Gewalt ist nicht stumm und die Sprache nicht gewaltlos.Foto: iStock

Je roher die Sprache, desto roher die Gesellschaft

Von 12. Oktober 2019 Aktualisiert: 14. Oktober 2019 14:55
Repräsentanten im Landtag müssen zur Disziplin aufgerufen werden, Lehrer klagen über die sprachlichen Unsitten am Schulhof und der aggressive Umgangston gehört zum familiären Alltag. Die Verrohung der Sprache verändert das Gehirn - so Neurowissenschaftler.

Alltägliches vom Schulhof: „Bist du behindert oder was? Bist deppat du Wappler! Scheißlehrer! Scheißausländer!“ – Genug gehört? Wahrscheinlich schon seit Langem. Heute wird mit Wörtern und Worten tendenziell eher oberflächlich, nachlässig und unsensibel, sowie minimalistisch umgegangen.

Doch Sprache wirkt sich auf das Gehirn aus – wie der Neurowissenschaftler Univ. Prof. Joachim Bauer untersucht. Im Interview mit WDR meint dieser,

Sprechen und Handeln sind im Gehirn eng miteinander verbunden. Das neurologische Sprachareal ist beim Menschen in die Netzwerke eingebettet, in denen auch die Handlungen geplant werden. Was andere zu uns oder über uns sagen, verändert das Gehirn.“

Wenn Sprechakte Gewalttaten gleichen

Sprache beeinflusst tagtäglich, wie gedacht und gehandelt wird, wie wahrgenommen und an was erinnert wird. Darin sind sich Sprachforscher einig. Kommunikation kann nicht nur dazu genutzt werden, um seine Meinung präzise und differenziert mitzuteilen, sie kann auch dazu dienen, subtil zu manipulieren.

Worin unterscheidet sich sprachliche und körperliche Gewalt?

Nach neuesten Forschungsergebnissen unterscheiden sie sich nur in ihrer äußerlichen Form. „Die Art wie wir bestimmte Ereignisse benennen bestimmt, wie wir diese wahrnehmen und bewerten. So macht es zum Beispiel einen großen Unterschied, ob wir von ‚Vertreibung‘, ‚ethnischer Säuberung‘ oder ‚Genozid‘ sprechen“, erklärt der Wiener Sprachphilosoph Gerald Posselt.

Hate speech, Propaganda oder medial aufbereitete Gewaltvideos können demnach dazu führen, dass gewisse Handlungen nicht als Gewalt angesehen und anerkannt werden. Dies bedeutet, den Opfern das Recht auf Schutz zu verwehren.

Nachgedacht statt nachgemacht

Die verbale Mitteilung kann als Werkzeug genutzt werden, gewaltfrei durch den Tag zu kommen. Daher warnt Sprachexperte de Cillia davor, Begriffe ohne nachzudenken in den eigenen Wortschatz zu übernehmen. Sprachliche Gewaltakte sind vergleichbar mit der Zerstörungskraft von physischer Gewalt.

Posselt erklärt im „KURIER“, es sei dringend geboten einzelne Trends und Entwicklungen genau zu beobachten. Entwertende Redeweisen könnten ansonsten Teil unseres allgemeinen Sprachgebrauchs werden.

Sprache gilt gemeinhin als etwas, das der Gewalt entgegengesetzt ist. Der Sozialphilosoph Jürgen Habermas sieht Kommunikation als ein Medium, den Streit dank des „eigentümlich zwanglosen Zwangs des besseren Arguments“ in Konsens zu verwandeln – ohne, dass die Faust zum Einsatz kommen müsste.

 Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem andern zu.“ Die goldene Regel.

Woher kommt die verletzende Kraft des Sprechens?

Warum können Worte verletzten? Die neurobiologische Forschung erklärt dies mittels Motivationssystem-Forschung folgendermaßen: Der Menschen sei primär darauf aus in sozialer Gemeinschaft und gelingenden Beziehungen mit anderen Individuen zu leben.

Dies beinhalte alle Formen des sozialen Zusammenwirkens – analysiert Joachim Bauer in seinem Buch „Prinzip Menschlichkeit“.

Darin heißt es weiter, dass der Kern jeder Motivation zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung oder Zuneigung zu finden und zu geben sei. Die Neurobiologie hat bewiesen, dass der Mensch ein auf soziale Resonanz und Kooperation ausgelegtes Wesen ist.



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