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Josef Hueber: Der gemütliche Antisemitismus des Max Mustermann

Von 19. September 2019 Aktualisiert: 19. September 2019 17:47
Der folgende Kommentar hat durch eine aktuelle Meldung an Brisanz gewonnen, deren Details im Anschluss an den Artikel zu finden sind.

„Der Judenhass, der die Shoah ermöglichte, begann weder mit den Nationalsozialisten noch war er auf sie beschränkt und er endete auch nicht mit ihrer Niederlage.“ (Keith Kahn-Harris)

Dass Antisemitismus häufig gar nicht aggressiv ist, sondern in aller Gemütlichkeit im Bewusstsein vieler harmlos Dahinlebender beheimatet sein kann, zeigt die Publikation Our Hidden Lives: The Remarkable Diaries of Postwar Britain (Unsere verborgenen Leben: Die bemerkenswerten Tagebücher der britischen Nachkriegszeit) des Autors Simon Garfield. Was zutage tritt, ist biederer, unaufgeregter Antisemitismus. Man könnte sagen: ein Abziehbild der „Banalität des Bösen“ (H. Arendt)

Bürgerlich-konservativer Antisemitismus? – Kein Problem!

Sie sind bekennende, praktizierende Christen. Sie treffen sich jeden Sonntag nach dem Gottesdienst zum Small Talk im Café nebenan, die stets zu ihren Aussagen nickenden Frauen an ihrer Seite. Sie sind beide pensionierte Juristen, ehrbar, bürgerlich, staatsloyal, seit eh und je CSU Wähler. Ich höre sie vom Nebentisch.

Weil es der Zufall will, kommt man in dieser Runde, obwohl gut situiert und saturiert, auf Probleme in dem Land, in dem wir alle gerne leb(t)en, kritisch zu sprechen. Die „Asylanten“ halten sie nicht, wie die Teddybär-Gutmenschen, für eine Bereicherung, sondern für eine Katastrophe.

Freilich, zu einem Frontalangriff auf die Vertreter der für das Chaos zuständigen Altparteien, vorrangig CDU und CSU, bzw. zu der Verlautbarung, „ihre“ Partei nicht mehr zu wählen, reicht es dennoch nicht. Sie sind die Sorte von Wählern, die ihr politischer Prägungsvater, Franz Josef Strauß, treffend charakterisierte: „Jede Partei hat Wähler, die sich durch keine Dummheit der Partei vertreiben lassen.“

Die zurechtgebogene Verschwörungstheorie

Mein Erstaunen erregen sie, als sie auf die wahren Schuldigen für Deutschlands Misere zu sprechen kommen, weil ich die Überführten in diesem Zusammenhang nicht vermuten würde, wenngleich sie in der Geschichte schon öfter als Erklärung für Unglück herhalten mussten: die Juden! Dies geben die Belauschten, in ruhiger Besonnenheit, von sich, ohne etwaige Mithörer an Nebentischen als mögliche Schamauslöser in Betracht zu ziehen.

Die Erklärung? Wir haben es zu tun mit Vertretern eines wenig beachteten, weil nicht medienwirksamen Alltags-Antisemitismus. Diese Variante ist unaggressiv, stört nicht die Atmosphäre bei geselligen Treffen, im Gegenteil: Konsens lässt sich leicht herstellen. Das Gift der Vergangenheit ist noch nicht abgebaut. Es nährt immer noch sozialverträglichen Antisemitismus im bürgerlich-konservativen Weltbild.

Die Vergangenheit lebt

Um das zu verstehen, lohnt es sich, eine britische Veröffentlichung von Tagebuchaufzeichnungen zwischen 1945 und 1948 in Augenschein zu nehmen. Keith Kahn-Harris stellte das Buch „Our Hidden Lives“ https://bit.ly/2lQ79HN von Simon Garfield unter dem Titel „The Normal Anti-Semite“ unlängst vor. https://bit.ly/2mfmtOu (Übersetzungen vom Autor)

Im Rahmen des Mass Observation Project (ein „nationales Schreibprojekt in Großbritannien, für das „ Alltagsmenschen“ ihre Erfahrungen, Gedanken und Meinungen aufzeichneten“ https://bit.ly/2kdVRg0 führten Briten während des Zweiten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit Tagebücher, deren Einträge einen tiefen Einblick in das antisemitische Denken ganz gewöhnlicher Menschen wie du und ich geben. Sie dokumentieren die „ unmittelbare Emotionalität“ ihrer Gesinnung und geben „einen unschätzbaren Eindruck“ davon, was „in halböffentlichen Kreisen als akzeptabel angesehen wurde.“

