Erster Todestag von Fidel Castro: „Er hat sein Volk betrogen – eine Diktatur gestürzt und eine neue errichtet“

Epoch Times24. November 2017 Aktualisiert: 26. November 2017 9:37
Fidel Castro ein kubanischer Revolutionär, Politiker und Diktator. Er war Regierungschef, Staatspräsident und Vorsitzender der Kommunistischen Partei Kubas. Er wurde verehrt und war verhasst.

Kein Denkmal erinnert an den berühmtesten Sohn Kubas. Keine Straße und kein Platz auf der sozialistischen Karibikinsel ist nach dem „Comandante en jefe“ benannt. Er selbst hat es so verfügt.

Aber natürlich ist Fidel Castro auch ein Jahr nach seinem Tod am 25. November 2016 noch immer präsent in Kuba. In den Schulen werden seine Ideen gelehrt, viele seiner Sprüche gehören zum Allgemeingut. In zahlreichen öffentlichen Gebäuden hängen Fotos von ihm.

Für viele Kubaner war der Tod des legendären Revolutionsführers ein einschneidendes Erlebnis. „Ich war gerade auf der Straße unterwegs, als ich es hörte. Dann bin ich sofort nach Hause. In solchen Momenten ist man besser bei seiner Familie“, erinnert sich der Taxifahrer Osniel ein Jahr später.

Für die Menschen in Kuba hat sich durch den Tod Castros allerdings wenig verändert. „Aus den Regierungsgeschäften hatte sich Fidel Castro ja schon lange vor seinem Tod zurückgezogen. Aber er war immer eine Symbolfigur und hat das politische Geschehen kommentiert“, sagt die deutsche Politikwissenschaftlerin Susanne Gratius von der Madrider Universität UAM.

Zunächst gab es die Hoffnung, dass Präsident Raúl Castro aus dem Schatten seines Bruder heraustreten und den von ihm eingeleiteten Reformprozess zügiger vorantreiben würde. Das ist bislang nicht eingetreten. Die wirtschaftliche Öffnung geht nur zögerlich voran, von politischer Lockerung und gesellschaftlicher Liberalisierung kann keine Rede sein.

„Der Reformkurs liegt derzeit auf Eis. Angesichts der zögerlichen Annäherung an die USA lautete die Devise der kubanischen Regierung zunächst: keine Experimente“, sagt der Politikwissenschaftler Bert Hoffmann vom Giga-Institut. „Mit US-Präsident Donald Trump ist nun die Kalte-Krieg-Rhetorik zurückgekehrt. Das verleiht den konservativen Kräften in Kuba Aufwind.“

Trump nahm Erleichterungen seines Vorgängers Barack Obama beim Tourismus zurück und untersagte Geschäfte mit den kubanischen Streitkräften, die einen großen Teil der Wirtschaft kontrollieren. Nach mysteriösen Akustikattacken auf Botschaftsmitarbeiter in Havanna zog Washington zahlreiche Diplomaten ab.

„Der große Verlierer ist Raúl Castro. Die Annäherung beider Nationen sollte sein Erbe sein“, schreibt die kubanische Dissidentin Yoani Sánchez in ihrem Blog „14ymedio“. „Das diplomatische Tauwetter zwischen Kuba und den USA ist vorbei. Beide Länder stellen die Uhren zurück auf die Zeit des Kalten Kriegs.“ Im Februar kommenden Jahres will Raúl Castro als Präsident zurücktreten. Das erste Mal seit fast 60 Jahren steht dann kein Castro mehr an der Spitze.

„Ich bin so alt wie die Revolution, ich kenne nichts anderes“

Fidel Castro hat wie kein anderer Kuba geprägt. Viele Menschen konnten sich ein Leben ohne den Revolutionsführer schlicht nicht vorstellen. „Wir wussten, dass der Tag kommen würde, aber es hat mich doch getroffen“, sagt Lourdes, die auf einem Markt in Havanna Obst und Gemüse verkauft. „Ich bin so alt wie die Revolution, ich kenne nichts anderes.“

Für seine Anhänger war Castro ein Held, der Kuba befreit, den mächtigen USA die Stirn geboten und viel sozialen Fortschritt gebracht hat. Für seine Gegner war er dagegen ein brutaler Gewaltherrscher, der Andersdenkende unterdrückte, keine freien Wahlen zuließ und die Meinungsfreiheit mit Füßen trat.

