Virologe: Corona hat „gewaltige gesellschaftliche Sprengkraft“ – Kein Total-Lockdown mehr

Von 18. August 2020 Aktualisiert: 19. August 2020 14:56
Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit sieht in Anbetracht der zuletzt wieder gestiegenen Corona-Zahlen die Politik in der Verantwortung. Sie müsse ihr Agieren der Bevölkerung gegenüber transparenter begründen. Einen Lockdown müsse und dürfe es nicht mehr geben.

In einem Interview mit dem „Deutschlandfunk“ warnt der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vor der „gesellschaftlichen Sprengkraft“, die der Corona-Pandemie innewohne und die „gewaltig“ sei. Dass es sich um eine „stille Pandemie“ handele, deren Ausbreitungsdynamik eine deutlich andere sei als die des verwandten SARS-Virus der frühen 2000er Jahre, trage zu weiteren Ängsten und Verunsicherung bei.

Corona-Lockdown wie im Frühjahr „kann nicht mehr zur Debatte stehen“

Immerhin gebe es auch Lichtblicke im Umgang mit der Seuche, betonte der Forschungsleiter für „Neu auftretende Infektionskrankheiten“ am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Man habe „sehr viel dazugelernt“ bezüglich der Verbreitung des Virus. Dies ermögliche auch angepasste und flexible Formen der Reaktion. Deshalb würden auch Schulen, Kitas oder auch die Deutsche Bundesliga mit entsprechenden Präventions- und Hygienekonzepten zeitnah ihren Betrieb wiederaufnehmen können.

„Dass eine Schule komplett zugemacht wird, weil eine Lehrkraft sich infiziert hat, das geht eben vollkommen an der Realität vorbei“, erklärt Schmidt-Chanasit. Ein kompletter Lockdown, wie er im März und April von den Regierungen in Bund und Ländern verhängt wurde, könne deshalb auch nicht mehr zur Debatte stehen, zumal die Funktionstüchtigkeit des Gesundheitswesens auch von jener der Wirtschaft abhänge, die die erforderlichen Haushaltsmittel und Krankenversicherungsbeiträge für Ausbau und Forschung erwirtschafte.

Anders als damals habe man mittlerweile auch gefestigte Erkenntnisse über Infektionswege und wie man diese unterbinden könne:

„Jetzt wissen wir sehr, sehr viel mehr, wie sich das Virus verbreitet, dass auch Aerosole, insbesondere in geschlossenen Räumen, eine Rolle spielen, dass Schmierinfektionen keine Rolle spielen. Das sind aber ganz wichtige Erkenntnisse gerade im Rahmen eben der Infektionsprävention und natürlich auch im Hinblick auf die Entwicklungen von Konzepten, die Infektionen vermeiden, gerade in den Bereichen, die wir auch wieder öffnen.“

Für Bevölkerung bleiben AHA-Regeln relevant

Die zuletzt wieder leicht im Steigen begriffenen Infektionszahlen sollten ernst genommen werden und vor allem Politiker dazu bringen, über Maßnahmen nachzudenken, diese wieder zu drosseln. Dies solle man aber „ganz klar und sauber trennen von den Maßnahmen, die die Bevölkerung betreffen“. Was diese anbelangt, seien die „AHA-Regeln“ (Abstand, Hygiene, Alltagsmasken bei Nichtgewährleistung des Abstandes) weiterhin sinnvoll, darüber hinaus habe sich auf Bevölkerungsebene jedoch „erst mal nichts geändert“.

