RESOLUTION – die Rückkehr zur Lösung

Von 2. Juli 2012 Aktualisiert: 2. Juli 2012 0:15

Die Etymosophie-Kolumne von Roland R. Ropers erscheint wöchentlich exklusiv in der EPOCH TIMES Deutschland.

Wir verstehen normalerweise unter dem Wort „Resolution“ einen Beschluss, eine endgültige Entscheidung. Mit beschließen, zumachen hat das überhaupt nichts zu tun.

Jede Therapie versucht, lösungsorientiert in einem liebenden Dialog zu arbeiten. Lösung & Liebe sind von immenser Bedeutung. In der innersten Urquelle ist der Kraftplatz für die bedingungslose Liebe, die Resolution führt uns dorthin. Lösung & Leere gehören sehr eng zusammen. Jesus Christus wird sowohl als „Salvator“ wie auch „Redemptor“ bezeichnet. Salvator hängt mit lat.: salvare und solvere (retten und lösen) zusammen. Redemptor kommt von lat.: emere (nehmen); leider existiert das Wort „re-emere“ nicht, was folglich bedeuten würde: wegnehmen, leermachen. Im Englischen kennen wir das Wort „emptiness“ (Leere) und re-emptiness ist der Rückweg in die Leere, in den Urgrund des Seins.

Das höchste Ziel einer Bergwanderung ist immer der Gipfel. Je weiter ich emporsteige, um so mehr treten focussierbare Objekte in den Hintergrund, bis ich nur noch „offene Weite“ und „Leere“ erlebe. Hier gibt es keine Gegen- und Widerstände mehr, keinen personalen Gott, sondern nur noch das Eintauchen in eine Subjekt-Objekt-Verschmelzung, das glückselige Erlebnis von Leben. Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit (Sanskrit: Sat-Chit-Ananda), der Betrachter, das Betrachtete und die Betrachtung verlieren urplötzlich im a-dualen Raum den Charakter illusionärer Trennung.

Jeder Musiker, der ein Künstler ist, weiß um das Geheimnis der Leere, des Zwischenraums der Noten, wo das eigentliche musikalische Ereignis stattfindet.

Das Hindernis auf diesem Lebens-Weg ist der „horror vacui“, der Schrecken vor der Leere, vor dem Vakuum (engl.: void, Sanskrit: sunyata). Alle seriösen Kontemplations-Lehrer sind Weg-Begleiter in den Raum der Leere, der zugleich unendliche Fülle ist. Wir wissen aus der Physik (gr.: physis bedeutet Natur, aber nicht Körper), dass die wesentliche Eigenschaft des Universums die Leere ist, und der materielle Anteil verschwindend gering ist. Wir haben uns heute von der Natur sehr weit entfernt.

Der Arzt (engl.: physician) und der Physiker (engl.: physicist) sollten sich vornehmlich mit der Natur beschäftigen und den Menschen an sein Zentrum, in seine Mitte zurückführen. Das englische Wort remedy für Arznei und Heilmittel ist das „Zurück-in-die-Mitte“.

In einer ständigen Vermeidungshaltung, die Leere als Lebensraum zu betreten, machen wir viele Experimente, die uns immer wieder in einer Manege von vielfältigen Täuschungen gefangen halten. Die englische Sprache gebraucht das Verb to avoid für vermeiden. Das bedeutet konkret, die Verneinung der Leere; wenn ich etwas vermeide, dann gehe ich der Leere aus dem Weg und bleibe im Materiellen. Die Erfahrung, engl.: experience, führt zum Erlebnis. Das lat. Verb experire hat ein hoch bedeutsames Doppelpräfix „ex“ (heraus) und „per“ (hindurch), „ire“ (gehen). Wir müssen heraus- und hindurchgehen, um zum mit Worten nicht ausdrückbaren Erlebnis vorzudringen.

Erlebnis ist das Leben, wo Vergangenheit und Zukunft im Tanz der Wirklichkeit zur Gegenwart, zur immerwährenden Ankunft miteinander verschmelzen.

Die Leere sorgt für das Kontinuum (lat.: contenere = zusammenhalten), den Zusammenhalt des nur im a-dualen Raum erfahrbaren ewigen Lebens, wo die Polarität von Geburt und Tod nicht aufgehoben, aber transzendiert wird. Ich habe hierfür den Begriff „transcendentia oppositorum“ in die Sprache eingeführt, womit ich die Überschreitung der Polarität zum Ausdruck bringen möchte, nicht aber deren Zusammenfall, das wäre „coincidentia oppositorum“.

Wer die heiligen Schriften der Weisen, der Weg-Weiser, verinnerlicht hat, weiß um das große Geheimnis der nur in der absoluten, von allem losgelösten Leere erfahrbaren Wirklichkeit. Dogmatische Glaubenssätze und Rituale diversester Formen haben am höchsten und tiefsten Gipfelpunkt zugleich keinen Platz mehr (lat.: altus bedeutet sowohl hoch als auch tief!). In der Leere gibt es weder Besitz noch Verlust – nur noch die befreiende Wirkung des TAO.

Sei leer – das ist alles
Suche nicht nach Ruhm.
Mache keine Pläne.
Lass dich nicht von Tätigkeiten fesseln.
Glaube nicht, dass du etwas weißt.
Sei dir allen Seins bewusst
und verweile im Unendlichen.
Wandere dort, wo es keinen Weg gibt.
Sei alles das, was der Himmel dir gab,
aber handele so,
als hättest du nichts empfangen.

Sei leer – das ist alles.
Der Geist eines Vollkommenen
ist wie ein Spiegel.
Er ergreift nichts.
Er erwartet nichts.
Er wirft zurück, hält aber nicht fest.
Daher kann der Vollkommene mühelos handeln.

(aus Chuang Tse: „Glückliche Wanderung“)

Dieser Text des chinesischen Weisen Chuang Tse (365 – 290 v. Chr.) ist aus meiner Sicht einer der schönsten über die „Leere“.

{R:2} Der Religionsphilosoph Roland R. Ropers ist Autor und Herausgeber etlicher Bücher:

Was unsere Welt im Innersten zusammenhält: Hans-Peter Dürr im Gespräch mit bedeutenden Vordenkern, Philosophen und Wissenschaftlern von Roland R. Ropers und Thomas Arzt; 2012 im Scorpio Verlag

Eine Welt – Eine Menschheit – Eine Religion von Bede Griffiths und Roland R. Ropers

Gott, Mensch und Welt. Die Drei-Einheit der Wirklichkeit von Raimon Panikkar und Roland R. Ropers

Die Hochzeit von Ost und West: Hoffnung für die Menschheit von Bede Griffiths und Roland R. Ropers

Geburtsstunde des neuen Menschen. Hugo Makibi Enomiya-Lassalle zum 100. Geburtstag von Roland R. Ropers

 

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