Unvergleichliche Klosterinsel im Bodensee

Genau 1.300 Jahre ist es her, dass der Wanderbischof Pirmin das berühmte Benediktinerkloster auf der Insel Reichenau gründete.
 Es war bereits seine zweite Klostergründung – und weitere sollten folgen.
Titelbild
Blick auf das romanische Münster St. Maria und Markus der Klosterinsel Reichenau im Bodensee.Foto: Schlampi, CC BY-SA 3.0
Von 23. Januar 2024

Er kam mit 40 Weggefährten vom St. Galler Land auf die Insel im Bodensee und blieb dort drei Jahre lang.

Sobald sein Ziel erreicht war, das neue Kloster auf dem Fundament der benediktinischen Ordensregeln und auf eigenen Beinen stand, zog er weiter: in den Schwarzwald und die Vogesen, den südwestdeutschen Raum und das Elsass – von Klostergründung zu Klostergründung.

Das Leben als Wallfahrt

Pirmin und seine mönchischen Mitstreiter handelten somit ganz im Einklang mit der sogenannten „Peregrinatio pro Christo“. Sie befanden sich auf steter Wallfahrt für und zu Christus, einem Wanderleben durch die Fremde in asketischer Abkehr vom weltlichen Leben.

Die ursprüngliche Herkunft Pirmins lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen, sein tatkräftiges Leben als Wandermönch spricht jedoch sehr für die Annahme, dass er Teil der sogenannten iroschottischen Mission war, die den europäischen Kontinent – von den Britischen Inseln her – ab dem 6. Jahrhundert nach Christus durch mühe- und gefahrvolle Reisen Schritt für Schritt und friedvoll christianisierte.

Friedliche Revolution

Im 8. Jahrhundert ist es der bis heute als Heiliger verehrte Pirmin, der diese spirituelle, langsame, sanfte und doch so kraftvolle Revolution als einer der tatkräftigsten Protagonisten seiner Zeit vorantreibt.

724 wird die Gründung des Klosters in Mittelzell auf der Insel Reichenau durch ihn gemeinsam mit seinen Weggenossen urkundlich festgehalten. Schon bald darauf beginnen sich wundersame Überlieferungen um das segensreiche Wirken der Mönche auf der Seeinsel zu ranken.

Im damals noch weitgehend heidnischen „Alamannien“ waren Pirmin und seine Gefährten am kleineren der beiden Seeteile des Bodensees, dem sogenannten Untersee, auf einen Adeligen namens Sintlas getroffen, der die heiligmäßigen Männer der Legende nach um den Bau einer Kapelle bat.

Sumpfige Seeinsel

Zur vermutlich großen Überraschung des Alemannen wählte Pirmin als Standort des Kirchleins die große, unwirtliche und sumpfige Seeinsel aus, die im Herrschaftsbereich des Adeligen lag und damals noch Sintlas-Au hieß.

Karte des Bodensees und Detailansicht des Untersees mit der Insel Reichenau. Foto: Thomas Römer, CC BY-SA 3.0

Mit Gestrüpp überwuchert, mit Nässe vollgesogen, von Schlangen, Kröten und allerlei Getier bevölkert, zeigt die Wahl dieses Ortes die Unerschrockenheit der Mönche. Und ihre selbstverständliche Bereitschaft zu schwerer körperlicher Arbeit für ihren Glauben und den sehnlichen Wunsch, einen Ort des Gebets und der Kontemplation zu schaffen.

Fliehende Schlangen

Der Sage nach wurde dieser Wagemut Pirmins und seiner Gefährten schneller belohnt, als menschliches Ermessen hätte erahnen können.

Dort, wo der Heilige seinen Fuß zuerst auf die Insel setzte, entsprang, so berichtet die Heiligenlegende, eine Quelle. Ungeziefer, Schlangenbrut und Insektenschwärme flohen binnen dreier Tage, schwammen und schwirrten wie panisch über den See und waren auf der Insel nicht mehr gesehen.

Pirminius vertreibt die Schlangen. Holzschnitt von 1475. Foto: zeitgenössischer Künstler, Public Domain

Früher als gedacht, konnte die Mönchsgemeinschaft mit Rodungen beginnen und ihre Mühen mit dem Bau von Kirchlein und Kloster krönen. 727 verlässt Pirmin seine wohl berühmteste Klostergründung ins Ungewisse seiner missionarischen Wanderschaft. Im Jahr 753 stirbt er im Ruf der Heiligkeit in den Mauern des Klosters Hornbach, der letzten seiner vielen bedeutenden Gründungen.

Berührender Nachruf

Hrabanus Maurus, Gelehrter, Dichter und Erzbischof von Mainz, widmet ihm im 9. Jahrhundert eine in Latein verfasste, berührende Inschrift, die an Pirmins Hornbacher Grablege die Jahrhunderte überdauert hat:

„Pirminius selbst, Bischof und Christi Bekenner, bewohnt dieses Haus und heiligt den Ort. Um Christi willen hat er die gegenwärtigen Freuden der Welt verschmäht und für sich die Armut erwählt. Er verließ Vaterland, Volk und Verwandte und suchte die Fremde, verdiente den Himmel. Das Volk der Franken hier suchte er mit klarer Lehre zu gewinnen und erbaute für Gott sehr viele heilige Stätten. Hier ruht er nun, hat die Glieder des Leibes abgelegt und mit der Seele besitzt er oben das glückliche Reich. Er hilft allen, die würdig Himmlisches suchen, und in rechter Weise bewahrt er selbst seine Diener.“

Große geistige Blüte

Wie das Kloster Hornbach nahe der Stadt Pirmasens, so steht auch das Kloster auf der Bodenseeinsel Reichenau zum Zeitpunkt, als diese Zeilen in Stein gemeißelt werden, in großer Blüte.

