Ukraine-Doku: „Es ist, als wäre man ständig im Krieg!“

Wie fing aus ukrainischer Sicht der Konflikt an? Wie wird aus menschlicher Nähe Entmenschlichung und Krieg zur scheinbaren Normalität? Ein Dokumentarfilm aus der Ukraine gibt Erklärungsansätze.
Soldaten in der Ukraine posieren am 30. Dezember 2022 am Stadtrand von Bachmut in der Ostukraine für ein Foto. Foto: Sameer Al-DOUMY / AFP via Getty Images
Soldaten in der Ukraine posieren am 30. Dezember 2022 am Stadtrand von Bachmut in der Ostukraine für ein Foto.Foto: Sameer Al-DOUMY / AFP via Getty Images
Von 4. Januar 2023

Applaus setzt im Saal des legendären Delphi-Filmpalastes in Berlin ein, als der stellvertretende Generalsekretär der Konrad-Adenauer-Stiftung, Gerhard Wahlers, im Dezember die Gäste zur Erstaufführung des ukrainischen Dokumentarfilms „Life to the Limit“ begrüßt.

Der Film erklärt aus ukrainischer Sicht anhand von Mitschnitten und eigenen Aufnahmen der ukrainischen Produzenten Jurko Iwanyschyn und Pawlo Peleschok, wie es zum Krieg zwischen Russland und der Ukraine gekommen ist.

Dabei zeigt der Film zunächst, wie beide Produzenten als aktive Soldaten aus einem Sonderurlaub von der Oscar-Verleihung 2016 in Los Angeles an die Ostukraine-Front zurückkehren. Ihr Dokumentarfilm „Winter on Fire: Ukraine’s Fight for Freedom“ war für einen Oscar nominiert.

In den Film eingewoben sind die Erinnerungen an den Euromaidan (ab Ende 2013), die Krim-Besetzung (2014), die Zuspitzung in der Ostukraine mit den einsetzenden Kampfhandlungen sowie der aktuelle Stand im Ukrainekrieg.

Kriegsbilder und unbeschwertes privates Filmmaterial wechseln sich im Film ab. Dieser Kontrast zieht sich wie ein roter Faden durch den Film: Freude und Leid, Leben und Tod – beides nah beieinander.

Dort die Beerdigung eines Kameraden an der Front, später Ultraschallaufnahmen von der heranwachsenden Tochter im Bauch der Ehefrau eines der Produzenten. Das schafft eine andauernde Anspannung, eine Ernsthaftigkeit, die in ihrer Wiederholung fast melancholisch wirkt.

Der Sarg des ukrainischen Soldaten Gennadiy Afanasyev wird nach der Trauerfeier am 30. Dezember 2022 aus in einer Kiewer Kirche getragen. Foto: Spencer Platt/Getty Images

Wie Bruchstücke aus dem Gedächtnis werden Szenen eingespielt, die als zusammengesetzte Puzzleteile ein Bild entstehen lassen. Es ist ein Bild, das zeigt, wie man sich an Extremsituationen gewöhnen kann. Wie Krieg zur Normalität wird und die Menschen psychisch an den Rand der Belastungsfähigkeit führt.

Zwischen dem Menschlichen, das immer wieder zum Vorschein kommt, auch Bilder von verkohlten russischen Soldaten zwischen zerstörtem Kriegsgerät. Dazu die Botschaft, dass die Russen das Land verlassen sollen, sonst werde es ihnen ähnlich ergehen.

Der Saal ist gut gefüllt. Jurko Iwanyschyn ist bei der Veranstaltung anwesend, die von der Konrad-Adenauer-Stiftung, der ukrainischen Botschaft in Berlin, der Organisation Vitsche und der Europäischen Akademie Berlin organisiert wird.

„Es ist, als wäre man ständig im Krieg“

Im Interview mit der Epoch Times erklärt Produzent Jurko Iwanyschyn: „Ich denke, dass sich fast das ganze Land in einem Kriegszustand befindet. Also nicht jeder kämpft, aber die ganze Bevölkerung befindet sich in einem Zustand psychischer Belastung.“

Nach einer Studie würden jetzt 75 Prozent der ukrainischen Bürger unter den Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden, berichtet er. „Es ist, als wäre man ständig im Krieg und es gibt kein Weglaufen. Du willst gehen, aber du kannst nicht.“

Er erklärt, was ihm schwergefallen war: „Jeden Tag musste ich mich sprichwörtlich am Schopfe ziehen, um nicht an die Front zu gehen.“ – weil er doch den Film beenden musste.

