Geldanlage: Strikte Regulierung und Risikoscheu könnten Rentnern böses Erwachen bescheren

Von 15. Oktober 2018 Aktualisiert: 15. Oktober 2018 19:52
Die erfahrenen Anlage-Praktiker Elroy Dimson und John Greenwood sind befremdet: Die Politik behindere eher die Finanzdienstleister bei Aufbau der Altersvorsorge ihrer Kunden als es sie fördere. Dazu kämen eine ausgeprägte Risikoscheu bei deutschen Anlegern und eine provisionsgetriebene Beratungspraxis.

In einem Doppel-Interview mit „Focus Money“ äußern sich der frühere Chef des Norwegischen Staatsfonds Elroy Dimson und John Greenwood, der Chefvolkswirt für Invesco Ltd., über Themen wie Rente und Anlagestrategien. Insbesondere die Zukunft der deutschen Altersvorsorge bereitet den Finanzexperten erhebliche Sorgen.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hatte kürzlich erläutert, dass jedem zweiten 55- bis 64-jährigen Deutschen monatlich 700 Euro an Rente fehlten, um später den Lebensstandard halten zu können. Elroy Dimson meint dazu: „Da hilft eigentlich nur noch beten.“ Anlagetechnisch könne jemand, der darauf angewiesen wäre, in diesem Alter noch für die Rente vorzusorgen, nur noch alles auf eine Karte setzen oder später in Rente gehen. Dies sei aber keine Option für Menschen, die körperlich arbeiten.

John Greenwood übt demgegenüber auch deutliche Kritik an den engen Regulierungen der EU für die Finanzdienstleistungsbranche, beispielsweise der Versicherungsrichtlinie Solvency II. Diese sei dafür verantwortlich, dass die Sparer am Ende keine Renditen sehen:

„Die Renten werden vor allem von Versicherungen gemanagt, die auf Grund dieses Gesetzes hauptsächlich in niedrig verzinste Anleihen anstelle von rentablen Aktien anlegen. Das ist ein Riesenfehler und der Grund, warum es am Ende nicht reicht.“

Finanzdienstleister verkaufen nach ihrem eigenen Nutzen

Allerdings treffe die Politik nicht die Alleinschuld an der Misere. Zu den übervorsichtigen Kunden, die rentable Anlageformen wie Aktien scheuten, kämen auch noch provisionsgesteuerte Beratungen und Verkaufsgespräche. „Die Finanzindustrie berät an den Bedürfnissen der Kunden vorbei“, diagnostiziert Dimson.

Die Berater verdienen oft prozentual am Vermögen und darüber hinaus, indem sie dieses umschichten. Gerade nicht vermögende Menschen zahlen zu viel.“

In Großbritannien wäre die Honorarberatung mittlerweile die Regel, der Kunde geht zum Finanzberater wie zum Rechtsanwalt und bezahlt nur für die Beratung.

Provisionen fließen keine. Die Folge davon sei, dass mittlerweile zwei Drittel der Berater vom Markt verschwunden seien und mehr Geld in passive Anlageprodukte mit geringen Kosten gingen – etwa in ETFs, die bestimmte Aktienindizies abbilden.

Auch die Anleger selbst seien jedoch gefordert und müssten Verantwortung übernehmen. So solle sich, meint Dimson weiter, ein 40-Jähriger des Öfteren die Frage stellen, ob Luxusausgabe wie jene für den jährlichen Urlaub, das neue Auto oder die Ausstattung des Hauses wirklich sein müssten – oder es nicht sinnvoller wäre, das Geld in die Altersvorsorge zu investieren, wo man etwa 75 Prozent des einstigen Einkommens benötige, um einigermaßen gut über die Runden zu kommen.

„Wenn ich mit 60 Jahren anfange, die Lücke schließen zu wollen, ist es zu spät“, macht der erfahrene Anlage-Experte deutlich.

Da kann ich von Glück sagen, wenn ich Familie habe, die für mich sorgt, wenn das Geld aufgebraucht ist. Das sind schlechte Nachrichten, die wir aber benennen müssen.“

Starre Vorschriften für Pensionsfonds schaden auch dem Arbeitsmarkt

Dass die Politik Anbietern Pensionsfonds sehr detailliert vorschreibe, wie diese zu investieren hätten, und dabei einseitig auf Risikominimierung setzten, sei ein weiterer Problemfaktor, betont Greenwood. Dies schlage sich nicht nur auf die Erträge, sondern führe auch zu Engpässen am Arbeitsmarkt selbst.

