Corona-Pandemie: Warum die Sterberaten in Europa so unterschiedlich sind

Von 29. März 2020 Aktualisiert: 30. März 2020 11:47
Die Sterberaten zwischen den einzelnen Ländern in Europa unterscheiden sich enorm. Während in Italien die Sterberate bereits über 10 Prozent liegt, beträgt sie in Deutschland hingegen gerade einmal ein halbes Prozent. In einer neuen Studie beleuchtet Christian Bayer, Professor für Wirtschaft an der Universität Bonn, mögliche Hintergründe und gibt Ausblicke auf weitere Entwicklungen.

Die unterschiedlichen Sterberaten quer durch Europa werfen Fragen auf. Professor Christian Bayer und sein Kollege Professor Moritz Kuhn, vom Institut für Wirtschaft an der Universität in Bonn, veröffentlichten in einer neuen Studie mögliche Erklärungen. Unter der Berücksichtigung bestimmter Faktoren ist es daher möglich, die Entwicklungen für andere Länder abzuschätzen.

Hohe Todesrate in Italien

In Italien, dem zurzeit am schlimmsten von der Corona-Pandemie betroffenen europäischen Land, liegt die Todesrate von Covid-19 Patienten bei knapp über 10 Prozent, während sie in Deutschland vergleichsweise bei nur knapp einem halben Prozent liegt.

Es gibt dazu verschiedene Hypothesen. Darunter die, dass in den verschiedenen Ländern anders getestet wird, mehr getestet wird oder mehr Menschengruppen erfasst werden. In der Studie von Prof. Bayer zeigte sich jedoch noch ein anderer Grund. Der Altersschnitt der positiv getesteten Patienten in Italien liegt bei 63 Jahren. In Deutschland hingegen liegt das Durchschnittsalter der positiv getesteten Personen bei 47, und zählt damit im europäischen Vergleich zum jüngsten Altersschnitt an Infizierten.

Das mache laut Bayer einen großen Unterschied, weil die durchschnittliche Sterberate bei Patienten unter 60 Jahren bei ungefähr 1 Prozent liegt. Ab 80 Jahren steigt diese jedoch auf 16 Prozent. In der Studie erklären die Wissenschaftler, wie sich dieser Altersunterschied der positiv Getesteten ergeben hat.

Ein weiterer Faktor der bei der hohen Sterblichkeit in Italien berücksichtigt werden muss, ist die vergleichsweise schlechte Krankenhaushygiene in Italien. Laut Professor Stefan Hoeckerz, Immunologe und früheren Direktor für Toxikologie im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, seien in Deutschland 2015 etwas über 2000 Patienten an sogenannten Krankenhauskeimen, also an einer Infektion, ausgelöst durch mangelhafte Krankenhaushygiene, gestorben. In Italien waren es vergleichsweise beinahe 11.000 Patienten.

Kontaktverhalten zwischen Generationen in Anfangsphase entscheidend

Die in der Studie ermittelten Daten zeigten, dass die sozialen Strukturen die Sterberaten der Länder zu Beginn des Virusausbruchs beeinflussen.

Die Studienautoren fokussierten sich dafür auf die ursprünglich mit dem Virus infizierten Patienten. Dies war hauptsächlich die arbeitende Generation. Zuerst passierte die Ansteckung vorwiegend durch Arbeitsbeziehungen nach China und später durch Ski-Tourismus vor allem in den Alpen. Auch hier war es eher die jüngere Generation, die dort Urlaub machte. Dadurch zeigte sich klar, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit die jüngere Generation das Virus in einen Haushalt einbringt.

Leben nun aber Großeltern direkt in einem Haushalt, ist die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung groß. Je höher das Alter der angesteckten Person, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass COVID-19 einen fatalen Verlauf nimmt.

Studiendaten ergaben eine erhöhte Sterberate in Ländern, wo mehrere Generationen unter demselben Dach leben. In jenen Ländern, wo weniger als 10 Prozent der 30- bis 49-Jährigen mit ihren Eltern zusammenleben, wie Deutschland, Österreich oder Dänemark, waren die Sterberaten deutlich niedriger als in Ländern, wo bis zu 20 Prozent der 30- bis 49-Jährigen mit ihren Eltern zusammenleben. Letzteres sei häufiger in südlicheren Ländern wie Italien oder Spanien der Fall.

Allerdings sagten diese Daten nur etwas über die ursprüngliche Dynamik des Ausbruchs. Wenn große Teile der Bevölkerung infiziert sind, verliert diese Struktur laut den Studienautoren ihre Gültigkeit. Denn: In jedem Land gibt es natürlich Kontakte zwischen den Generationen. Allerdings: wenn die Ansteckung auf die älteren Generationen verlangsamt wird, indem man sich beispielsweise nicht täglich sieht, haben diese Länder etwas mehr Zeit sich vorzubereiten und die Gesundheitssysteme werden nicht so leicht überlastet.

Länder wie Polen, Bulgarien oder Serbien, in denen ebenfalls vermehrt mehrere Generationen im selben Haus leben und laut der Studie für hohe Sterberaten gefährdet sind, haben trotz weniger Fälle bereits vorzeitig strenge Maßnahmen zur Eindämmung des Virus ergriffen.

Angleichung der Sterberate

In der Studie gehen die Wissenschaftler jedoch davon aus, dass sich im Verlauf der Pandemie auch die Sterberaten der einzelnen Länder angleichen werden. Je mehr Menschen infiziert sind, desto ähnlicher werden die Zahlen der einzelnen Länder ausfallen. Allerdings sei dabei auch die Auslastung der Gesundheitssysteme zu berücksichtigen. In Italien und Spanien, wo es besonders viele Todesfälle gibt, sind die Systeme zurzeit überlastet.

Auch in Deutschland wird laut Bayer die Sterberate nach oben gehen. Durch verzögerte Testergebnisse und der langen Inkubationszeit, sind die Zahlen, die man offiziell sieht, eigentlich immer mehrere Tage alt.

Die Studienautoren betonten, dass es besonders am Anfang des Ausbruchs die Interaktionen der Generationen eine Rolle spielen. Sobald sich das Virus allerdings uneingeschränkt unter der älteren Generation verbreitet, könne es zu Kettenreaktionen kommen, die für jedes Gesundheitssystem herausfordernd sind.

 

 

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