Schuldenschnitt bei FTI? Bund fürchtet Präzedenzfall

Nur dank üppiger Hilfen durch den Staat konnte die FTI Group nach der Corona-Ära einer Pleite entgehen. Jetzt soll ein Investor einsteigen. Dies würde jedoch einen Schuldenschnitt durch den Bund voraussetzen. Der wiederum befürchtet einen möglichen Präzedenzfall.
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Flughafen Frankfurt. Symbolbild.Foto: iStock
Von 22. Februar 2024

Nach einem Beinahe-Bankrott soll sich der drittgrößte Reisekonzern Europas, die FTI Group, wieder auf dem Weg der Besserung befinden. Dass das Geschäftsmodell, das auf knapp kalkulierte Preise aufgebaut war, schon vor Corona Risiken in sich barg, war Marktbeobachtern bewusst. Ein jüngst vorgelegter Geschäftsbericht zeigt nun: Ohne staatliche Hilfen wäre FTI nicht zu retten gewesen. Besteht der Staat auf deren volle Rückzahlung, könnte jedoch die Zukunft des Konzerns infrage stehen.

FTI räumt selbst ein: „Ohne Staatshilfe wäre Zahlungsfähigkeit nicht mehr sicher gewesen“

Wie der „Business Insider“ berichtet, hat der Konzern jüngst seinen Abschluss für das Geschäftsjahr vom 1. November 2021 bis 31. Oktober 2022 veröffentlicht. Über einen Teil dieses Zeitraums hinweg galten noch Corona-Beschränkungen. Die FTI Group konnte ihre Umsatzerlöse zwar gegenüber dem Zeitraum zuvor von 1,5 auf 3,7 Milliarden Euro steigern.

Aus dem Bericht ging jedoch auch hervor, dass der Zustand der Finanzen des Reiseanbieters deutlich prekärer war als zuvor angenommen. Ohne Staatshilfen wäre es demnach undenkbar gewesen, die FTI Group mit ihren 11.000 Mitarbeitern noch zu retten. Dies räumt der Konzern in seinem Abschluss auch explizit selbst ein, in dem es heißt:

„Die Zahlungsfähigkeit der FTI und der FTI-Group konnte im abgelaufenen Geschäftsjahr nur durch Gesellschafterbeiträge, regierungsgestützte Darlehen und stille Einlagen sowie Kreditvereinbarungen mit Banken sichergestellt werden.“

Konkret umfassten die Staatshilfen dem Bericht zufolge 595 Millionen Euro aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF). Diese setzten sich zusammen aus zwei Darlehen sowie einer stillen Beteiligung. Zusätzlich hatte die Hausbank Unicredit einen Kredit über 280 Millionen Euro gewährt, für die der Bund und der Freistaat Bayern bürgen.

Ohne Mittel des WSF wäre negatives Eigenkapital auszuweisen gewesen

Die stille Beteiligung dem Bericht zufolge bewirkt, dass der operative Verlust im Geschäftsjahr statt 158,5 nur 91,5 Millionen Euro betragen hatte. Der WSF als stiller Teilhaber in einer vorgesehenen Höhe von bis zu 250 Millionen Euro trug der Konstruktion zufolge auch die Verluste mit.

Als noch pikanter erscheint der Umstand, dass die Eigenkapitalquote zum Abschluss des Geschäftsjahres gerade einmal 2,4 Prozent der gesamten Bilanzsumme ausmachte. Ohne die Hilfsgelder hätte FTI ein negatives Eigenkapital in Höhe von 282 Millionen Euro ausweisen müssen.

Selbst die Absicherung des Reisesicherheitsfonds wäre ohne ein staatliches Darlehen nicht zu bewerkstelligen gewesen. Erst dieses ermöglichte der Unternehmensgruppe eine Bankbürgschaft über 112 Millionen Euro. Der Fonds entstand als Konsequenz aus der Pleite des „Thomas Cook“-Konzerns Ende der 2010er-Jahre.

Die Höhe der Mittel, die Unternehmen beisteuern müssen, hängt vom Umsatz ab. Im Oktober 2022 musste FTI sie auf 161 Millionen Euro erhöhen – aus dem Cashflow im operativen Geschäft. Ohne die staatlichen Mittel wäre auch das kaum zu leisten gewesen.

Mindestens zwei mögliche Investoren im Gespräch

Die Vereinbarung mit dem Bund sieht immerhin vor, dass die FTI Group die ihr zur Verfügung gestellten Darlehensmittel innerhalb von sechs Jahren zurückzuzahlen habe. Im März 2022 habe man bereits 40 Millionen Euro zur Tilgung des ersten Darlehens über 235 Millionen Euro bezahlt.

Auch geschäftsmäßig sieht es mittlerweile besser aus – für das Geschäftsjahr 2023 rechnete FTI mit einem Umsatz von 4,1 Milliarden Euro. Dies entspräche wieder dem Niveau der Zeit vor Corona. Man will aufgrund der steigenden Zinsbelastung die Hilfen so zeitnah wie möglich zurückbezahlen.

Gleichzeitig erscheint es jedoch als geboten, einen Investor zu finden, der bei FTI einsteigt, um der Gruppe auch eine langfristige finanzielle Stabilisierung zu ermöglichen. Konkurrent DER Touristik von Rewe war bereits im Gespräch, jüngst hieß es, der US-Investor Certares hätte Interesse.

Allerdings sei keiner der Investoren zum Einstieg bereit, sollte dieser mit kurzfristigen Verbindlichkeiten von mehr als einer halben Milliarde Euro verbunden sein. Deswegen steht die Frage eines möglichen Schuldenschnitts durch den Staat als Gläubiger im Raum.

Schuldenschnitt bei FTI birgt Risiko – Beharren auf Rückzahlung ebenfalls

Vonseiten des Bundes weist man Ambitionen in diese Richtung bislang energisch zurück. Das „Handelsblatt“ schreibt, dass ein solcher Schritt nicht nur Proteste bei Anbietern auslösen würde, die ohne Staatshilfen durch Corona gelangt waren. Zu diesen gehören beispielsweise Alltours oder Schauinsland Reisen.

Auch Konkurrenten wie Marktführer TUI könnten im Wege der Gleichbehandlung Nachlässe auch bei ihren Verbindlichkeiten fordern. Immerhin hatte auch dieser Konzern Staatshilfen in Milliardenhöhe in Anspruch genommen.

Andererseits birgt auch die Verweigerung eines Schuldenerlasses potenzielle Unwägbarkeiten in sich. Sollte der Konzern aufgrund einer ungünstigen Entwicklung dadurch wieder in finanzielle Schwierigkeiten gelangen, stünde nicht nur die Begleichung der Restforderungen des WSF infrage. Im besonders ungünstigen Fall könnten auch die Bürgschaften von Bund und Freistaat Bayern zum Tragen kommen. Die geringen Margen im Pauschalreisebereich lassen eine vollständige Rückzahlung als fraglich erscheinen.

Allerdings könnte ein Schuldenschnitt auch außerhalb der Reisebranche Begehrlichkeiten wecken. Der aktuell im Schutzschirmverfahren befindliche insolvente Handelskonzern Galerie Karstadt Kaufhof hatte ebenfalls üppige Staatshilfen erhalten. Sollte der Staat nun freiwillig auf Kosten der Steuerzahler auf Forderungen gegen FTI verzichten, dürfte auch bei Eigentümer René Benko die Bereitschaft sinken, eigene Mittel zur Schuldenbegleichung nutzbar zu machen.



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