Dass zwischen den Verantwortungsbereichen von Politikern, Amtsträgern, Ärzten und Wissenschaftlern und jenen der Bevölkerung zu wenig unterschieden werde, trage dazu bei, dass Ängste und Befürchtungen im Zusammenhang mit den Einschränkungen von Tag zu Tag zunähmen. Um dem entgegenzuwirken, müsse die Politik erklären, wofür die Maßnahmen seien und was damit erreicht werden solle. Es sei wichtig, dass „Zusammenhalt und die Solidarität auch über einen längeren Zeitraum gewahrt“ bleiben können, dies erfordere jedoch auch Transparenz vonseiten der Politik gegenüber der Bevölkerung:

„Das ist ganz, ganz wichtig, dass das regelmäßig erfolgt, damit die Bevölkerung auch weiß, warum macht sie das, wohin wollen wir, was ist die Sinnhaftigkeit einer bestimmten Maßnahme in einer bestimmten Infektionssituation.“

Maske wird uns noch länger erhalten bleiben

Die Atemschutzmaske werde im Alltag voraussichtlich noch länger eine Rolle spielen, meint Schmidt-Chanasit. Diese helfe, Tröpfcheninfektionen zu verhindern. Gegenüber Aerosolen in geschlossenen Räumen könne sie jedoch keinen entscheidenden Schutz bieten. Diese spielen zudem auch unabhängig vom Abstand eine Rolle. Um ihrem Übertragungspotenzial entgegenzuwirken, sei regelmäßiger Luftaustausch in geschlossenen Räumen erforderlich.

Diese Unterscheidung mache aber auch in einigen Bundesländern angeklungene Bestrebungen unnütz, Kinder mit Maske im Unterricht sitzen zu lassen – zudem sei dies diesen auch nicht zumutbar.

„Ja, aus virologischer Sicht macht es Sinn, wenn kein Abstand eingehalten werden kann, wegen der Tröpfchen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, aber können Sie einem sechsjährigen Kind zumuten, fünf, sechs Stunden sozusagen einen Mund-Nasen-Schutz korrekt zu verwenden. Diese Frage kann ich nicht als Virologe beantworten, aber ich kenne die Antwort der Kollegen, die ist ganz klar nein.“

Virologe nimmt Urlauber in Schutz

Um der gesellschaftlichen Spaltung entgegenzuwirken, plädiert Schmidt-Chanasit dafür, auch mit Kritikern der Pandemie-Maßnahmen das Gespräch zu suchen. Nur so lasse sich auch nicht begründeten Befürchtungen entgegenarbeiten.

Immerhin dürfe nicht vergessen werden, dass nicht nur die Politik selbst ein Eigeninteresse daran habe, Wirtschafts- und Bildungssystem wieder in Gang zu bringen, sondern auch, dass alle politischen Maßnahmen der Überprüfung durch Verwaltungs- und Verfassungsgerichte unterliegen. Und diese hätten schon bislang in mehreren Fällen Maßnahmen aufgehoben, weil diese im Lichte der Grundrechte nicht verhältnismäßig gewesen seien.

Der Wissenschaftler hat andererseits auch kein Verständnis für selbstangemaßte Wächterämter, etwa durch Personen, die in sozialen Medien Mitbürger dafür anprangern, dass diese sich auch im Corona-Jahr 2020 ihr Recht auf Antritt einer Urlaubsreise ins Ausland nicht nehmen lassen wollten:

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„Das sagen Sie mal bitte einer alleinerziehenden Mutter, die keinen Balkon, keinen Garten hat und mit ihren drei Kindern quasi jetzt monatelang in einer kleinen Wohnung war, dass die nicht sich mal sozusagen auch etwas Urlaub gönnen kann, den sie auch bezahlen kann, weil er in Deutschland vielleicht nicht finanzierbar ist.“

„Ganz pauschale Sachen gehen jetzt an der Realität vorbei“

Die Gefahr eines neuerlichen kompletten Lockdowns hält Schmidt-Chanasit jedoch für gebannt:

„Wir sind jetzt in dem Bereich, wo sehr spezifische Maßnahmen möglich sind. Wir haben in Deutschland alle Voraussetzungen, in den verschiedenen Bereichen die Sachen wieder zuzulassen, umzusetzen; natürlich unter Berücksichtigung der Infektionsvermeidung, ganz klar, aber man muss es eben auch machen. Diese ganz pauschalen Sachen, das, was wir jetzt auch gerade in den Nachrichten gehört haben, dass quasi eine Schule komplett zugemacht wird, weil eine Lehrkraft sich infiziert hat, das geht eben vollkommen an der Realität vorbei, auch an der infektiologischen, virologischen Realität.“