Urgestein der Linken kritisiert Parteikurs: Die Linke verliert ihre Basis

Die Linkspartei steckt in einer Krise und verliert Unterstützung. André Brie fordert mehr Mut und Kreativität, um die Menschen anzusprechen, sowie eine Einbeziehung verschiedener Strömungen durch eine Grundsatzkommission. Sahra Wagenknecht hätte er gerne weiter in der Partei.
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Die Linke befindet sich gerade im Krisenmodus.Foto: über dts Nachrichtenagentur
Von 14. Juni 2023

Für die „Linke“ läuft es seit einiger Zeit nicht gut. In Berlin ist die Partei nicht mehr im Senat vertreten, die gerade erst in Kraft getretene Wahlrechtsreform könnte der Partei 2025 die Sitze im Bundestag kosten und dann der Dauerzoff der Parteispitze mit Sahra Wagenknecht. Eine Spaltung der Partei scheint im Moment so wahrscheinlich wie nie zuvor. Die Partei ist im Krisenmodus und ein Licht im Tunnel ist im Moment nicht wirklich in Sicht.

Nun hat sich auch ein Urgestein der Partei zu Wort gemeldet. André Brie galt viele Jahre als Vordenker der PDS und später der Linkspartei. Er war stellvertretender Parteivorsitzender der PDS, Wahlkampfleiter, Europaabgeordneter und bis 2016 Landtagsabgeordneter in Mecklenburg-Vorpommern. Leicht hatte er es mit seiner Partei nie und diese auch nicht mit ihm. In der Linkspartei galt er vor allem als Kritiker des Kurses des damaligen Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine. Das nahmen ihm viele seiner Genossen übel. Bei der Landtagswahl 2016 schaffte es der profilierte Stratege seiner Partei nicht mehr in den Landtag. Seine Partei hatte ihm zuvor einen sicheren Platz auf der Landesliste verweigert.

Heute lebt der 73-Jährige zurückgezogen in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Auf seine Partei schaut er trotzdem genau. In einem Interview mit dem Onlineportal „Table.Media“ macht er nun seiner Unzufriedenheit über seine Partei Luft.

Es scheint jetzt alles kaputt zu gehen

„Ganz zuerst war ich in der SED. Da war ich sehr unzufrieden und auch heute bin ich sehr unzufrieden mit meiner Partei.“, so der frühere PDS-Wahlkampfleiter. Nach dem Erfurter Parteitag, als der Parteivorsitzende Martin Schirdewan sagte: „Wir sind wieder da.“, da habe Brie sich die Frage gestellt, wo seine Partei denn tatsächlich sei? In Brandenburg läge die Linke nur bei sieben Prozent. Immerhin habe sie in diesem Land einmal mitregiert. So oder ähnlich sehe es überall aus, so Brie weiter. „Das war ja mein Leben seit 1989, etwas Neues zu machen – aber das scheint jetzt alles kaputt zu gehen.“

Früher habe man noch die Leute erreicht, die „ein Ventil brauchten“. Man sei eine Alternative gewesen. „Heute ist die AfD diese Alternative, obwohl sie in Wirklichkeit keine Alternative anbietet.“, sagt Brie im Interview weiter. Aber die AfD sei jetzt das Ventil für die Unzufriedenheit der Menschen. „Das sind nicht mehr wir.“

Linke verliert Kontakt zur Basis

Ein Grund, dass seine Partei auch im Osten – über viele Jahre die Hochburg der Linkspartei – die Menschen nicht mehr überzeugen kann, sieht der ehemalige Europaabgeordnete in der Überalterung seiner Partei. In den 90ern sei die damalige PDS im Osten eine mitgliederstarke Partei gewesen und war in jedem Verein, auf jedem Stadtfest und in jeder Kommune vertreten. „Dadurch konnten wir die Menschen erreichen. Das können wir so nicht mehr.“ Die Linkspartei habe einfach nicht mehr so viele Mitglieder. „Heute ist die Partei vor allem im Osten einfach zu alt.“

Seine Partei sei nicht mehr „so richtig an der Basis“. Früher sei sie die Kümmererpartei im Osten gewesen. „Die Linke kann nur wieder Kümmererpartei werden, mit Mut, Kreativität, mit Aktionen. Sie müsste den Menschen zeigen, wir sind keine Partei wie jede andere.“, glaubt der langjährige Europaabgeordnete.

Mit Bundestagsreden und Anträgen erreicht man keine Leute

Das alles passiere aber zurzeit in der Linkspartei nicht. Die Partei habe sich zu stark auf die Parlamentsarbeit konzentriert. „Reden halten, Anträge stellen, all das ist ja auch gut, aber damit erreicht man die Leute nicht wirklich.“ Die Themen seien alle da und seine Partei spreche diese auch im Bundestag an, „aber sie spricht nicht die Menschen an, die betroffen sind.“ Von seiner Partei fordert der ehemalige Vordenker mehr Öffentlichkeitsarbeit. „Nicht mit Papier, nicht mit Kommerz, sondern mit Aktionen. Mit wirklichem Mut.“

Sahra Wagenknecht lieber dabei als in der Opposition

Kritik kommt von André Brie auch am Umgang mit Sahra Wagenknecht in der Linkspartei. Sie sei beliebt, weil sie Menschen beeindrucke, wenn sie sie im Fernsehen sehen. „Außerdem kann sie durch die Differenzen zur Partei punkten.“, so Brie.

Weiter verweist er darauf, dass es auch auf Dörfern in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern kaum noch Leute gebe, die die Linke wählen. Diese Menschen erreicht Sahra Wagenknecht mit ihrer Kritik. „Natürlich auch mit ihren Argumenten und Kenntnissen, aber vor allem, wenn sie der eigenen Partei widerspricht. Das erkenne ich an.“

Das größte Problem der Linken sei, dass sie zerrissen ist. „Das betrifft nicht nur Sahra, das geht weit darüber hinaus.“

Die Entscheidung des Parteivorstandes, eine Zukunft ohne Sahra Wagenknecht zu planen, hält der langjährige Parteistratege für falsch. Er habe zwar keinen Kontakt mehr zu Wagenknecht. Aber bei allen Problemen hätte er sie „bei einer sozialistischen Partei auch gerne dabei und nicht in der Opposition zu den Linken.“

Linke braucht wieder mehr Mut und Empathie für die Menschen

Die Linke, so Brie, brauche jetzt „unbedingt“ eine Grundsatzkommission. „Damals haben wir in der Kommission viele verschiedene Strömungen in der Partei eingeladen und Ortsverbände, um mit ihnen zu diskutieren über soziale Unzufriedenheit oder Ökologie.“ Eine solche Kommission gebe es heute nicht mehr.

Wenn er heute seiner Partei einen Rat geben könnte, dann müsse sie „viel mehr Mut haben, viel mehr Empathie mit den Menschen.“ Weiter müsse sie programmatisch wieder in die Öffentlichkeit kommen. Dafür gebe es „unendliche Möglichkeiten.“ Es gebe heute „so viele Bezüge sozialistischer Ideen ins Heute.“  Vor 33 Jahren hieß es noch: „Karl Marx ist tot, Jesus lebt“. Das würde heute niemand mehr sagen. „Selbst die FAZ schreibt heute viel über Sozialismus, die Linke müsste diesen Diskurs wieder für sich gewinnen.“



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