Globale Eliten im Kulturkampf: Wenn Progressive moralisieren und Konservative zu Nihilisten werden

Von 13. November 2019 Aktualisiert: 14. November 2019 8:15
Intolerante Toleranzprediger; Bürgerliche, die besonders vehement verfechten, was ihre Eltern und Großeltern noch verachtet hatten; Rechtskonservative, die sich Nihilismus und Klassenkampf verschreiben: Alexander Grau versucht in der NZZ, Unerklärbares zu erklären.

Mehr als 100 Jahre, nachdem Friedrich Nietzsche den Begriff der „Umwertung aller Werte“ geprägt hatte, findet diese in einer Weise Ausdruck, die augenfälliger ist als je zuvor: Kirchliche Würdenträger, die sich unter dem Banner des „Klimaschutzes“ für eine Umkehrung des biblischen Gebotes „Wachset und vermehret euch“ stark machen. Ein CDU-Spitzenkandidat, der, merklich angeheitert, vor Kameras im Antifa-Jargon gegen die Konkurrenz von rechts wettert. Ein stocksteifer deutscher Regierungsbeamter, der im Nadelstreif seine Solidaritätsadresse für „Pussy Riot“ vorträgt.

Auf der anderen Seite: Strenggläubige Evangelikale, die sich für den zweimal geschiedenen Donald Trump stark machen; ganzkörpertätowierte Countrysänger Anfang 30, die sich die „gute alte Zeit, in der man nach der Bibel lebte“, zurückwünschen; brave Familienväter und verlässliche Steuerzahler, die in sozialen Medien mit zynischen Spitzen und beißendem Sarkasmus die Moral und den demokratischen Konsens ihrer Zeit verächtlich machen.

Woher aber kommt dieser Bruch, der nicht nur ein gesellschaftliches Auseinanderdriften und eine immer weitergehende Sprachlosigkeit, sondern auch tiefe gegenseitige Verachtung zwischen den liberalen, urbanen und kosmopolitischen Eliten auf der einen und dem seinerseits immer klassenbewusster werdenden Kleinbürger auf der anderen Seite nach sich zieht?

Bürgertum nicht nur Opfer, sondern auch Täter

Viele Erklärungsversuche haben mit Karl Marx zu tun. Eine ideologisierte extreme Linke habe – von früheren Generationen weithin unbemerkt – die kulturelle Hegemonie errungen und in weiterer Folge Selbstzweifel und Schuldkomplexe genutzt, um im Bürgertum Selbsthass und die Verachtung der eigenen Mittelklassewerte zu säen. Dazu hätten frühere bürgerliche Generationen ihre Kinder dazu angehalten, Honoratioren und akademisch Gebildeten mit besonders großem Respekt zu begegnen – was sich spätestens in dem Moment als fatal erwiesen habe, da es sich dabei um durch die Institutionen marschierte Marxisten gehandelt habe.

Das mag zumindest zum Teil sicher zutreffen. Allerdings würde diese Betrachtungsweise einen Opfernarrativ kultivieren, der nicht immer sachgerecht wäre. Das Bürgertum ist nicht ausschließlich Opfer einer mächtigen, einschüchternden oder manipulativen Linken – vielmehr hatte das Bürgertum spätestens in dem Moment, da diese zum Zeitgeist geworden waren, stets auch jede totalitäre Mode mehrheitlich bereitwillig mitgetragen oder sogar proaktiv verfochten. Wenn heutige CDU-Politiker die Verteidigung von Erfolgen der 1968er als „konservativ“ etikettieren, tun sie das sehr selbstbewusst und nicht in der gebückten Haltung eines „Diversanten“, den man zur „Selbstkritik“ zwingt.

