Warum die deutsche Sprache verrückt ist (3)

Von 28. März 2010 Aktualisiert: 28. März 2010 16:02

Mittlerweile traue ich mich gar nicht mehr, mich bei den Deutschen über die vier Fälle zu beschweren. In der richtigen Fachsprache heißen diese vier Fälle Nominativ, Genetiv, Dativ und Akkusativ. „Die russische Sprache! Weißt du, die russische Sprache hat seeechs Fälle“, (oder vielleicht sieben????) würde mir eine Deutsche sagen, mit erhobener Stimme, einem Zeigefinger nach oben, Oberkörper leicht nach vorne neigend. „Ja, ja. Das weiß ich, das haben mir so viele Deutsche schon gesagt“, erwidere ich leise, „aber weißt du, wir Chinesen haben nur einen Fall: Nominativ.“

Ehrlich! Mit einem Fall kann man auch gut leben. Wir Chinese sind weder deswegen stumm geworden noch kommunikativ behindert. Im Gegenteil hat das manche sprachliche Situationen auch noch vereinfacht. Wenn zwei Deutschen sich treffen, fragt einer den anderen: „Wie geht’s dir?“, der andere fragt zurück: „Gut, und DIR?“ Wenn aber der andere fragt: „Wo gehst du hin?“, fragt der andere zurück: „In die Uni. Und DU?“ einmal dir, und einmal du. Im Englischen sagt man „and you?“, auf Chinesisch sagt man „ni ne?“, ohne dass man sich Gedanken über die Fälle machen muss.

Natürlich, wenn man schon über zehn Jahre in Deutschland lebt und jeden Tag mit Deutsch konfrontiert wird, macht man sich bei solch einfachen Sätzen auch keine Gedanken mehr. Aber am Anfang hat mich das Wort „dir“ richtig Mühe gekostet. Auf die Frage „wie geht’s dir“, fragte ich immer wieder „gut, und du?“ zurück. Besonders peinlich war, dass ich nach dem Essen einmal einen Gast gefragt habe: „Haben Sie gut geschmeckt?“ Nachsichtig waren die Deutschen mir gegenüber! Erst als ich ein paar Mal diesen dummen Fehler gemacht hatte, hat mich jemand ganz höflich darauf hingewiesen.

Es geht an der Oberfläche nur um ein Wort oder einen Fall, dem Wesen nach geht es jedoch um ein anderes Sprachsystem und eine komplett andere Denkweise. Das Wort dir ist praktisch nur die kleine Spitze eines Eisbergs, man sieht zwar nur die Spitze, aber ohne den Eisberg darunter kann die Spitze nicht existieren. Bei mir sah und sieht immer noch manchmal die Spitze schief aus, weil der Eisberg darunter noch nicht vollständig aufgebaut ist. Wir haben kein dir und dich, und auch kein deines Freundes. Deshalb haben wir auch die Satzstrukturen nicht, die damit zusammenhängen. Wir drücken uns eben anders aus.

Die Deutschen kriegen den Hunger weg mithilfe der Gabel und des Messers, wir Chinesen mithilfe der Stäbchen. Die Deutschen werden satt mit Kartoffeln und haben runde Augen. Und wir Chinesen werden satt mit Reis und haben Schlitzaugen. Alles hat seinen Sinn und seinen Grund, auch wenn es manchmal so unterschiedlich zu sein scheint.

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