„Fidel Castro ist als ein glücklicher Mann gestorben“, sagt der italienische Journalist Gianni Mina. Der Reporter kannte Castro gut und führte einmal ein 16-stündiges Interview mit dem Staatschef. Seiner Einschätzung nach hat sich in Kuba seit Castros Tod nicht viel geändert. „Kuba hat sich nach innen gewandt, wie schon oft in der Geschichte, um standzuhalten. Das Land ist aus den internationalen Medien verschwunden, aber ich glaube, das Beispiel der kubanischen Revolution hat für Lateinamerika weiterhin große Bedeutung.“

Castro ist noch immer eine Ikone der internationalen Linken. An seinem Geburtstag im August huldigten ihm seine Anhänger ebenso wie Venezuelas Präsident Nicolás Maduro und Boliviens Staatschef Evo Morales. „Er war der Patriarch und Mentor der radikalen Linken, hat immer wieder in internationale Debatten eingegriffen. Raúl Castro hingegen konzentriert sich eher auf interne Wirtschaftsthemen“, sagt der kubanische Politikwissenschaftler Arturo López-Levy von der Universität Texas.

Doch die geopolitischen Rahmenbedingungen für das sozialistische Projekt unter Palmen haben sich verschlechtert. Die Wirtschaftskrise beim wichtigen Alliierten Venezuela bringt auch Kuba in die Bredouille.

Vor einem Jahr wurde Castros Urne in einem Triumphzug von Havanna einmal quer über die ganze Insel nach Santiago de Cuba gebracht. Zehntausende Veteranen, Arbeiter und Schulkinder skandierten am Straßenrand „Ich bin Fidel, ich bin Fidel“. Jetzt liegt die Urne mit der Asche des legendären Revolutionsführers in einem schlichten Findling auf dem Friedhof Santa Ifigenia.

Nach seinem Tod lief im ganzen Land das melodramatische Lied „Cabalgando con Fidel“ (Reiten mit Fidel) in Dauerschleife. Auch jetzt ist es wieder häufig im Radio zu hören. Darin heißt es: „Vater – lass meine Hand nicht los. Ich weiß noch nicht, wie ich ohne dich laufen soll.“

Medien nach Fidel Castros Tod

Castros Tod löste auch im Westen gemischte Gefühle aus. Einige Medien kommentierten wie folgt.

Die „Neue Osnabrücker Zeitung“ schrieb:

„Fidel Castro war Diktator und Mörder. Er sperrte sein Volk ein, ließ Menschen foltern, zerriss Familien. Und doch ist es in Ordnung, ein wenig traurig darüber zu sein, dass er tot ist. Der Revolutionär war in seinem entschlossenen Idealismus ein einzigartiger und auch beeindruckender Mensch. Castro stand für den Traum von einer besseren Welt und für den mutigen, wenn auch blutigen Versuch, sie auf Kuba zu schaffen. War sie gerechter? Nein. Zwar kam Themen wie Bildung, Gesundheitswesen und Gleichberechtigung in seinem Land sehr viel früher als in anderen Teilen der Dritten Welt eine große Bedeutung zu. Dennoch ist schon lange klar, dass er gescheitert ist. Castro war das letzte lebende Lehrstück, dass der Sozialismus nicht funktioniert. Kuba wurde zum Freilichtmuseum der politischen Ideengeschichte.“

Das „Straubinger Tagblatt“: „Castro hat sein Volk betrogen. Er hat den Diktator Batista gestürzt und eine neue Diktatur errichtet. Geändert hat sich lediglich der ideologische Überbau. Perfektioniert wurden allenfalls die menschenverachtenden Instrumente des Polizeistaats. Die auch unter Raúl Castro funktionieren.“

Die Zeitung „Fränkischer Tag“: „Ein wesentlicher Teil des Mythos Castro wird jedenfalls weiterleben: Nämlich der, als „Stachel im Fleisch“ des übermächtigen Nachbarn USA allen Umsturzversuchen getrotzt zu haben. Wie es aussieht, wird der Umsturz trotzdem gekommen – allerdings nicht gewaltsam, sondern schleichend und im Zuge von Reformen.“

Und die „Nordwest Zeitung“ schrieb: „Die Reaktionen auf den Tod Castros oszillieren zwischen Heldenverehrung und verdruckstem Umschleichen der historischen Wahrheit. Besoffen von Revolutionsromantik, den Geist verklebt von verlogenen, heroischen Erzählungen, drückt sich nicht nur die deutsche Linke vor der Wahrheit. Die lautet: Castro war ein blutbefleckter Diktator, ein Feind der Freiheit, ein Kriegstreiber – kurz einer jener bösen Geister des 20. Jahrhunderts, die mit Stalin und Mao in einem Atemzug genannt werden müssen.