Man hat sich vonseiten des Bürgertums nicht nur angepasst, weil man im Zweifel die eigene gesellschaftliche Reputation höher schätzte als die von zu Hause mitgebrachten Überzeugungen – sondern weil man sich selbst attestieren wollte, etwas geschafft und vorangebracht zu haben. Auch eine proaktive Anpassungsleistung an Normen, Werte und Lebensstile, die den eigenen Eltern und Großeltern stets fremd und vielleicht zuwider blieben, wurde da zur „Leistung“, auf die man als meritokratischer Bürgerlicher stolz sein durfte.

Möglicherweise war es ja gar eine moralische Tat, die vermeintliche Enge und Unzulänglichkeit des eigenen, möglicherweise zu wenig „aufgeklärten“ oder „aufgeschlossenen“ sozialen, kulturellen und religiösen Milieus hinter sich zu lassen und sich dem zu öffnen, was im Zeichen des „gesellschaftlichen Fortschritts“ daherkam.

„Nicht als Hüter des Ewigen, sondern als Speerspitze des Fortschritts“

Genau dort setzt auch Alexander Grau in seinem Gastkommentar über die „neuen globalen Eliten und wie sie ticken“ in der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ) an.

Auch er rekurriert auf Marx – namentlich auf dessen These, dass Moral stets der Überbau der herrschenden Produktionsverhältnisse sei und „die herrschenden Ideen einer Zeit […] stets nur die Ideen der jeweiligen herrschenden Klasse“. Diese sei entsprechend auch genötigt, „ihr Interesse als das gemeinschaftliche Interesse aller Mitglieder der Gesellschaft darzustellen, d. h. ideell ausgedrückt: ihren Gedanken die Form der Allgemeinheit zu geben, sie als die einzig vernünftigen, allgemein gültigen darzustellen“.

Im Unterschied zu Eliten früherer Zeiten, die sich in überschaubaren Zirkeln zusammenfinden konnten, ist die heutige Elite deutlich breiter gestreut – was auch die Unzulänglichkeit überlieferter Verschwörungstheorien offenlegt. Grau geht unter Berufung auf den Ökonomen Richard Florida davon aus, dass diese etwa ein Drittel der Weltbevölkerung umfasst. Ihr „kulturelles Kapital“ sei das eigene Bekenntnis zu Kreativität, Multikulturalität, Toleranz und Offenheit. Ihr Geschichtsbild ist demnach eine radikalisierte Lesart der Fukuyama-These vom „Ende der Geschichte“, wonach ein moderner, westlicher, progressiver Linksliberalismus die insgeheime Sehnsucht der gesamten Menschheit wäre und diese am Ende bereitwillig die Ketten ihrer nationalen, kulturellen, sozialen und religiösen Prägung sprengen würde.

Während Fukuyama mittlerweile selbstkritisch erkannt hat, dass Hedonismus und Selbstverwirklichung als Selbstzweck auf Dauer nichts taugen, wenn sich abseits der elitären Blase das Verlangen nach Identität und Würde Bahn bricht, hält die neue globale Elite unbeirrt fest an ihrem Bild vom neuen Menschen:

Die Eliten der Spätmoderne sehen sich, anders als die traditionellen Eliten von der Antike bis in die Neuzeit hinein, nicht als Hüter des Ewigen, sondern als Speerspitze des Fortschritts. Das ist eine Kulturrevolution ungeahnten Ausmaßes.“

Kulturessenzialismus: Das Leben als Countrysong

Während Europas Eliten bis ins 20. Jahrhundert hinein noch überwiegend konservativ gewesen wären, weil progressive Lebensentwürfe damals dem Proletariat zugeordnet wurden, sei die Progressivität für das Bürgertum heute eine Frage der Abgrenzung gegenüber jenen geworden, die sich von den ständigen Veränderungen keine Verbesserung versprechen und die Vorstellung vom gesellschaftlichen Fortschritt als Mythos abtun.

