„Keine sinnvolle Strategie“ – Experten über Corona-Selbsttests in Schulen

Von 27. April 2021 Aktualisiert: 27. April 2021 18:14
Für die einen gelten sie als „unverzichtbar“, für andere „sinnlos“: Corona-Selbsttests in Schulen. Während die Regierung der Devise „testen, testen, testen“ folgt, sehen zahlreiche Experten diesen Ansatz für kritisch, warnen sogar vor der Eigenanwendung bei Symptomlosen und Minderjährigen.

Inzidenzwerte als Maßstab aller Dinge, Corona-Tests als Eintrittskarte für den Präsenzunterricht. Die Regelungen im neuen Paragraf 28b Infektionsschutzgesetz sind weitreichend. Dass Schüler ab einer Inzidenz von 165 generell zu Hause bleiben müssen, geht Professor Reinhard Berner, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Dresdner Uni-Klinik, zu weit. „Die reinen Inzidenzzahlen sind aus meiner Sicht ein völlig untaugliches Instrument, um die Pandemie zu steuern“, erklärte er gegenüber „Dresdner Neueste Nachrichten“.

Ende März seien die Inzidenzen auch bei den Kindern hochgegangen, weil man mehr getestet habe, nicht weil die pandemische Situation eine andere gewesen sei. Dass Schulen in solchen Fällen geschlossen werden, „kann nicht sinnvoll sein“, so der Mediziner.

Wenn das Infektionsgeschehen dramatisch wäre, sodass ein vollständiger Lockdown verordnet werden müsste, sollte man die Schulen schließen, erklärt der Arzt weiter.

Statt Schulen zu schließen, muss man betrachten, wie gefährlich das Infektionsgeschehen für Risikogruppen werde. Die Anzahl der auf Intensivstationen behandelten COVID-19-Patienten oder freie Bettenkapazitäten hält Berner als Maßstäbe besser geeignet.

Aber die Frage sei grundsätzlich eine andere. „Nämlich wie wichtig es uns als Gesellschaft ist, dass Kinder in Kitas und Schulen gehen können.“

Homeschooling hat nach seiner Ansicht nichts mit Fernunterricht zu tun, sondern bedeutet einfach, dass Kinder zu Hause schulisch unterschiedlich gut betreut werden – ohne Sozialkontakte. „Das alles kann verheerende Auswirkungen auf diese junge Generation haben“, so Berner weiter. Daher sollte man alle möglichen Maßnahmen ergreifen, um den Schul- und Kita-Betrieb so sicher wie möglich zu machen. Unabhängig von Inzidenzzahlen müssen Schulen und Kitas offen gehalten werden. Natürlich müsse dabei in Kauf genommen werden, dass es dort auch zu Infektionen kommt. Kinder seien nun einmal Teil des Pandemiegeschehens.

Sinn oder Sinnlosigkeit von Schnelltests

Befragt nach den wöchentlichen Schnelltests, die nun von der Regierung in den Schulen gesetzlich eingeführt wurden, erklärt Berner:

Ich halte die wöchentlichen Schnelltests für keine sinnvolle Strategie.“

Aus Studien sei bekannt, dass man mit den Schnelltests nur 20 Prozent der infizierten symptomlosen Kinder tatsächlich findet.

Berner erklärt: „Wenn ich an einer Schule 1.000 Schüler teste, unter denen zehn infiziert sind, finde ich nur zwei von ihnen, acht aber nicht. Dafür finde ich zusätzlich sechs bis acht falsch positive, die also erst einmal in Quarantäne müssen, obwohl sie nicht infiziert sind.“

Die Entscheidung, Kita-Kinder nicht zu testen, aber Grundschulkinder schon, sei am Ende eine politische gewesen, betont der Professor weiter. Dabei habe sicher auch die Frage eine Rolle gespielt, ob man den Kindern die Tests zumuten möchte und welchen Aufwand das Testen erfordern würde, aber natürlich auch, welche Aussagekraft man erwarten kann. „Wie gerade dargestellt, ist die Treffsicherheit bei den Schnelltests lausig schlecht, das gilt umso mehr, je jünger die Kinder sind, und vor allem, wenn sie symptomfrei sind.“

Zudem führen die vermehrten Tests nach seiner Meinung dazu, dass Hygienemaßnahmen weniger streng eingehalten werden. Wer ein negatives Schnelltestergebnis habe, gehe anders mit den Hygienemaßnahmen um als ohne. Dabei verschaffe das Testen nur eine vermeintliche Sicherheit. Der Mediziner plädiert dafür, bestehende Hygieneregeln konsequent umzusetzen und zu kontrollieren – nicht nur in den Schulen, sondern auch im Hort, in der Kantine sowie in Bussen und Bahnen.

Experte kritisiert fehlende Standards der Schnelltests

Auch Professor Dr. Werner Bergholz, ein Experte, der auf 20 Jahre Erfahrung in der industriellen Standardisierung und Normung zurückblickt und mehrfach als Sachverständiger beim Gesundheitsausschuss des Bundestages geladen war, hat eine Stellungnahme bezüglich der Corona-Schnelltests verfasst. In seiner Expertise vom 10. April, die zur Verwendung in einem offenen Brief an die Schulbehörden und Schulleiter gedacht ist, äußert er starke Bedenken:

„Nur wenige der verfügbaren Antigen-Schnelltests erfüllen die WHO-Forderungen. Selbst für die zwei besten Tests hat die Cochrane Arbeitsgemeinschaft in einem Review-Artikel festgestellt, dass Antigen-Schnelltests für Settings mit symptomlosen Personen, wie in einer Schule, unzuverlässige Ergebnisse ergeben.“

Ein weiteres signifikantes Problem ist nach Angabe des Experten die Durchführung der Tests durch nicht medizinisch ausgebildetes und erfahrenes Fachpersonal, wie Tests in England gezeigt haben.

