Studie entlarvt Fake-News über Fake-News – SPD-Esken nimmt dies zum Anlass für Wählerbeschimpfung

Von 31. Januar 2019 Aktualisiert: 31. Januar 2019 17:13
Eine Studie der Northeastern University von Boston hatte zum Ergebnis, dass nur ein kleiner Anteil der US-Bürger vor den Wahlen 2016 tatsächlich Fake-News ausgesetzt war. Eine SPD-Bundestagsabgeordnete beschimpfte daraufhin auf Twitter Rentner, „rechte Lügen“ zu verbreiten.

Seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten wurden dessen politische Gegner in Politik und Medien, im Inland wie im Ausland, nicht müde, deutlich zu machen, dass sie nicht bereit sind, die Entscheidung der US-Wähler als legitimes Resultat eines politischen Willensbildungsprozesses zu betrachten. Vielmehr haben die Amerikaner in deren Augen eine objektiv falsche Entscheidung getroffen und müssten daher zur Korrektur veranlasst werden – wie ein Schüler, der in einer Mathematik-Klausur zu einem falschen Ergebnis gekommen ist.

Dass die US-Amerikaner Trump zudem entgegen den ausdrücklichen Empfehlungen faktisch aller landesweit verbreiteter und internationaler Medien gewählt hatten, machte die Sache noch gravierender.

Dass die Amerikaner die vermeintlich falsche Entscheidung getroffen hätten, weil sie dümmer und ungebildeter als die aufgeklärten Europäer und die urbanen Weltbürger in ihren eigenen Großstädten wären, war unter vielen ob des Wahlergebnisses Empörten dies- und jenseits des Atlantiks weitgehend Konsens. Ausgesprochen blieb er jedoch meist nur zwischen den Zeilen, etwa in Form der mittlerweile berühmt gewordenen Reportage von Ex-„Spiegel“-Reporter Claas Relotius über das Leben der Menschen in der Kleinstadt Fergus Falls. Denn offen auszusprechen, was man im Juste Milieu dachte, wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit kontraproduktiv gewesen.

Der Narrativ, dass die Amerikaner stattdessen Opfer einer massenhaften Verbreitung von Fake-News geworden wären, die sich über die sozialen Medien verbreitet hätten, war demgegenüber erfolgversprechender. Dementsprechend hätte die Wahlentscheidung anders ausgesehen, wäre den Menschen bewusst gewesen, dass sie manipuliert würden. Dass dies jedoch geschehen sei, sei das Werk russischer Bots und sozialer Medien, die nicht rechtzeitig eingegriffen hätten – was in weiterer Folge die Chance eröffnete, zum einen Donald Trump als vermeintlichen Präsidenten von Russlands Gnaden zu delegitimieren und zum anderen staatlichen Druck auf die sozialen Medien zu rechtfertigen.

Drastisch überbewertetes Problem

Eine genauere und nüchterne Betrachtung ließ von diesem mit Vehemenz verfochtenen Ansatz allerdings weniger übrig, als dessen Urheber sich erhofft haben dürften. Von der angeblich breit angelegten russischen Desinformationskampagne blieb im Wesentlichen, dass Auftraggeber aus Russland für 100 000 US-Dollar Werbeanzeigen mit uneindeutiger Zielrichtung eingekauft hätten – die zu einem erheblichen Teil nach der Wahl erschienen und deren Reichweite weit unter denen heimischer Kampagnen zurückblieb.

Auch der Einfluss von nachweislichen Falschnachrichten war, wie eine jüngst veröffentlichte Studie nachwies, die unter der Leitung des Politikwissenschaftlers David Lazer von der Northeastern University in Boston aus unter 16 442 registrierten Wählern durchgeführt wurde. Dabei wurden auch deren Tweets ausgewertet. Die Teilnehmer wurden nach jenem demografischen Sample ausgewählt, das auch einer repräsentativen Analyse von Wählern, die Twitter nutzen, durch das Pew Research Center 2016 zugrunde lag.