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Auf der Gegenseite formiere sich im traditionellen Kleinbürgertum das, was der Soziologe Andreas Reckwitz als „Kulturessenzialismus“ bezeichne – der von einem Kernbestand an ewigen, unveränderlichen Wahrheiten und Werten ausgehe, die im Lokalen und Familiären wurzelten und die von keinem noch so fortschrittlichen Menschen im Namen noch so hoher Ideale infrage gestellt zu werden hätten.

Der Kulturessenzialismus steht demnach für eine Welt, wie sie Will Wilkinson einst auf „Big Think“ als das beschrieben hatte, was beispielsweise die US-amerikanische Countrymusik als Leitmotiv zum Ausdruck bringe:

„Kleinstädte. Schotterwege. Liebe auf den ersten Blick. Lebhafte Kinder, die eine schöne Zeit haben. Sich verlieben und heiraten. Amerika! Pausbäckige Kinder großziehen, bei denen man sich sicherlich eines Tages Sorgen machen wird, dass sie nicht auf zu lebhafte Weise eine zu schöne Zeit haben. Sich in der Kirche sehen lassen. Verwirrt in die große weite Welt hinausziehen, nur um für immer zurück nach Alabama zu kommen, weil es dort draußen im Orient oder in Paris, Frankreich nichts, aber auch gar nichts gibt, was sich mit dem einen Platz am Fluss vergleichen ließe, wo man unter zitternden Weiden zum ersten Mal das Mädchen geküsst hat, von dem man schon in der zweiten Klasse gewusst hat, es würde das einzige sein, das man jemals wirklich lieben würde. Angeln gehen! Und wie Großvater, der in zwei Kriegen gekämpft hat, drei Jobs nebeneinander hatte, vier Kinder aufzog und sich nie beschwert hatte, es kaum erwarten kann, zu Großmutter in den Himmel zu gehen, weil das Leben ohne ihre herrlichen Kuchen einfach nichts taugt.“

„Sprachwelten schlicht unvereinbar“

Für den elitären Progressiven sind technologischer und gesellschaftlicher Fortschritt untrennbar miteinander verbunden und begründen einen moralischen Imperativ: Wer ein iPhone benutzt, dürfe schon deshalb kein Kreationist, Souveränist oder Protektionist sein, sondern müsse sich auch gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen.

Für den Essenzialisten stellen technische Neuerungen oder Trends in Popkultur, Einrichtung oder Mode hingegen nur Gebrauchswerte dar, die in keiner Weise irgendeinen Einfluss auf die Gültigkeit unabänderlicher Wahrheiten hätten: Fremd zu flirten wird nach dieser Auffassung nicht dadurch akzeptabler, dass permanente Erreichbarkeit via Handy oder lange Kontaktlisten auf Facebook deutlich mehr Möglichkeiten dazu bieten. Die Trauer um einen Angehörigen wird nicht kleiner, wenn man die Todesnachricht per Mail versendet statt per Brief. Gleichzeitig kann man Rockmusik hören, auch wenn man mit den „emanzipatorischen“ Vorstellungen, die deren Anfänge gekennzeichnet hatten, überhaupt nichts am Hut hat.

Alexander Grau resümiert; Im Kulturkampf der Spätmoderne zwischen „Hyperkulturalisten“ und „Kulturessenzialisten“ prallen nicht nur unterschiedliche Werte aufeinander, sondern ganze einander ausschließende Lebensentwürfe und Konzepte von Werteressourcen. Er schreibt von Milieus, die ein eigenes Idiom benutzten, das sich in das Idiom der Gegenseite nicht mehr übersetzen lasse:

„Assoziiert zum Beispiel der eine mit der traditionellen, intakten Kleinfamilie Geborgenheit, Wärme, Liebe und Zuwendung, so verbindet der andere damit Enge, Heuchelei, Abhängigkeit und Diskriminierung. Die beiden Sprachwelten sind schlicht unvereinbar.“

