Niall Ferguson: Sieg von Boris Johnson illustriert „politische Wende mit globaler Strahlkraft“

Von 17. Dezember 2019 Aktualisiert: 17. Dezember 2019 14:27
Die Einschätzung, Labour erlebe in den Tagen vor der britischen Wahl noch einen Aufschwung, war vor allem Social-Media-Analysedaten geschuldet. Tatsächlich waren diese aber irrelevant. Der konservative Triumph habe tiefe Wurzeln, meint Historiker Ferguson.

Niall Ferguson, Senior Fellow am Zentrum für europäische Studien in Harvard und Milbank Family Senior Fellow an der Hoover Institution in Stanford, Kalifornien, hat für die britische „Sunday Times“ einen Kommentar zum Ergebnis der Unterhauswahlen verfasst, der in deutscher Fassung exklusiv in der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ) veröffentlicht wurde.

Ferguson sieht die Briten ein weiteres Mal als Vorreiter. War es 2016 das Brexit-Referendum, das eine ganze Reihe von Wahlerfolgen der populistischen Rechten von Trump über Salvini bis zu Bolsonaro nach sich gezogen hatte, könnte der Sieg Boris Johnsons und seiner Konservativen eine weitere politische Wende mit globaler Strahlkraft entfalten, meint der bekannte Historiker. Dies sei umso bedeutsamer, als die Linke durch die oben bezeichneten Ereignisse selbst „erwacht“ sei und massiv gegen die „populistische“ Welle mobilisiert hat.

Sozialkonservativer „One Nation Toryism“

„Während der letzten Woche befand ich mich oft in einem Angstzustand, der mit Schlaflosigkeit einherging“, bekannte Ferguson, der auf die massive Präsenz der Linken in den sozialen Netzwerken hindeutete. „Ich befürchtete, Britannien könnte erneut den Vorreiter spielen – in genau entgegengesetzter Richtung. Mein quälender Albtraum bestand in einem weiteren Parlament ohne klare Mehrheit und einer politischen (ganz zu schweigen von einer finanziellen) Krise, bei der eine unheilige Koalition von Labour, Schottischer Nationalpartei und Liberaldemokraten herauskäme – mit dem abstoßenden Jeremy Corbyn als Premierminister.“

Die Social-Media-Daten erwiesen sich jedoch als irrelevant, stattdessen feierte ein grundlegend gewandelter Konservatismus – Ferguson spricht von „One Nation Toryism“ – einen Triumph. Der Begriff geht auf die Novelle „Sybil“ des früheren britischen Premiers Benjamin Disraeli zurück, der im 19. Jahrhundert ein Bild von einem sozialen Konservatismus entwarf, der durch grundlegende soziale Absicherung und Investitionen in die Infrastruktur den Zerfall der Nation in Reiche und Arme verhindern solle. Ein ähnliches Konzept verfolgte mehr als 150 Jahre später auch US-Präsident George W. Bush mit seinem Schlagwort vom „mitfühlenden Konservatismus“. Mit dieser Wende geht aufseiten Fergusons die Erwartung einher, dass die britischen Torys unter Johnson von einer Austeritätspolitik, wie sie Winston Churchill als Finanzminister oder Margaret Thatcher als Premierministerin praktiziert hatte, abkehren werden.

Maß des Menschlichen

Neben Disraeli sei es jedoch auch ein sehr aktueller Theoretiker, der die Ideenwelt der Torys unter Johnson inspiriere – nämlich der nationalkonservative israelische Philosoph und Bibelgelehrte Yoram Hazony, der in seinem im Vorjahr erschienenen Buch „The Virtue of Nationalism“ den Nationalstaat als jenen Raum umschreibt, der das Maß des Menschlichen und des Machbaren bewahrt.

Der so verstandene Nationalismus oder Nationalkonservatismus sei „ein prinzipientreuer Standpunkt, der die Welt am besten regiert sieht, wenn Nationen imstande sind, ihren eigenen unabhängigen Kurs zu bestimmen, ihre eigenen Traditionen zu pflegen und ihre eigenen Interessen ohne Einmischung zu verfolgen“. Das stehe im Gegensatz zum Imperialismus, der danach strebe, der Welt Frieden und Wohlstand zu bringen, indem er die Menschheit so weit wie möglich unter einer politischen Herrschaft vereine.

Ein solcher unideologischer, aber prinzipienfester Konservatismus habe, wie Andrew Sullivan schreibt, „die radikale Rechte eingebunden und damit neutralisiert“. Der gegen Einwanderung gerichtete Eifer, der die populistischen Wellen begleitet hatte, habe sich beruhigt.

Das Erfolgsrezept Johnsons bestehe laut Sullivan darin, dass dieser „die Zutaten des Populismus aufgreift und sie zu einem sehr viel schmackhafteren Gericht verarbeitet, als es seine Kollegen auf dem Kontinent je auftischen werden“.

Nationalkonservatismus in Kontinentaleuropa bedarf der Verfeinerung

Für Ferguson ist das ein gutes Zeichen: Der Aufstieg des Nationalkonservatismus und der Beweis, dass er in Britannien funktionieren könne, läute „die Totenglocke für den erwachten Sozialismus in aller Welt“. Sollten die US-Demokraten im nächsten Jahr einen Linksaußen-Kandidaten gegen Donald Trump ins Rennen schicken, werde es ihnen ebenso ergehen wie Labour in Großbritannien. Zudem werde auch auf dem europäischen Kontinent der Nationalkonservatismus – dessen teilweise „Rohheit“ laut Björn Höcke noch „intellektuell verfeinert“ werden müsse – weiter an Bedeutung gewinnen. Das könne etwa, wie Ferguson meint, ein Comeback Salvinis in Italien oder gar eine Regierungsbeteiligung der Le-Pen-Familie in Frankreich bedeuten.

Unterdessen entlarve sich der vermeintlich „antifaschistische“ Eifer der Linken selbst. Fergusons Fazit:

„Auf dem Kontinent hat der Nationalkonservatismus zweifellos seine hässliche Seite. Doch das Beste an Boris’ Sieg war die Rolle, die hier die Enthüllungen über den Antisemitismus innerhalb der Labour-Party spielten. Während der letzten vier Jahre hat die Linke versucht, den Populismus, der den Brexit hervorgebracht hat, als rassistisch darzustellen. Doch wie sich herausstellte, waren Corbyn und Co. die eigentlichen Rassisten. Und die Wähler aus der Arbeiterklasse haben das erkannt. Gott sei’s gedankt!“

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