Fanbotschafter zur WM Russland: Durch das Ticket wurde man zum gläsernen Menschen

Schon seit vielen Jahren ist Matthias Stein mit der Deutschen Nationalmannschaft als Fanbotschafter unterwegs. Auch bei der kürzlich zu Ende gegangenen Weltmeisterschaft in Russland war er vor Ort mit dabei. „Unser Team der mobilen Fanbotschaft bestand aus 13 Personen inklusive einer DFB Mitarbeiterin in der Teamleitung, die als Schnittstelle zum DFB fungierte. Das hat wirklich sehr gut funktioniert. Zusätzliche Unterstützung erhielten wir von zwei Studenten vom Fanclub der Nationalmannschaft“, so Matthias Stein.

Auch Vertreter der deutschen Botschaft waren an den Öffnungstagen ständig am Stand der mobilen Fanbotschaft, um bei auftretenden Problemen zu helfen.

Ein Treffpunkt der Fans

Die Mobile Fanbotschaft war immer an den Spielorten präsent, in denen die Deutsche Nationalmannschaft spielte und am Stand war immer etwas los. Vom einfachen Treffpunkt der Fans bis hin zur Hilfe bei abhanden gekommenen Reisepässen konnte geholfen werden.

Zu den Tätigkeitsfeldern der Fanbotschafter gehörte ebenfalls die Kommunikation mit der deutschen Polizei-Delegation und anderen Fanbotschaftern. „Alle Fanbotschaften waren eingebettet in das Fan Embassy Programm von Football Supporters Europe. Deshalb waren wir auch untereinander sehr gut vernetzt“, so Stein weiter.

„Die FSE war wiederum das Bindeglied zur FIFA und den örtlichen Verwaltungen, und so konnten wir bei verschiedenen kniffligen Geschichten helfen. Viele kamen auch zu uns, um sich allgemeine Infos zu holen. Dabei waren die häufigsten Fragen zum Beispiel, wie man zum Stadion kommt und was es für Veranstaltungen und Sehenswürdigkeiten gibt. Da wir in der Regel an die örtliche Touristeninformation angedockt waren, konnten wir diese Fragen natürlich auch gut beantworten.“

Aber ein Fanbotschafter musste vorher auch selbst schon kräftig recherchieren, „… weil wir wie stets seit Südafrika 2010 den „Helmut“ als Fanzine (Fan-Magauin) herausgegeben haben, in dem wir Infos zum Nahverkehr, kleine Geschichten über die Stadt und den jeweiligen örtlichen Verein untergebracht haben, und wo natürlich wichtige Telefonnummern, wie zum Beispiel die 24 Stunden Helpline, standen.“

Fanbotschafter sind Helfer, Streetworker und Vermittler

Helfen konnten die Fanbotschafter auch in schwierigen Fällen. So kam es bei früheren Turnieren auch schon vor, dass Fans an den Stand der Fanbotschaft kamen und sagten: „Seit gestern Abend ist mein Kumpel weg und ich weiß nicht, ob er vielleicht im Knast ist. Solch einen Fall hatten wir diesmal zum Glück nicht dabei.“ Oder manche wurden in der Metro bestohlen. Bargeld, Kreditkarte, Ausweis – alles war weg.

„Zum Glück konnten die rührigen Mitarbeiter der Deutschen Botschaft in diesen Fällen helfen. Auch die russische Polizei hat sich viel Mühe gegeben um diese Sachverhalte aufzuklären. Das ging vom Lokaltermin vor Ort bis hin zum Durchgucken der Überwachungsvideos der Metrostationen, die in Russland lückenlos mit Video überwacht werden“.

Doch Matthias Stein, der fließend Russisch und Englisch spricht, lässt auch durchblicken, dass der Job eines Fanbotschafters harte Arbeit bedeutet. „Zwei Leute von uns haben den Stand betreut und die anderen waren als Streetworker unterwegs. Wir haben die Fans in der Stadt angesprochen, ob sie Fragen oder Probleme haben; ob wir helfen oder vermitteln können oder ob unsere Fans selbst Probleme machen. An diesen Tagen kam es schon mal vor, dass wir 24 km durch die Stadt gelaufen sind – dann spürt man abends seine Beine und man weiß, was man gemacht hat. Jeder von uns musste auch mal die 24 Stunden Helpline betreuen. Gerade das machte wirklich Sinn.

Einmal ist ein Fan alkoholisiert in den falschen Bus eingestiegen und an der Endhaltestelle wusste er nicht, was er machen sollte. Dann hat er nachts bei uns angerufen und wir konnten ihm die Nummer eines Taxiunternehmens geben, welches auch Mitarbeiter beschäftigt, die ein bisschen Englisch können. Und Englischkenntnisse sind in diesen Gegenden Russlands wirklich nicht die Regel.

Diesen Fan haben wir beim Rückflug zufällig getroffen. Er hat uns an unseren Fanbotschafter Klamotten erkannt und hat sich bei uns noch einmal sehr bedankt. Angetrunken in einem fremden Land, dessen Sprache man nicht versteht und dessen Schriftzeichen man nicht kennt … und in einer abgelegenen Ecke, in der kein Mensch Englisch versteht … der war heilfroh, dass er unsere Hilfe in Anspruch nehmen konnte.“

Die „Fan ID“ galt als Visum – man konnte auch Pech haben …

Am nach Russland zur WM zu kommen und Spiele sehen zu können, musste der Fan erst beim Fanclub Nationalmannschaft oder auf den FIFA Portalen im Internet eine Eintrittskarte erwerben. Hatte „Fan“ erfolgreich ein Ticket ergattert, musste er nun unter der Angabe der Daten, welche auf der Karte aufgedruckt waren, eine sogenannte Fan ID beantragen.