Eine Koexistenz zwischen beiden Entwürfen sei möglich, solange jede Seite die jeweils andere nur als Ausdruck eines eigenen Lifestyles oder allenfalls als unvermeidliche Schattenseite des eigenen Konzepts von organisiertem Zusammenleben verstehe. Alles bleibe friedlich, solange die globalen, progressiven Selbstverwirklicher den Kulturessenzialismus nur als Mode, Eigenheit oder Marotte eines bestimmten Menschenschlages, Milieus oder regionalen Mikrokosmos sehen – und sich etwa damit abfinden, dass Arizona nicht New York oder die Sächsische Schweiz nicht Kreuzberg ist und auch nie sein wird. Im Gegenzug sei keine übermäßige Militanz von Kulturessenzialisten zu besorgen, solange diese die Eliten-Hyperkultur als spezifische Ausdrucksform westlicher Kultur oder Identität sehen, bzw. Eigenheit großstädtischer oder regionaler Befindlichkeiten, die keine Ambitionen zeige, in ihre eigene Lebenswelt einzudringen.

Dissens politisch organisieren

Erst wenn auf mindestens einer der beiden Seiten der verfestigte Eindruck entsteht, dass die jeweils andere versuche, ihr das grundlegende unterschiedliche, gegenläufige Verständnis von Kultur aufzudrängen, könne die Angelegenheit zum Kulturkampf eskalieren.

Alexander Grau resümiert in der NZZ, man müsse sich angesichts der Unvereinbarkeit der Lebenskonzepte „von der Illusion verabschieden, es gebe so etwas wie einen Grundkonsens, und vielmehr lernen, den Dissens politisch zu organisieren“.

Das bedeute, dass unsere westlichen Gesellschaften sich in Formen friedlicher Koexistenz einüben müssten. Diese friedliche Koexistenz setze jedoch die Fähigkeit zu echter Toleranz voraus. Diese sei keine Einbahnstraße:

Insbesondere die neuen Eliten müssen begreifen, dass die eigene Lebenswelt nicht die einzig legitime und moderne ist, sondern nur einer unter vielen möglichen Lebensentwürfen: Die sich tolerant Nennenden werden lernen müssen, wirklich tolerant zu sein.“

Diese Einschätzung läuft eine Amerikanisierung unseres Zusammenlebens hinaus: Was dem Waffennarren sein Texas, ist dem Hippie sein Kalifornien – und was dem Gretajünger sein Freiburg, ist dem Nationalbewussten sein Cottbus. Wechselseitige Akzeptanz der Unterschiede und ein Staatsmodell, das es unmöglich macht, dem jeweils anderen seine „Wahrheit“ zu oktroyieren, könnten die Situation entspannen.

Warum Moralisieren Reaktanz hervorruft

Was auf keinen Fall funktioniert, ist, dass eine Seite versucht, die andere unter dem Banner der „Moral“ zu beschämen – wie es beispielsweise darin zum Ausdruck kommt, dass die Elitären die kulturessenzialistischen Kleinbürger als „Rassisten“, „Hinterwäldler“, „dumm“ oder „Nazis“ diffamieren, nur weil diese sich nicht willens oder in der Lage sehen, die herrschenden Vorstellungen vom „moralisch Guten“ zu verinnerlichen und die eigenen gleichzeitig als unzulänglich zu begreifen.

Nach so vielen Jahren sollte auch der progressivste Intellektuelle bemerkt haben, dass diese Strategie die Gescholtenen nicht zu reumütigen Spendern für „Sea Watch“ macht, sondern vielmehr zu noch unbeugsameren Trump-, Höcke- oder Andreas-Gabalier-Fans, die sich in sozialen Medien nur noch verächtlicher über die fortschrittlichen „Moraliban“ auslassen. Wer anderen eine „Moral“ aufzuzwingen sucht, die dieser nicht als solche zu erkennen vermag, stachelt nur Reaktanz an, bis hin zum Nihilismus.

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