Strand von Los Roques (Foto: Hans Christian Schikore)

Mit dem Fünfmast-Vollschiff „Royal Clipper“ 1.200 Seemeilen durch die südliche Karibik – Teil 1

Von 26. April 2006 Aktualisiert: 26. April 2006 22:49
Strand von Los Roques (Strand von Los Roques (Foto: Hans Christian Schikore)

Nach langem, ermüdendem Flug endlich auf Barbados gelandet, wären wir am liebsten gleich schnurstracks wieder nach Hause geflogen. Denn in nur geringen zeitlichen Abständen waren mehrere „Jumbos“ auf dem relativ kleinen Flughafen angekommen, und deren Menschenmassen sorgten nun bei großer Hitze vereint drängend für stickige Luft und chaotischen Stau vor den „Immigrations“- Schaltern, von welchen nur einige geöffnet waren. Die langsam und offensichtlich völlig gleichgültig abfertigenden Beamten ließen sich vom Schreien und Weinen der Kinder und vom Schimpfen der Erwachsenen über diesen unzumutbaren Zustand überhaupt nicht aus der Ruhe bringen. Nach drei Stunden des Schwitzens und Gestoßenwerdens trugen unsere Pässe endlich die nötigen Stempel, und ein Bus brachte uns – inzwischen war es finstere Nacht geworden – zum Liegeplatz der „Royal Clipper“.

Da leider auch der Empfang an Bord in keiner Weise auf den körperlichen und seelischen Zustand der unfreiwillig zwar spät aber nicht zu spät Angekommenen Rücksicht genommen hatte, war der letzte Gedanke vor dem Einschlafen „Nie mehr Barbados, nie mehr Royal Clipper!“ Ab jetzt konnte es eigentlich nur noch besser werden!

Urwaldufer am Orinoco mit Scharlach-Ibissen (Urwaldufer am Orinoco mit Scharlach-Ibissen (Foto: Hans Christian Schikore)

Am sonnigen Morgen waren wir schon lange vor dem Frühstück auf und im Schiff unterwegs, um es kennen zu lernen und zu erkunden, vor der Reise hatten wir ja schon so viel darüber gelesen: Das größte Segelschiff der Welt! Das weltweit einzige Vollschiff, was man daran erkennt, dass die quer zu den einzelnen Masten rahgetakelten Segel für weitere Segel eben keinen Platz mehr lassen, – das Schiff ist in dieser Hinsicht „voll“. 42 Segel von insgesamt 5.056 qm Fläche können bei günstigem Wind eine Geschwindigkeit bis zu 17 Knoten bewirken. Dieses dem ehemaligen Frachtsegler „Preußen“ in vieler Hinsicht nachempfundene 134 m lange Super-Schiff ist im Sommer 2000 in Holland endgültig fertig gestellt worden.

Staunend beobachten wir das Segelsetzen mittels der neuartigen Roll-Reff-Anlage, ohne deren Einsatz ungefähr weitere 30 Mann an seemännischem Personal notwendig sein würden. Es ist so großartig, den Wind in den Segeln, die da heißen Flieger, Klüver-, Vorstagsegel, Großsegel, Mittelsegel und und und bis zum Untermarssegel und Besansegel, zu sehen und zu hören, dass wir das Frühstück völlig vergessen.

„Palafito“ im Regen („Palafito“ im Regen (Foto: Hans Christian Schikore)

Die „Royal Clipper“ nimmt Kurs auf Trinidad und Tobago, die beiden südlichsten Inseln der Karibik, die vor der Nordküste Venezuelas Gemeinsam einen Staat bilden. Auf seiner dritten Reise hat sie Kolumbus 1552 entdeckt. Zum Baden in Sonne, Sand und Wasser oder für einen Uferspaziergang ankern wir vor dem kleinen Ort Charlotteville.

„Tobago“ ist das ursprünglich indianische Wort für Tabak. Die tiefgrüne Insel ist fruchtbar und somit landwirtschaftlich geprägt. Seit 1962 ist man zusammen mit dem weitaus größeren Trinidad unabhängig und Mitglied des britischen Commonwealth.

Am nächsten Morgen ankert unser Schiff bereits in venezolanischen Hoheitsgewässern, weit draußen vor dem riesigen Mündungsdelta des 2.140 km langen Orinoco, der pro Jahr etwa 40 m Land vor sich herschiebt und an der Küste ablagert. Für unser großes Schiff ist die Wassertiefe hier viel zu gering, so dass uns der flachgehende Tender zum verschlafenen Örtchen Pedernales im nördlichen Delta am Mündungsarm Mánamo bringt, dabei immer mal wieder recht unsanft am Grund aufsetzend. Hier heißt es Umsteigen auf kleine Boote mit starken japanischen Außenbordmotoren.

