf dem Branchen-Gipfel am heutigen Donnerstag in Berlin vorgestellt wurden, gaben für das Bauen und Wohnen in Deutschland eine düstere Prognose ab: Das Wegbrechen des Wohnungsneubaus werde der Volkswirtschaft in diesem Jahr Milliarden-Verluste und dem Staat erhebliche Rückgänge bei den Steuereinnahmen bescheren.

Gleichzeitig erlebe Deutschland einen neuen Rekord-Wohnungsmangel: Aktuell fehlten bereits mehr als 800.000 Wohnungen. Das sei sozialer Sprengstoff und lasse politische Unzufriedenheit wachsen.

Fehlender Wohnraum halte auch Fachkräfte aus dem Ausland zunehmend davon ab, nach Deutschland zu kommen. Dies sei eine „fatale Entwicklung, bei der die Krise im Wohnungsbau einen Dominoeffekt und damit massiven Schaden für weite Teile der Wirtschaft auszulösen droht“, so das Verbändebündnis Wohnungsbau, das den Branchen-Gipfel organisiert.

In dem Bündnis haben sich neben dem Deutschen Mieterbund und der IG BAU Verbände der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft sowie der Mauerstein-Industrie und des Baustoff-Fachhandels zusammengeschlossen.

Volkswirtschaftlich gesehen sei die Baubranche ebenso wie die Automobilbranche ein „Zugpferd der deutschen Wirtschaft“. „Volkswirtschaftlich sind beide – Auto- und Wohnungsbau – auf Augenhöhe. Wobei der Wohnungsbau Binnenkonjunktur-Motor ist: Er produziert in Deutschland – und für die Menschen im Land“, so das Verbändebündnis Wohnungsbau. Es komme jetzt darauf an, dass auch die Politik den „Konjunkturmotor Wohnungsbau“ wiederentdecke – als starkes Zugpferd für die Wirtschaft.

Sonderfinanzierung des Wohnungsneubaus gefordert

Gemeinsam fordern sie die Bundes- und Landespolitik zu einer sofortigen Sonderförderung des Wohnungsneubaus auf. Konkret würden jährlich 23 Milliarden Euro an Subventionen benötigt: 15 Milliarden Euro für 100.000 neue Sozialwohnungen. Und zusätzlich noch einmal 8 Milliarden Euro für den Neubau von 60.000 bezahlbaren Wohnungen.

Das geht aus Berechnungen hervor, die Wissenschaftler des schleswig-holsteinischen Bauforschungsinstituts ARGE (Kiel) in ihrer Studie zum Wohnungsbau-Tag gemacht haben. Es sei dringend notwendig, dieses Geld als „Ad-hoc-Förderung des Staates für den Wohnungsneubau“ bereitzustellen. Außerdem müsse deutlich einfacher gebaut werden. Fazit: Keine überzogenen Standards und deutlich mehr Förderung – nur so schaffe Deutschland den Weg aus der Wohnungsbau-Krise.

Die Wohnungsnot sei wirtschaftlich, aber auch sozial längst ein „politischer Risikofaktor“. Jeder dritte Mieterhaushalt – und damit über 7 Millionen Haushalte bundesweit – sind nach Angaben des Bündnisses mit ihren Wohnkosten überlastet: Sie seien gezwungen, mehr als 30 Prozent ihres verfügbaren Einkommens fürs Wohnen auszugeben. Jeder sechste Mieterhaushalt (3,1 Millionen Haushalte) zahle über 40 Prozent allein für die Kaltmiete. Die Hälfte davon müsse sogar 50 Prozent oder mehr vom Einkommen fürs Wohnen aufbringen.

Aktuell leben rund 9,3 Millionen Menschen in Deutschland in überbelegten Wohnungen – und damit 11 Prozent der Bevölkerung. Das geht aus der ARGE-Studie zum Wohnungsbau-Tag hervor. Besonders betroffen seien armutsgefährdete Menschen. Von ihnen lebe mehr als jeder Fünfte auf zu engem Raum. „Durch die Krise im Wohnungsbau eskaliert die Wohnungsnot. Gelingt es nicht, die Krise abzuwenden, folgt den wohnungsbaupolitischen Defiziten ein sozialpolitisches Versagen“, warnt das Wohnungsbau-Bündnis.

Viele Normen „schlichtweg überzogen“

Prof. Dietmar Walberg, Chef des schleswig-holsteinischen Bauforschungsinstituts ARGE (Kiel) fordert neben einer deutlich höheren Förderung für den Wohnungsneubau vor allem auch, dass „alle – und allen voran der Staat – kräftig an den Stellschrauben bei den baulichen Standards drehen“.

Viele Normen, Vorgaben und Auflagen seien „schlichtweg überzogen“, so Prof. Walberg. Alles, was die Kosten beim Neubau unnötig nach oben treibe, gehöre auf den Prüfstand. „Vieles wird mit High-End-Standards gebaut, weil es sonst keine Förderung gibt. Anderes, weil es ökologisch oder mit Blick auf den Wohnkomfort vermeintlich ein Optimum bietet. Hier brauchen wir ein neues Augenmaß für das, was wirklich Sinn macht und auch noch bezahlbar ist“, fordert ARGE-Institutsleiter Prof. Dietmar Walberg.

Seit 2000 hätten sich die Baukosten im Wohnungsbau pro Quadratmeter verzweieinhalbfacht. Preistreiber sei dabei vor allem die Technik in den Gebäuden – von der Heizung über die Lüftung bis zur Sanitär- und Elektrotechnik.

Einen enormen Preis-Push habe der Wohnungsbau seit 2020 erlebt: Seitdem gab es einen Anstieg der Baukosten von mehr als 42 Prozent, so die Wissenschaftler der ARGE.

„Um schnell wieder bezahlbare Wohnungen bauen zu können, müssen sofort alle Möglichkeiten genutzt werden, die Baukosten zu senken. Und das geht nur über ein Senken der Standards: Also, wir müssen einfacher bauen. Wir müssen anders bauen. Sonst bauen wir bald gar nicht mehr“, so der eindringliche Appell von Prof. Dietmar Walberg auf dem Wohnungsbau-Tag. (afp/red)

 



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