„Ich bin kein Experte des deutschen Rentensystems“, erklärt Greenwood. „Aber wir sehen immer wieder, dass die Politik Anlegern, Versicherern und Arbeitgebern vorschreibt, Risiken zu minimieren. Das geht nicht gut. Am Arbeitsmarkt führt das dazu, dass niemand mehr eingestellt wird – mit dem Ergebnis, dass die Arbeitslosigkeit wie in Spanien und Italien hoch bleibt. Das ist in den USA und Großbritannien anders. Da ist der Arbeitsmarkt flexibel.“

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Trotz der bereits relativ langen Aufwärtsbewegung an den Aktienmärkten sei es bei weitem nicht zu spät, einzusteigen, zeigen beide Experten sich einig. Der Investmenthorizont für einen Rentensparplan sei ein langfristiger, der deutlich über die Dauer einer Dekade oder eines Konjunkturzyklus ausgerichtet sei.

Immobilien kein vorrangiger Renditefaktor

Natürlich sei ein Zeitpunkt, zu dem die Wirtschaftsdynamik nachgelassen hätte oder gar negativ ist, ideal, um antizyklisch zu investieren. Oder auch wenn der Aktienmarkt korrigiert habe und die Dividendenrendite ansteige. Mit Blick auf langfristige Anlagen, so Dimson, sei dies jedoch wenig erheblich:

„Vermutlich sind die meisten ohnehin unterinvestiert. Dann ist es immer gut einzusteigen. Könnte es einen besseren Zeitpunkt geben? Mag sein, aber man trifft immer eine Entscheidung, die sich im Nachhinein als nicht ganz richtig erweisen könnte.“

Was die in Deutschland beliebte Vorsorge in Form des Eigenheims anbelangt, ginge dieses vor allem mit einer ästhetischen Rendite einher, nämlich der Freude, in den eigenen vier Wänden zu wohnen. Die Mietrenditen seien allerdings gering, was für ländliche Gebiete noch mehr als für Stadtlagen gelte, erklärt Dimson.

Greenwood hält demgegenüber eine Mixtur aus Aktien, bei denen es um Gewinnmaximierung gehe, und Immobilen, die ähnlich wie Sammlerobjekte eine ästhetische Rendite beinhalteten, für durchaus denkbar:

„Aktien und Immobilien verhalten sich über einen Konjunkturzyklus hinweg ähnlich. Man findet nicht sehr viele Beispiele von Ländern, wo Immobilienpreise bei einem nachhaltigen Aktienmarkt über eine längere Periode hinweg nach unten gegangen wären. Schon aus diesem Grund ist für Anleger eine Mixtur aus Aktien und Immobilien erlaubt.“

Aktien immer noch günstiger als Anleihen

Da Aktien trotz gestiegener Kurs-Gewinn-Verhältnisse immer noch günstiger seien als Anleihen und die Unternehmensgewinne der entscheidende Treiber des Wertsteigerungspotenzials seien, rät Greenwood zu langfristigen Investments auf Raten – in Aktien. Der Konjunkturzyklus sei noch nicht zu Ende und auch die berüchtigte Phillips-Kurve funktioniere nicht mehr.

Auch geopolitische Risiken wie den befürchteten Handelskrieg der USA mit der Volksrepublik China sollte man nicht überbewerten. Nicht nur die USA, auch China, Japan und die EU seien große Protektionisten, betont Greenwood. Sie alle hätten Barrieren geschaffen jenseits von Zöllen, um ihre Märkte zu schützen.

„Ein freier Handel wäre zu schön, um wahr zu sein. Ich bin von Natur aus Optimist. Doch bisher ist nicht erkennbar, dass die Staaten ihr Verhalten ändern, etwa China künftig geistiges Eigentum respektiert.“

Auch Dimson sieht keinen Anlass zur Beunruhigung ob dieser Entwicklungen, insbesondere aus US-amerikanischer Sicht:

„Die USA sitzen fest im Sattel. Sie haben gegenüber Ländern wie China allein durch die Sprache einen entscheidenden Vorteil. Sie sprechen neben Englisch die Sprachen der Einwanderer. Gemessen an der Marktkapitalisierung der Aktienmärkte, nehmen US-Aktien bereits heute die Hälfte der globalen Marktkapitalisierung ein. Da steckt viel Hoffnung in den Technologietiteln.“