Wir wollten von ihm wissen, ob sich seine Haltung gegenüber russlandfreundlichen Menschen in der Ostukraine durch den Krieg geändert hat. Iwanyschyn verneint, in Wirklichkeit hätte sich nichts geändert, denn tatsächlich sei im Osten nur ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung pro-russisch.

„Was wir in den Filmen und im Fernsehen sehen, ist ein kleiner, kleiner Prozentsatz von Menschen.“ Er sei sich sicher, dass jetzt mehr als die Hälfte der Menschen in der Ostukraine auf die Rückkehr der ukrainischen Armee und die „Rückkehr“ der Regionen in die Ukraine warte.

Man solle die Geschichte der Ostukraine kennen, um zu verstehen, warum der Osten sich so entwickelt habe. „Es ist immer notwendig, eine gemeinsame Sprache zu finden und es gibt immer wieder gemeinsame Wurzeln.“ Man finde diese bestimmt wieder und werde wieder normal leben – ohne militärischen Zwang.

„Warum die Ukraine den Krieg gewinnen muss!“

Nach dem Film wird vor der Kinoleinwand eine Podiumsdiskussion aufgebaut. „Warum die Ukraine den Krieg gewinnen muss!“, steht nun in großen Lettern auf der Leinwand. „Im Anschluss wollen wir mit den Machern und Fachleuten aus Politik und Gesellschaft diskutieren!“ Mit diesen Worten kündigte die Stiftung die Podiumsdiskussion an. Anhand der Podiumsgäste wird klar, dass sich die Meinungen nur im engen Rahmen bewegen werden.

Neben dem ukrainischen Botschafter Oleksij Makeiev nehmen die ukrainische Schriftstellerin Oksana Sabuschko, und der CDU-Politiker und NATO-Ex-General Roderich Kiesewetter teil. Die Moderation übernahm Liane Bednarz.

Neben dem ukrainischen Botschafter Oleksii Makeiev (2. v. l.) die ukrainische Schriftstellerin Oksana Sabuschko (3. v. l.) sowie der CDU-Politiker und NATO-Ex-General Roderich Kiesewetter (4. v. l.). Die Moderation führte Liane Bednarz (1. v. l.). Foto: Erik Rusch / Epoch Times

„Hören Sie mit dieser Kriegsrhetorik auf“

„Geht es Putin nicht nur um die Ukraine, sondern auch um Georgien, möglicherweise auch das Baltikum? Will er also nicht nur das Sowjetreich wiederherstellen, sondern im Prinzip das Zarenimperium?“, ist eine der Fragen, die die Moderatorin stellt.

Botschafter Makeiev gibt eine Antwort. Was er immer wieder von vielen Kritikern höre, sei „Herr Botschafter, hören Sie auf, die Lieferung von deutschen Leopard-Panzern zu fordern. Hören Sie mit dieser Kriegsrhetorik auf. Verhandeln Sie!“ Und er sage dann jedes Mal: „Nennen Sie mir bitte einen Verhandlungsunterhändler, der in den letzten zwölf Jahren mit Putin erfolgreich verhandelt hat.“

Egal wie viele Kilometer es von Moskau nach Kiew seien oder wie viele Kilometer es von Kaliningrad nach Berlin oder nach Paris seien. „Sie [die russischen Raketen] fliegen 5.000 Kilometer weit und deswegen ist heute keiner in Europa sicher.“

Man müsse nicht überlegen, wie man Frieden erreiche oder ob vielleicht über Frieden verhandelt werden müsse. Sondern man müsse überlegen, „wie wir Europäer der Ukraine, dem Jungstar, der an der Front steht“, helfen könnten, diesen Krieg „der schon lange vor dem 24. Februar 2022 begonnen hat“ zu gewinnen. Die Deutschen sollten diesen Krieg aus ukrainischer Sicht sehen, wünscht sich der Botschafter. Für die ukrainische Schriftstellerin Oksana Sabuschko sei Putin der neue Hitler.