Als Zentrum heilkundlichen und spirituellen Wissens, theologischer, naturkundlicher Gelehrsamkeit und künstlerischen Schaffens strahlte seine Wirkung weit über die Grenzen der Insel und der Bodenseeregion hinaus.

Der berühmte St. Galler Klosterplan, der von Mönchen auf der Klosterinsel Reichenau angefertigt wurde, Stiftsbibliothek Sankt Gallen. Foto: Unbekannter Autor, Public Domain

Der berühmte sogenannte St. Galler Klosterplan, der heute noch als gezeichnete mittelalterliche Vision eines imaginierten, idealen Klostergeländes im Klosterbezirk St. Gallens bestaunt werden kann, stammt von der Hand kunstfertiger Mönche der Reichenau.

Die Pflanzenkunde des Reichenauer Abtes Walahfrid Strabos, dessen Gartenbuch „Hortulus“ um 845 entstand, kann auch heute noch als praktischer Leitfaden benutzt werden.

Alles zur Ehre Gottes

In den Jahrhunderten seines Bestehens entfalten eine große Zahl Mönche der Reichenau ihre Talente zur Ehre Gottes. So auch der Mönch Hermann der Lahme, der vermutlich aufgrund seiner schweren körperlichen Behinderung schon im Alter von sieben Jahren im September 1020 in Obhut des Klosters gegeben wurde und hier seine vielseitigen großen Begabungen entwickeln konnte.

Von ihm, der im Alemannischen und Schwäbischen auch heute noch als heiligmäßiges Vorbild und Fürsprecher der Kranken und Behinderten verehrt wird, stammt die Unterteilung der Stunde in Minuten. Eine von ihm erdachte Taschensonnenuhr funktioniert noch heute.

Darstellung von Hermann dem Lahmen, auch Hermannus Contractus genannt, um 1745–1746. Deutung der Inschrift: Der selige Hermann der Lahme, Mönch der Reichenau, berühmt ob seiner Marienverehrung, starb am 19. Juli 1054. Foto: Th. Fink Veringen, CC BY-SA 4.0

Vermutlich hat er bis zu seinem Tod im Jahr 1054 die Insel Reichenau nicht verlassen, was ihn zu Lebzeiten jedoch nicht daran hinderte, zu einem der herausragendsten mittelalterlichen Kenner und Erforscher von Geschichte, Mathematik und Astronomie zu werden.

Berühmtes Salve Regina

Auch in Musiktheorie, Dichtung und Komposition erschuf der Mönch von der Reichenau in aller Bescheidenheit und Zurückgezogenheit Großes, das bis in unsere Zeit klingt.

So spricht vieles dafür, dass Hermannus Contractus der Urheber des berühmten Antiphons Salve Regina ist, das auch heute noch als gregorianischer Gesang tief berührt und über die Jahrhunderte bis in unsere Zeit von Dutzenden Komponisten, darunter Claudio Monteverdi, Georg Friedrich Händel, Joseph Haydn und Arvo Pärt, vertont wurde.

Noch viele Jahrhunderte bleibt die Reichenau lebendiges Zentrum benediktinischer Hochkultur, bis das Kloster ab dem 16. Jahrhundert immer mehr an Bedeutung verliert. 1803 wird es endgültig durch die Säkularisation aufgehoben.

Zurück auf der benediktinischen Weltkarte

Am 13. Juni des Jahres 2004 jedoch – nach über 200 Jahren – kehren Benediktiner wieder auf die Insel zurück und gründen die Cella St. Benedikt im Pfarrhaus von Niederzell auf der Reichenau.

Blick von oberhalb Ermatingen auf die Insel Reichenau mit der romanischen Kirche St. Georg. Foto: JoachimKohler-HB, CC BY-SA 4.0

In diesem Jahr werden sie das 20-jährige Jubiläum dieser Neugründung begehen und in Gebet, Gedanken und Feierlichkeiten ganz besonders ihrem geistigen Vorfahren, dem Heiligen Pirmin, gedenken. Ihm, der ihnen vorausging und die unvergleichliche Insel im Bodensee allen Widrigkeiten zum Trotz für das Christentum fruchtbar machte.



Epoch TV
Epoch Vital
Kommentare
Liebe Leser,

vielen Dank, dass Sie unseren Kommentar-Bereich nutzen.

Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen, Schimpfworte, aggressive Formulierungen und Werbe-Links. Solche Kommentare werden wir nicht veröffentlichen. Dies umfasst ebenso abschweifende Kommentare, die keinen konkreten Bezug zum jeweiligen Artikel haben. Viele Kommentare waren bisher schon anregend und auf die Themen bezogen. Wir bitten Sie um eine Qualität, die den Artikeln entspricht, so haben wir alle etwas davon.

Da wir die Verantwortung für jeden veröffentlichten Kommentar tragen, geben wir Kommentare erst nach einer Prüfung frei. Je nach Aufkommen kann es deswegen zu zeitlichen Verzögerungen kommen.


Ihre Epoch Times - Redaktion