Hier einige typische Einträge:

Eintrag 1 (1945): Ein Tischgespräch (nicht nur) über Palästina vor der Staatsgründung Israels

• „Ich glaube nicht, dass die Juden gezwungen werden sollten, das Land zu verlassen – lass sie nach Palästina gehen, wenn sie wollen.“

• „Juden bekommen ein Land finanziell in den Griff.“

• „Schade, dass sie so unangenehme Eigenschaften haben.“

Eintrag 2 (1946) : Ein 72jähriger Elektriker beobachtet

• Ich bemerkte eine Menschenmenge vor dem Zion House und sah bald, dass sie alle Juden waren.

• Es gab keinen Zweifel an der jüdischen Proboscis [lange Nase] der Männer, obwohl das bei den Frauen nicht ganz so offensichtlich war. Die Juden sind immer in Schwierigkeiten mit anderen Nationen und werden es immer sein, nehme ich an.

Eintrag 3 (1947) : Eine Hausfrau hat Verständnis
• Mein Ehemann sagte heute Morgen, dass er nur eines an den Nürnberger Verbrechern kritisiert, nämlich dass sie die Juden nicht vernichtet haben, bevor sie daran gehindert wurden.

• Er meinte, dass Juden Parasiten sind. Dass sie nie ohne Mantel angetroffen werden, dass sie gerissen sind usw.

• Ich bedaure diese pauschale Verurteilung, aber ich weiß, dass ihm die Juden in der Arbeit jeden Tag Probleme machen.

Eintrag 4 (1947): Die Konzentrationslager im Dialog

• Es scheint, dass die Geschichten, die wir über die Konzentrationslager in Deutschland gehört haben, fast alle wahr waren. Aber die einzigen Menschen in diesen Lagern waren Juden und politische Gefangene.

• Wir waren uns beide einig, dass die Juden vernichtet werden sollten und dass die politischen Gefangenen nur Narren waren.

Die Gefährlichkeit des scheinbar Harmlosen

Der Rezensent stellt fest: „ Es ist schwer zu sagen, ob der […] geäußerte Wunsch, die Juden zu vernichten, zu einer aktiven Unterstützung für ein Programm geführt hätte, das genau das tun soll. Was auffällt, ist die Akzeptanz, Juden durch ihr Aussehen und ihr Verhalten zu stereotypisieren und über ihre Verfolgung nachzudenken. Juden waren für keinen der Tagebuchschreiber eine Obsession. Sie waren auch nicht politisch radikal.“ Der Wert der Aufzeichnungen ? „Sie geben einen unschätzbaren Eindruck davon, was im halböffentlichen Bereich als akzeptable Äußerung angesehen wurde.“

Der Epilog zu Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ endet programmatisch: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“

Der Autor Josef Hueber ist pensionierter Deutsch- und Englisch-Studiendirektor aus Eichstätt.

Anmerkung der REDAKTION:

Heute um 13:23 erreichte uns folgende Pressemitteilung:

Meuthen: SPD fordert: Vermietet nicht an Juden in der AfD!

Die SPD Heidelberg fordert das Schlosshotel Molkenkur auf, Räumlichkeiten, in denen die Jahrestagung der Juden in der AfD stattfinden soll, nicht an die AfD zu vermieten. Prof. Dr. Jörg Meuthen, Bundessprecher der AfD, kommentiert das wie folgt:

,,Die Forderung der SPD, keine Räumlichkeiten an die Juden in der AfD zu vermieten, belegt den zunehmend antidemokratischen und immer totalitäreren Charakter dieser Partei. In ihrem zivilreligiösen Kampf gegen Rechts ist die SPD so fanatisch geworden, dass sie nun auch noch politisches Engagement von Juden verhindern möchte. Eine Partei, die die Meinungsfreiheit einschränkt und den Dialog und Diskurs meidet, weil sie in diesem gnadenlos unterginge, ist dem Untergang geweiht. Die SPD begeht politischen Suizid. Wir werden sie nicht vermissen.’’

Am 22. September findet die Jahrestagung der Juden in der AfD (JAfD) in Heidelberg statt. Der AfD-Kreisverband…

Gepostet von SPD Heidelberg am Mittwoch, 18. September 2019

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.


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