„Ukraine ausbilden, ausrüsten und auch aufrüsten“

„Reicht die Hilfe des Westens für die Ukraine aus? Was müsste der Westen jetzt mehr tun?“ Diese Frage geht an den CDU-Politiker und NATO-Ex-General Roderich Kiesewetter. Kiesewetter erinnert dran, dass er 2007 Putin als NATO-Oberst bei der Münchner Sicherheitskonferenz erlebt hat. „Unsere gesamte Anstrengung muss dahingehen, dass wir die Ukraine als Land, das einen Führungsanspruch in Europa haben will, mit allem unterstützen, was geboten ist, damit sie gewinnt.“

Der russische Staatschef Putin äußerte auf der 43. Münchner Sicherheitskonferenz 2007 eine immer stärkere „Nichtbeachtung grundlegender Prinzipien des Völkerrechts“. Die Vereinigten Staaten hätten ihre Grenzen in allen Sphären überschritten. Sowohl in der Wirtschaft, der Politik und im humanitären Bereich würde das US-Rechtssystem anderen Staaten übergestülpt. „Nun, wem gefällt das schon?“

Putin kritisiert damals den Machtausbau Washingtons und der NATO und erklärt, was ihn daran stört: Die nach dem „Kalten Krieg“ vorgeschlagene monopolare Welt bedeute für ihn: „Es gibt ein Zentrum der Macht, ein Zentrum der Stärke, ein Entscheidungs-Zentrum.“ Das habe natürlich nichts mit Demokratie gemein.

Ein ukrainischer Soldat einer Artillerieeinheit beim Beschuss russischer Stellungen am Stadtrand von Bachmut in der Ostukraine, 30. Dezember 2022. Foto: Sameer Al-Doumy /AFP über Getty Images

„Beide Seiten haben unglaublich hohe Verluste“

Um die Antworten des Botschafters und des NATO-Ex-Generals einzuordnen, traf sich Epoch Times nach der Filmaufführung noch mit dem Osteuropahistoriker und Russlandexperten Prof. Dr. Alexander Rahr. Für Rahr sind sowohl die Vorstellungen des ukrainischen Botschafters als auch des deutschen Generals a. D. abwegig.

Er glaube nicht, dass durch mehr deutsche und westliche Waffenlieferungen die Ukraine in den Stand versetzt würde, die Atommacht Russland zu schlagen und den Krieg zu gewinnen.

Die Ukraine werde infolge des Krieges vermutlich der NATO beitreten können und bekomme die Perspektive für einen beschleunigten EU-Beitritt, prognostiziert der Historiker. „Enden kann der Krieg nur über Verhandlungen.“ Heute sei klar, dass es keinen Sieger geben wird. „Beide Seiten haben unglaublich hohe Verluste an Menschenleben erfahren.“

Der Krieg, der heute lokal begrenzt sei, könne leicht auf andere Weltregionen überschwappen. Ein Dritter Weltkrieg mit dem Westen auf der einen Seite und Russland sowie China auf der anderen Seite sei gar nicht mehr so unwahrscheinlich. Ein neuer Eiserner Vorhang in Europa, gepaart mit massiver militärischer Hochrüstung, Atomraketen in Europa und ständiger Kriegsbereitschaft auf beiden Seiten werfe den europäischen Kontinent in seiner zivilisatorischen Entwicklung zurück, so der Historiker.

Es sei deshalb richtig, dass Bundeskanzler Scholz noch auf Friedensverhandlungen setzt. Das habe weniger etwas mit blauäugigem Pazifismus als mit Realismus zu tun. Er habe die Zeitenwende proklamiert, wisse aber auch, dass Deutschland sich auf den „Tag danach“ vorbereiten muss.

Ukrainische Soldaten feuern mit einem 120-mm-Mörser auf russische Stellungen am Stadtrand von Bachmut in der Ostukraine, 30. Dezember 2022. Foto: Sameer Al-Doumy /AFP über Getty Images



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