Feuchtheiß ist es im Lande der etwa 20.000 Warao-lndianer, „Bootsmenschen“, die am Wasser und vom Wasser leben: neben Früchten des Waldes, wildem Honig und aus Palmen gewonnenem Moriche-Mehl bildet Fisch ihre hauptsächliche Nahrung. Doch den Katzenfisch, dem sie besondere magische Kräfte zusprechen, meiden sie ebenso wie alle größeren Waldtiere, in deren Adern ähnliches Blut wie in ihren eigenen Körpern fließen würde. Große Säugetiere zu verspeisen, grenzte also an Kannibalismus. Die Warao leben in einfachen Pfahlbauten, so genannten Palafitos, in großen Familienverbänden, die der riesige Strom nährt. Die Männer fischen und die Frauen, denen alle anderen Arbeiten obliegen, bringen im Durchschnitt 10 Kinder zur Welt und erreichen nur in Ausnahmefällen mehr als 40 bis 45 Lebensjahre.

„Royal Clipper“ auf Reede vor Charlotteville („Royal Clipper“ auf Reede vor Charlotteville (Foto: Hans Christian Schikore)

Nun segelt unsere „Royal Clipper“ einen vollen Tag die venezolanische Küste westwärts entlang bis Cumana, welches schon 1521 gegründet worden ist und von sich – wie übrigens Granada in Nicaragua auch – behauptet, die älteste von Europäern gegründete Stadt Amerikas zu sein. Hier ist der Ausgangspunkt für einen Tagesausflug mit dem Auto in die Berge zur Guácharo-Höhle, einer riesigen über 10 km langen Tropfsteinhöhle, deren eingangsnaher Bereich schon 1797 von Alexander von Humboldt vermessen worden war, wobei er Leben in der Finsternis der Höhle entdeckt hatte: hier lebten und leben nie mehr als 20 – 25.000 Guácharos. Guácharos sind Fettschwalme, deren Name sich vom sehr fetthaltigen Bauchgewebe (aus welchem früher die Indianer Öl gewonnen hatten) der etwa hühnergroßen Vögel ableitet. Die Guácharos sind nahezu blind und orientieren sich per Echolot, was in der Höhle zu einem höllischen Dauerlärm führt. Auf Felsvorsprüngen oder kleinen Klippen – Nestbau gibt‘s nicht – ziehen die Elternvögel jeweils zwei bis drei Junge auf und verfüttern besonders fettreiche Samenkerne, die sie nachts aus bis zu 250 km Entfernung herbeiholen. Die Fütterung ist so intensiv, dass die Jungvögel bis zu zweieinhalb Kilo schwer und dadurch flugunfähig werden. Bis auf ein Jungtier pro Brutpaar fallen alle anderen flugunfähig und zu fett gewordene auf den Höhlenboden herab und dienen dort gleichfalls fast blinden Ratten als willkommene Nahrung. Vor Ende der Brutzeit stellen die Altvögel die Nahrung für ihr überlebendes Junges um, indem sie jetzt andere Samenkörner, die großenteils für die Ratten giftig sind, die Jungvögel aber nur bis auf Flugfähigkeit abmagern lassen – eine „Spezialdiät“ also – auf ihren nächtlichen Flügen sammeln und verfüttern. Die überschießend auf den Boden fallenden Samenkörner werden von den Ratten, von denen viele daran sterben, gefressen. Auf diese Weise stellt die Natur sicher, dass die Populationen sowohl der Vögel als auch der Ratten in einem ungefähren Gleichgewicht zueinander bleiben: je 20.000 bis 25.000 Tiere.

Von den toten Ratten leben wiederum ungewöhnlich große, farblose und ebenfalls fast blinde Spinnen und von letzteren, dann kleine, farblose Fischlein. Während der Regenzeit ist die Höhle nicht begehbar, und in der Trockenzeit bleibt genügend Wasser für die Fische im Höhlenbach.

Vor der Küste Venezuelas liegt im kristallklaren Wasser der 1972 ausgerufene Nationalpark „Los Roques“ – 40 mit Namen versehene Inseln und weitere gut 300 namenlose kleine Eilande. Da die Zahl der erlaubten Besucher begrenzt ist, können sich Natur und Touristen die schönen Strände problemlos teilen.

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