Ruth Heimann vom Caritasverband Mannheim e.V. bei der Schuldenprävention in einer Klasse von Auszubildenden an der Luzenbergschule.Foto: Universität Mannheim

Universität Mannheim: Ohne Schulden lebt es sich leichter

Epoch Times4. August 2011 Aktualisiert: 4. August 2011 7:41
Überschuldung ist noch immer ein Tabuthema, über das insbesondere Jugendliche wenig sprechen, aber Konsumenten der Zukunft zeigen Emanzipation und Kompetenzentwicklung. So plant man wissenschaftlich begleitet den Weg in die schuldenfreie Zukunft. Ein Programm nicht nur für Jugendliche.

Ganze Staaten sind verschuldet und lavieren sich durch, die Politiker spielen „Schwarzer Peter“ oder nehmen Reißaus, um am Ende nicht als Schuldige dazustehen mit dem schwarzen Peter in der Hand. Wen wundert es, wenn unsere Jugendlichen auch gern über ihre Verhältnisse leben?

Da es sich aber ohne Schulden leichter lebt, hat die Projektgruppe Wirtschaftspsychologie der Universität Mannheim gemeinsam mit dem Städtischen Leihamt (!) Mannheim und dem Caritasverband Mannheim e.V. ein Präventionsprogramm gegen Jugendüberschuldung entwickelt.

Mit dem Projekt „START FREI!“ wollen die Initiatoren dem Problem der steigenden Jugendüberschuldung in der Metropolregion Rhein-Neckar entgegenwirken. Es kommt zunächst in den Schulen der Metropolregion zum Einsatz. Das komplette Präventionsprogramm inklusive detaillierter Anwendungsanleitung wird kostenlos über eine projektbegleitende Website als Download zur Verfügung gestellt. Die Website mit dem Namen http://www.frei-starten.de soll neben der Verbreitung und Förderung des Präventionsprogramms verschuldeten Jugendlichen als eine erste Anlaufstelle und als Informationsportal dienen. Sie ist so heiter wie unkompliziert, dass sie geradezu neugierig macht. Vielleicht nicht nur Jugendliche.

Aber aktuelle Statistiken belegen einen bedenklichen Trend, dass sich nämlich immer mehr Jugendliche in Deutschland verschulden. Der Schuldneratlas 2010 zeigt einen dramatischen Anstieg der Jugendüberschuldungsrate seit 2004. Laut Sigrid Kemptner vom Caritasverband Mannheim e.V. stellt Jugendüberschuldung auch in der Metropolregion Rhein-Neckar ein wachsendes Problem dar. Trotz potentiell schwerwiegender persönlicher und gesellschaftlicher Konsequenzen ist Überschuldung noch immer ein Tabuthema, über das insbesondere Jugendliche wenig sprechen. Erschwerend hinzu kommt die vorherrschende öffentliche Meinung, nach der Überschuldung gern als Privatangelegenheit von Personen eingestuft wird, die nicht mit Geld umgehen können.

Der Geschäftsführer des Städtischen Leihamts Mannheim Jürgen Rackwitz und Prof. Dr. Karsten Müller, Leiter der Projektgruppe Wirtschaftspsychologie, sehen

Überschuldungsprävention als eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, die auch im Rahmen der schulischen Bildung stärker gefördert werden sollte. Das Präventionsprogramm soll Jugendliche dabei unterstützen, den Umgang mit Geld zu erlernen, die eigenen Finanzen im Griff zu behalten und ein Bewusstsein für den eigenen Konsum zu entwickeln. „Das Programm bietet Schulen die Chance, finanziellen Problemen ihrer Schüler frühzeitig vorzubeugen. Auf der Website www.frei-starten.de können sich interessierte Lehrerinnen und Lehrer direkt darüber informieren, wie man das Programm im Unterricht anwenden kann“, unterstreicht Prof. Dr. Karsten Müller.

Die Arbeit an dem Projekt wurde 2009 im Rahmen von sogenannten Service Learning-Seminaren begonnen. Im Rahmen dieser Seminare wenden die Studierenden ihr erlerntes Wissen im gemeinnützigen Bereich an. Gemeinsam mit Vertretern des Caritasverbandes Mannheim e.V. beteiligten die Studierenden sich aktiv an der Durchführung und Weiterentwicklung verschiedener Schuldenpräventionsmodule in der Justus-von-Liebig-Schule und der Luzenberg-Schule in Mannheim.

Die traditionelle Schuldenprävention fokussiert sich meist auf die Vermittlung von Wissen und Kompetenzen. Das Präventionsprogramm „START FREI!“ ergänzt diesen Ansatz um eine weitere Perspektive, indem auch Persönlichkeitseigenschaften in den Blick genommen werden, die negative Konsumhandlungen und somit das Auftreten von Verschuldung begünstigen.

Das Programm wurde so gestaltet, dass es im Rahmen des Schulunterrichts eingesetzt werden kann und seine schwerpunktmäßige Zielgruppe bei Jugendlichen im Altersbereich zwischen 12 und 17 Jahren hat. Es besteht aus vier integrierten jeweils 90 Minuten umfassenden Schwerpunktmodulen, die an verschiedenen verschuldungskritischen Faktoren ansetzen. Die einzelnen Module bestehen aus verschiedenen Bausteinen, die beispielsweise Gruppenaufgaben, Filmclips zum Thema Jugendüberschuldung sowie Lernspiele beinhalten. Bei der Gestaltung der Bausteine wurde großer Wert darauf gelegt, dass sie bei den Jugendlichen eine Motivation zur aktiven Teilnahme auslösen. Derzeit wird das Programm in Schulen der Metropolregion Rhein-Neckar, wie zum Beispiel der Helene-Lange-Schule und der Karl- Kübel-Schule, bereits erfolgreich eingesetzt.

Neben der Erstellung des Präventionsprogramms betreibt die Projektgruppe Wirtschaftspsychologie Grundlagenforschung, um insbesondere psychologische Faktoren von Überschuldung zu identifizieren. So wurden beispielsweise Interviews mit überschuldeten jungen Erwachsenen durchgeführt, um „aus erster Hand“ detaillierte Informationen über Ursachen und Folgen von Schulden zu bekommen. Als Kooperationspartner, die die Projektgruppe insbesondere bei den wissenschaftlichen Untersuchungen unterstützten, sind Biotopia, das Förderband Mannheim sowie die ASS – Arbeitsgemeinschaft Spezialisierte Schuldnerberatung Mannheim zu nennen. Finanziell gefördert wird die Forschung durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg.

Auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse und zum Zwecke der weiteren wissenschaftlichen Fundierung des Präventionsprogramms wird ab dem kommenden Herbst ein umfangreiches Befragungsprojekt in Schulen verschiedener Schulformen durchgeführt. Im Spätherbst dieses Jahres werden zum Thema „Konsumenten der Zukunft: Emanzipation und Kompetenzentwicklung“ ein Schulungstag sowie eine Fachtagung stattfinden. Im Rahmen des Schulungstages sollen Lehrer und Interessierte für das Thema Jugendüberschuldung und Schuldenprävention sensibilisiert werden. Die generelle Zielsetzung der Fachtagung besteht im Austausch zwischen Experten aus Forschung und Praxis. (idw/rls)



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