Revolution war wichtiger als Menschlichkeit

Ganz sicher war Fidel Castro einer, der nicht verlieren konnte. Er musste alles kontrollieren und duldete keinen Widerspruch. Er ließ seine Gegner beseitigen – auch Freunde. Die Revolution war wichtiger als die Menschlichkeit.

Castro überlebte Anschläge und Sabotageakte. Er überstand das 55 Jahre dauernde Wirtschaftsembargo der mächtigsten Nation der Welt – den USA. Castro war so beliebt, weil er verhinderte, dass die USA – wie in Kubas Nachbarländer – Diktatoren installierte die Ungleichheit, Gewalt, Pseudodemokratien und Drogenkartelle ins Land brachten. Für dies wird Castro bis heute von vielen verehrt – und von anderen für die Errichtung seiner eigenen Gewaltherrschaft gehasst.

Castro wurde als junger Mann zum Studentenführer. Er promovierte in Jura und eröffnet eine Anwaltskanzlei. 1952 trat er als Kandidat bei den Parlamentswahlen an. Doch kurz davor putscht sich der Militär Fulgencio Batista – mit Hilfe der USA – an die Macht und verwandelt Kuba in eine brutale Diktatur. Havanna wurde zur zweiten Heimat der US-Mafia. Es gab Casinos und Bordelle. Doch die einfache Bevölkerung lebte in Armut, gerade auf dem Land. Wer versuchte sich zu wehren, wurde auf Befehl Batistas verhaftet, gefoltert und ermordet. Die Leichen seiner Gegner wurden zur Abschreckung auf die Straße geworfen.

Doch Fidel Castro fürchtete den Diktator nicht. Er verklagte Batista wegen Verfassungsbruch. Doch Castro scheiterte und von da an glaubte er nicht mehr an eine friedliche Lösung der Probleme Kubas. Er plante eine Revolution.

Castro versuchte mit 150 Mann die Moncada-Kaserne in Santiago zu stürmen und wurde festgenommen. Er wurde verurteilt und bildete sich im Gefängnis weiter. Er und sein Bruder Raúl wurden amnestiert und gingen ins Exil nach Mexiko. Dort fand er neue Gefährten und lernte den argentinischen Arzt Ernesto „Che“ Guevara kennen.

Siehe: Der falsche Held: Che Guevaras Brutalität, Toleranz von Folterungen und die politisch motivierten Morde werden geleugnet

Nach einigen Rückschlägen schafften es Castros Rebellen 1958 schließlich, auf Havanna vorzurücken. Noch bevor sie die Hauptstadt erreicht hatten, floh Batista in die Dominikanische Republik. Zu diesem Zeitpunkt war die sogenannte Kubanische Revolution bereits in vollem Gange. Ein Ziel des Widerstandes war, die Wiederherstellung der von Batista seit 1952 teilweise außer Kraft gesetzten Verfassung von 1940, einschließlich aller demokratischen Grundrechte sowie der in ihr enthaltenen Landreform.

Castro zog triumphierend in Havanna ein aber schon kurz darauf brach er das erste seiner vielen Versprechen. Er wurde Premierminister Kubas, obwohl er sagte, kein Staatsamt anzustreben. Auch die demokratische Verfassung von 1940 hat er nicht wieder eingesetzt. Zu freien Wahlen kam es nie. Er hatte eben eine bessere Form der Demokratie gefunden, sagte er viele Jahre später.

Vor seinem Versterben am 25. November 2016 wurde Castro oft für tot erklärt. Mehr als 640 Mal soll die CIA versucht haben, ihn zu ermorden. Seinem Geheimdienst zufolge versuchte man ihn unter anderem per explodierender Zigarre, mittels eifersüchtiger Geliebter oder vergiftetem Taucheranzug zu töten. (Quelle: Verehrt und gehasst)

(dpa/so)

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