Diese ersetzte das Visum zur Einreise nach Russland. „Diese Fan ID konnte man nur unter der Angabe sämtlicher persönlicher Daten bekommen. Das schließt selbstverständlich auch die Angabe der Mobilfunknummer mit ein, damit man jederzeit ortbar ist. Jeder war somit in Russland ein gläserner Mensch“, berichtet Stein, der hauptamtlich Leiter des Fanprojektes in Jena ist.

„Es gab auch mehrere Fans, die im Vorfeld erfolgreich Karten und eine Fan ID beantragt hatten und die dann unmittelbar vor ihrer Abreise nach Russland per Mail oder sms benachrichtigt wurden, dass ihre Fan ID für ungültig erklärt wurde. Das stand mutmaßlich mit dem Austausch von Datensätzen zwischen Bundesinnenministerium und der russischen Föderation im Zusammenhang. Aber aufgrund unserer Intervention über FSE konnte zumindest in einigen Fällen festgestellt werden, dass es sich um einen technischen Fehler gehandelt hatte und diese Fans dann doch noch einreisen und das Spiel besuchen konnten.“

Aber es gab auch Fälle, bei denen die Fanbotschafter nicht helfen konnten. So zum Beispiel wurde ein Fan bei der Einreise in Sotschi trotz erfolgreicher Kartenbestellung und vorhandener Fan ID 27 Stunden am Flughafen festgehalten. „Die Begründung war“, so Stein, „dass seine Fan ID für ungültig erklärt wurde. Das war‘s. Da stand er nun, die Beamten sprachen nur russisch und es gab auch keinen Dolmetscher. Selbst die deutsche Botschaft konnte nicht helfen, da diese Person noch nicht „offiziell“ eingereist war – und damit war die Botschaft noch nicht für ihn zuständig. Dem Ärmsten blieb dann nichts weiter übrig, als auf eigene Kosten wieder zurück zu fliegen. Ganz bitter.“

Hört man Matthias Stein zu, bekommt man leicht den Eindruck, dass ein Fanbotschafter auch ein stückweit Mutter Theresa spielen muss. So auch am Tag nach dem Ausscheiden des DFB Teams. „An diesem Tag kamen relativ viele Fans an unseren Stand, um sich einmal Luft über das Ausscheiden der Mannschaft zu machen. Da sind wir dann auch schon mal die Klagemauer der Fans gewesen. Das muss man dann aber auch verkraften können“.

Russische Fans: Plötzlich können wir relativ entspannt feiern

Von großem Interesse ist auch, wie die Fanbotschafter als Repräsentanten der Deutschen von den Russen wahrgenommen wurden.

„Der Kontakt zur dortigen Bevölkerung war durchgängig sehr angenehm. An jedem Standort kamen Einheimische an unseren Stand und nachdem wir ihnen erklärt hatten, was wir machen, fanden die das alle klasse. Es kamen auch Russen, die sagten, dass sie gerade die deutsche Sprache lernen und sie hätten kaum die Gelegenheit, das zu nutzen. Die haben angeboten, uns zu helfen. Sie wollten zum Hauptbahnhof fahren, um deutschen Fans den Weg in die Innenstadt zu zeigen.

Viele junge Russen zeigten sich darüber erfreut, dass wir uns nun selbst ein Bild über ihr Land machen konnten und sie sagten immer wieder: Wir sind nicht nur Putin. Während der Gespräche mit ihnen stellte sich oft heraus, dass es während der Zeit der WM wesentlich lockerer in Russland zuging, als es sonst üblicherweise ist.

Die waren sehr erstaunt, dass man relativ entspannt mit anderen Fans auf der Straße feiern konnte, was sonst im russischen Alltag nicht möglich ist. Da fragt man sich doch, warum das während der WM möglich ist und sonst nicht. Vielleicht bleiben ja doch einige Lockerungen auch nach dem Turnier erhalten.“

Selbst ein Fan?

Befragt, ob sich Herr Stein auch gern einmal in Ruhe ein Spiel als Fan angesehen hätte, gibt er zu Protokoll: „Natürlich waren wir im Rahmen der Erfüllung unserer Aufgaben auch in den Stadien, aber selbstredend ist man da nicht, um 90 Minuten ein Fußballspiel anzuschauen, sondern fungiert ebenfalls als Ansprechpartner und Schnittstelle. Ich weiß auch nicht, ob ich privat 105 US Dollar (das war die günstigste Karte für einen Nichtrussen) für den Besuch eines Spieles ausgeben würde. Eigentlich würde ich so viel Geld nur ausgeben wollen, wenn der FC Carl Zeiss Jena mal wieder in einem Endspiel stehen würde“.

Quelle: https://www.epochtimes.de/sport/fussball/fanbotschafter-matthias-stein-bei-der-wm-in-russland-a2505714.html