Niederlande: Mord an Rechtsanwalt lenkt Fokus auf Unterwanderung durch marokkanische Drogenbanden

Von 20. September 2019 Aktualisiert: 20. September 2019 18:15
Der Mord an einem angesehenen Rechtsanwalt in Amsterdam erschüttert die Niederlande. Der Jurist wurde am Mittwoch vor seinem Wohnhaus erschossen. Es wird ein Zusammenhang mit einem Prozess gegen Mitglieder marokkanischer Drogenbanden vermutet, da er einen Kronzeugen vertrat, der gegen diese aussagen wollte.

Die Niederlande werden derzeit von einem aufsehenerregenden Mordfall erschüttert. Am Mittwoch (18.9.) wurde der Amsterdamer Rechtsanwalt Derk Wiersum (44) vor seinem Haus im Süden der Stadt um etwa 7.30 Uhr Ortszeit erschossen. Der Tatverdächtige, der eine Kapuzenjacke trug, soll Zeugen zufolge zwischen 16 und 20 Jahre alt sein, er konnte vom Tatort fliehen. Wiersum hinterlässt eine Frau und zwei Kinder.

Zwar wollen die Polizeibehörden dem Endergebnis ihrer Ermittlungen nicht vorgreifen, es spricht aber nach derzeitigem Erkenntnisstand alles für einen Zusammenhang mit dem Drogenhandel und der dahinterstehenden Organisierten Kriminalität. Immerhin war Wiersum der Anwalt eines Kronzeugen im Verfahren gegen mehrere Mitglieder einer Drogengang, die in der Zeit zwischen 2015 und 2017 fünf Morde begangen haben soll. Der Kronzeuge will von weiteren Morden und Mordversuchen wissen.

Polizeigewerkschaft spricht von „Narco-Staat“

BBC zitiert Polizeichef Erik Akerboom mit den Worten, es sei „eine neue Barriere überschritten“ worden: „Nicht einmal Menschen, die einfach nur ihren Job erledigen, können sich sicher fühlen.“ Jan Struijs von der Polizeigewerkschaft NPB spricht von einer Organisierten Kriminalität, die „völlig außer Kontrolle geraten“ sei. Die Niederlande drohten zum „Narco-Staat“ zu werden. Justizminister Ferd Grapperhaus nannte den Mordanschlag einen „Anschlag auf unseren Rechtsstaat“.

Für einen Zusammenhang mit der Bandenkriminalität spricht, dass im Vorjahr bereits der Bruder des Kronzeugen „Nabil B.“, den Wiersum vertrat, erschossen wurde. Der Mord an dem selbst in keiner Weise in kriminelle Zusammenhänge eingebetteten Bruder hatte einzig das Ziel, den Kronzeugen einzuschüchtern.

Die fünf Morde, um die es in dem Prozess geht, werden umgangssprachlich als solche des „Mocro-Mafia-Krieges“ bezeichnet, benannt nach einer TV-Serie, in der es ebenfalls um marokkanisch-stämmige Gangster geht. Die Hauptverdächtigen sind die bekannten Unterweltbosse Ridouan Taghi und Said Razzouki, die vor ihrer Verhaftung EU-weit unter den meistgesuchten Verbrechern geführt worden waren. Beobachter sprechen vom größten und wichtigsten Prozess in den Niederlanden seit Jahren.

Nun sollen die Antiterrorermittler von NCTV den Fall übernehmen. Anwälte starteten in sozialen Medien eine Solidaritätsaktion für die Hinterbliebenen, die Amsterdamer Anwaltskammer will einen Schweigemarsch durch die Stadt organisieren.

Jahr für Jahr zweistellige Zahl an Morden im Drogenmilieu

Seit etwa zehn Jahren wird die Stadt regelmäßig von Bandenkriegen heimgesucht. Vor allem junge Männer aus dem marokkanischen Einwanderermilieu kontrollieren Schmuggel und Handel mit harten Drogen. Mehrfach sind bei Schießereien auf offener Straße auch Unbeteiligte zu Schaden gekommen. Jahr für Jahr sollen, so berichtet die „Süddeutsche“, etwa ein Dutzend Morde im Drogenmilieu geschehen. Brandanschläge und Entführungen sind im Milieu alltäglich, fallweise soll es sogar zu Enthauptungen gekommen sein.

Der Sozialwissenschaftler Pieter Tops und der Journalist Jan Tromp hatten in einem aufwändig recherchierten Buch sogar nachgewiesen, dass die Drogenkartelle, die von schwerreichen Bossen angeführt werden, die Gesellschaft unterminieren und den Staat unterwandern.

Unterdessen stellen sich immer mehr Niederländer die Frage, inwieweit das Image des liberalen Musterlandes im Umgang mit Drogen seinen Teil dazu beigetragen hat, dass die kriminellen Banden zunehmend den Eindruck gewinnen, dort ein ruhiges Hinterland vorzufinden. Die Niederlande hatten als eines der ersten Länder Europas den An- und Verkauf weicher Drogen in geringen Mengen geduldet. Dies machte das Land zum beliebten Reiseziel für Personen aus anderen Ländern, die die nachsichtige Haltung für sich selbst nutzen wollten.

Image als Eldorado für Junkies

Dass es in bestimmten Bereichen seither auch wieder Verschärfungen gab, konnte dem Image nicht viel anhaben. Mittlerweile gibt es, was weiche Drogen anbelangt, in einzelnen Städten auch Feldversuche für einen staatlich kontrollierten Drogenanbau. Auf diese Weise hofft man, die Gewinnmargen so klein zu halten, dass der Bereich für die Banden unattraktiv wird.

Die weichen Drogen sind aber jetzt schon für organisierte Kriminelle weitgehend uninteressant. Deshalb ist kaum damit zu rechnen, dass sich der staatlich kontrollierte Handel mit weichen Drogen abträglich auf den Handel mit illegalen Drogen auswirken würde – zumal das von Gegnern eines nachsichtigen Umgangs mit weichen Drogen häufig bemühte Argument, diese dienten als Einstiegsdrogen, umstritten ist.

Zwar hatte, wie Untersuchungen in mehreren Ländern gezeigt haben, tatsächlich der größte Teil der Konsumenten harter Drogen zuvor weiche genommen – allerdings ist der absolute Anteil an Personen, die als Konsumenten weicher Drogen in weiterer Folge zu härteren greifen, insgesamt zu gering, um einen Kausalzusammenhang herstellen zu können.

Politisch könnte der Fall Derk Wiersum der niederländischen Rechten, angeführt von der PVV von Geert Wilders und dem „Forum für Demokratie“ (FvD) von Thierry Baudet, Auftrieb verleihen. Beide haben seit Jahren vor einer zu indifferenten Haltung gegenüber der Bandenkriminalität gewarnt und die anhaltende Einwanderung aus nordafrikanischen Staaten als Sicherheitsrisiko bezeichnet.

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