Teilnehmer an Habeck-Protest: „Es gab keinen Sturm auf die Fähre“

Die Protestaktion friesischer Bürger gegenüber Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am 4. Januar beim Fähranleger Schlüttsiel schlug bundesweit hohe Wellen. In den Medien kursierten danach Formulierungen wie „Sturm auf die Fähre“ oder „aggressiver Mob“. Die Schilderungen von Teilnehmern und der Polizei zeichnen ein anderes Bild.
Titelbild
Wirtschaftsminister Robert Habeck (r.) und Außenministerin Annalena Baerbock vor einer Kabinettsitzung Ende Dezember 2023.Foto: John MacDougall/AFP über Getty Images
Von 7. Januar 2024

Während viele teilnehmende Bauern gegenüber den Medien Interviewanfragen ablehnten, offenbar aus Sorge davor Ziel von Anfeindungen zu werden, gab der Landwirt und Bürgermeister der kleinen nordfriesischen Gemeinde Norderfriedrichskoog, Jann-Henning Dircks, dem Berliner Journalisten Martin Lejeune ein Interview. Er war laut eigenen Aussagen am Fähranleger mit dabei.

Im Interview erklärt er, dass man erfahren habe, wann Habeck am Fähranleger Schlüttsiel ankommen sollte. Gleichzeitig sei eine Meldung in den sozialen Medien gewesen, dass zum Bürgerdialog eingeladen werde.

„Wir Nordfriesen sind vielleicht manchmal etwas schwerfällig, aber wenn sich eine solche Gelegenheit bietet, da sind wir immer relativ spontan und wollten dann in den Dialog treten.“

Leider sei aus dem Dialog nichts geworden, so der Landwirt im Interview. Es seien nicht nur Landwirte, sondern „ganz normale Handwerker, Mittelständler und Angestellte“ zum Fähranleger gelaufen und hätten dort auf das Anlegen der Fähre mit dem Minister gewartet.

„Es gab keinen Fähren-Sturm“

Einen Sturm auf die Fähre, so wie es die Medien dargestellt hätten, habe es nicht gegeben. Ein Video zeige, dass der hydraulische Fähranleger, der sich dem Höhenniveau der Beladungsrampe des Schiffes je nach Wasserstand anpasst, bereits angehoben und das Schiff am Ablegen war, als „ein paar Mitmenschen von hier sich auf den Fähranleger drängelten“. Sie hätten so versucht, dichter ans Schiff zu kommen und im ironischen Sinne „noch mal zu winken“. „Da kam keiner auf die Idee, wirklich die Fähre zu stürmen“, so der Gemeindevorsteher.

„Glaubt das wirklich jemand, dass wir normalen Menschen aus der Mittelschicht hier auf dem Land irgendwie Gewalt gegen andere ausüben?“, fragt der Bauer im Interview. Das sei weit hergeholt. „Aber natürlich verkauft sich eine Schlagzeile so viel besser“, so Dircks im Interview weiter.

Journalist Lejeune sprach nach der Protestaktion am Fährhafen auch mit Polizeioberkommissar Philipp Renoncourt von der Polizeidirektion Flensburg, der auch am 4. Januar in Schlüttsiel vor Ort war.

Renoncourt erklärt dem Journalisten, dass die Situation vor Ort angespannt gewesen sei und es „diesen Versuch“ gab, auf das Schiff zu kommen. „Von einem Stürmen würde ich jetzt aber nicht unbedingt reden“, so der Polizist zu Lejeune.

Der Bundesminister sei zu keiner Zeit in einer Gefährdungssituation gewesen. Auch für die anderen Personen habe keine Gefahr bestanden. „Die Kräfte vor Ort hatten das unter Kontrolle“, erklärt der Polizist im Interview weiter.

„Die haben Ängste um ihre Zukunft“

Laut Bürgermeister Dircks seien „natürlich“ auch Menschen dabei gewesen, bei denen die Emotionen hochgekocht seien. Denn es ginge um deren Existenz, um deren Heimat, so der Nordfriese im Gespräch. „Die haben Ängste um ihre Zukunft.“ 99 Prozent der Teilnehmer an der Aktion wären „wirklich“ friedlich gewesen. Es wären auch viele Familien mit kleinen Kindern dort gewesen. „Da hat doch überhaupt keiner ein Interesse  daran, irgendwas eskalieren zu lassen.“

Er berichtet Lejeune, dass die ruhig und vermittelnd auftretende örtliche Polizei vorschlug, zwei Personen an Bord der Fähre zu lassen, um mit dem Minister sprechen zu können.

Das habe man aber abgelehnt, da man allzu oft gesehen habe, dass bei Gesprächen hinter verschlossenen Türen „meistens nur dann die Person redet, die dazu einlädt“.  „Das führt ja auch zu nichts.“ Er fragt im Interview, wo bei einem Politiker, der sich volksnah zeigen will, eigentlich das Problem liegt, dann „einfach rauszugehen“? Man hätte Sicherheitsabstand halten können, so Dircks im Interview.

Von einem Einsatz von Pfefferspray habe er nichts mitbekommen, er habe aber auch nicht mit den Menschen gesprochen, die gedrängelt haben.

In seinen Augen war es „grundsätzlich eine ruhige, friedliche Aktion“. „Wir sind alles Menschen und wir haben Emotionen.“ Dass das ein bisschen hochkochen könne und man dann sage, ‚entweder er kommt und redet mit uns oder er kommt hier nicht durch‘, sei in seinen Augen menschlich.

„Agrardieselrückvergütung war das i-Tüpfelchen“

Die Agrardieselrückvergütung und Einführung der Steuer bei landwirtschaftlichen Fahrzeugen sei das i-Tüpfelchen auf viele vorangegangenen politischen Entscheidungen gewesen, so Dircks im Interview mit Lejeune.

Jetzt hätten mehr Menschen begriffen, „dass da wirklich was im Argen ist“. Seiner Ansicht nach liegt es jetzt an allen zu verhindern, dass die Demokratie „flöten“ geht. „Unsere ostdeutschen Mitbewohner haben uns das ja 1989 vorgelebt unter dem Motto ‚Wir sind das Volk‘.“

Und weiter: Es müsse in Berlin oder allgemein in der Politik wieder verinnerlicht werden, für wen sie eigentlich Politik machen müssen und von wem sie letztendlich gewählt worden seien.

„Helden der Demokratie“

Vizekanzler Robert Habeck erklärte am 5. Januar, dass er bedauere, dass keine Gesprächssituation mit den Landwirten zustande kommen konnte. „Was mir Gedanken, ja Sorgen macht, ist, dass sich die Stimmung im Land so sehr aufheizt.“ Als Minister hätte er „qua Amt“ Schutz durch die Polizei. Viele andere müssten Angriffe allein abwehren, könnten ihre Verunsicherung nicht teilen. „Sie sind die Helden der Demokratie“, so Habeck. Protestieren in Deutschland sei ein hohes Gut. Nötigung und Gewalt würden dieses Gut zerstören. „In Worten wie Taten sollten wir dem entgegentreten.“



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