Ein Pilotversuch in Bremen zeige eindeutig, dass es verschwindend wenige positive Tests unter 40.000 innerhalb einer Woche gab – nämlich 130. Nur 15 davon wurden mit einem PCR-Test bestätigt, „bei dem auch noch mit einem Anteil falsch positiver Befunde zu rechnen ist“, so Bergholz.

Bergholz kommt zu dem Fazit:

  1. Der geplante Einsatz von Antigen-Schnelltests in Schulen ist aus messtechnischen Gründen keine sinnvolle Vorgehensweise, da die Ergebnisse nicht aussagekräftig sind.
  2. Ein Nebenbefund ist, dass der Einsatz von Antigen-Schnelltests in allen anderen Settings, in denen ausschließlich symptomfreie Personen getestet werden, also zum Beispiel „Freitesten“ für Einkaufen oder Veranstaltungen, nicht sinnvoll ist.
  3. Da Kinder und Jugendliche nach wie vor keine Rolle im Infektionsgeschehen spielen, ist dies auch überhaupt nicht nötig.

DGKJ hält Schnelltests für „unverzichtbar“

Anders als Professor Berner bewertet der Verein Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin die Corona-Selbsttests bei Kindern als „unverzichtbar“. In dem Merkblatt zur Anleitung zum Corona-Selbsttest bei Kindern sind auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, der Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin e.V., das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie das Bundesgesundheitsministerium aufgeführt. In diesem Hinweisblatt werden die dort vorgestellten Testverfahren – von Abstrich, über Gurgeln, Spucken bis hin zum Lutschen – als „ungefährlich und harmlos“ bezeichnet.

Demnach sollen Eltern ihren Kindern eine lockere Atmosphäre verschaffen und erklären, was es mit dem Test auf sich hat. „Bitte testen Sie nicht gegen den Willen des Kindes“, heißt es jedoch dabei. Am besten sollte man das Testen an einer Puppe oder einem Kuscheltier vormachen – oder sich selbst als Versuchsperson zur Verfügung stellen.

„Wenn Ihr Kind alt genug dafür ist, kann es die Probennahme auch selbst durchführen – oder Sie wiederholen nur das Abstreichen mit demselben Tupfer beim Kind. So können Sie sicher sein, genug Probenmaterial aufgenommen zu haben. Loben Sie Ihr Kind für seinen Mut. Sie werden merken, dass es bei jedem weiteren Test mit Tupfer oder Probenröhrchen besser klappt.“

Ein Testergebnis liege in der Regel nach etwa 15 Minuten vor, heißt es in dem Merkblatt weiter mit dem gleichzeitigen Hinweis: „Ein negatives Testergebnis gibt Ihnen keine absolute Sicherheit.“ Daher sei jeder Test nur eine Momentaufnahme. Das liege auch daran, dass die Testempfindlichkeit der Antigentests nicht optimal sei.

Keine Eigenanwendung durch Minderjährige und Symptomlose

Auch der Kinderarzt Dr. Martin Hirte hat sich in seinem Blog unter der Rubrik „Selbsttests bei Schülern: Nicht geprüft für die Eigenanwendung durch Minderjährige und Gesunde“ dem Thema gewidmet. Darin schreibt er:

„Ein Berater für Produktlebenszyklus- und Compliance-Management, der anonym bleiben will, hat Steckbriefe zu Selbsttests erstellt, die in Schulen Anwendung finden, und hat sie mir für die Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.“ Das Fazit aller Tests sei Folgendes: „Sie sind nicht konzeptioniert und validiert für die Eigenanwendung durch Minderjährige und Symptomlose.“

Dabei wurden folgende Tests unter die Lupe genommen:

„Spucktests“:

Inzwischen werden massenhaft und ungeregelt Tests importiert und eingesetzt, die nicht für den Eigengebrauch zugelassen sind, heißt es in Hirtes Blog weiter. Dazu gehöre etwa der NINGBO Lollipop Test, Medical United, ein sogenannter Lollitest, von denen in Deutschland noch keiner für den Eigengebrauch zugelassen ist. Der Test sei nicht einmal auf der „großen“ BfArM-Liste aufgeführt. Es handele sich also „selbst nach den (zweifelhaften) offiziellen Kriterien nicht um einen als seriös einzustufenden Test“. Ebenso sei Green Spring Test, der gelegentlich verwendet werde, bisher nicht zur Eigenanwendung zugelassen.

Sollten weitere, noch nicht aufgeführte Tests in Schulen Anwendung finden, so würden weitere Steckbriefe dazu erstellt werden. In diesem Fall bittet der Kinderarzt um einen Hinweis per E-Mail ([email protected]).

Für das Jahr 2021 hat das Bundesgesundheitsministerium insgesamt ein Kontingent von rund 545 Millionen Antigenschnelltests gesichert. Das geht aus einer Antwort der Regierung vom 18. Januar auf eine kleine Anfrage der FDP hervor.

Hier steht die komplette Stellungnahme von Professor Bergholz zu Schnelltests an Schulen zum Download zur Verfügung.



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