Wie das Science-Magazin berichtet, brachte die Untersuchung das Ergebnis, dass entgegen der Wahrnehmung des Themas in auflagenstarken Medien Fake-News nur einen geringen Teil der Wählerschaft erreicht hatten.

Die Untersuchung bezog sich dabei auf Meldungen, die sich als frei erfunden oder nicht belegt erwiesen und zu denen auch im Fall ihrer Widerlegung keine Korrekturen erfolgt waren. Beispielhaft erwähnt Lazer Berichte wie jenen von „WTO5News”, wonach Papst Franziskus zur Wahl Donald Trumps aufgerufen habe. Dieser wurde fast eine Million Mal geteilt. Ein weiterer Artikel des „Denver Guardian“, wonach ein FBI-Agent, der in die E-Mail-Affäre Hillary Clintons involviert gewesen sein soll, tot aufgefunden worden wäre und dabei ein Selbstmord vorgetäuscht worden sei, zog eine halbe Million Reaktionen nach sich. Die Zeitung zitierte dabei einen angeblichen Polizeioffizier eines falsch buchstabierten Ortes, der über kein eigenes Polizeirevier verfügte, und die Redaktionsadresse war die eines Parkplatzes.

Fake-News tauchten nur in wenigen Feeds auf

Die Untersuchung Lazers ergab, dass Fake-News dieser Art lediglich sechs Prozent des gesamten Nachrichtenaufkommens mit Wahlbezug ausmachten, und dass die Konzentration dabei sehr hoch was. Demnach sollen nur 1,1 Prozent aller Nutzer in ihren Feeds gleich 80 Prozent aller verbreiteten Fake-News ausgesetzt gewesen sein. Ebenso wurden 80 Prozent aller Fake-News von Seiten dieser Art von 0,1 Prozent der Nutzer geteilt.

Eine überwältigende Mehrheit der Amerikaner sei demnach keinen Fake-News ausgesetzt gewesen. Die Studie „widerspricht dem dominanten Narrativ, wonach Fake-News 2016 in sozialen Medien allgegenwärtig gewesen wären“, erklärte deren Hauptautor Joshua Tucker. Erst recht würde die Mehrheit der Amerikaner Fake-News nicht teilen. Er fügt zwar an, dass auch ein kleiner Anteil solcher Fehlinformationen einen Einfluss auf den politischen Prozess haben könnte, ob dies der Fall sei, wäre allerdings erst im Wege anderer Studien zu klären.

Für Saskia Esken, SPD-Bundestagsabgeordnete, Informatikerin und unter anderem Berichterstatterin ihrer Fraktion für Privatsphärenschutz, IT-Sicherheit, Digitale Bildung und eGovernment, scheint das Ergebnis der Studie enttäuschend gewesen zu sein. Die Narrative über Fake-News und russische Einflussnahme wurden nicht zuletzt von ihrer Partei stetig bemüht, um immer mehr an politischem Druck gegen die sozialen Netzwerke zu rechtfertigen. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz oder die von der Politik aktiv forcierten Partnerschaften Facebooks mit dem Recherchenetzwerk Correctiv und der Amadeu-Antonio-Stiftung wären ohne diese Erzählungen nicht denkbar gewesen.

Zurückrudern und einzuräumen, dass man das Problem künstlich aufgeblasen hätte, war offenbar keine Option – also pickte Esken sich aus den Ergebnissen der Studie, über die auch in der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ) berichtet worden war, die Information heraus, die sie noch am ehesten für ihre politische Agenda nutzbar machen konnte.

SPD unter „verbitterten leichtgläubigen“ Rentnern überdurchschnittlich stark

Dass es den Ergebnissen der Studie zufolge hieß, nur ein kleiner Anteil der Nutzer verbreitete und sah die Falschinformations-Artikel, und diese wären im Regelfall älter und politisch konservativ gewesen, nahm sie zum Anlass, um auf Twitter gegen Rentner zu agitieren:

„Überwiegend Rentner verbreiten meist rechte Lügengeschichten. Und da reden wir von der Schule, die fit machen muss gegen #FakeNews. Damit die Enkel ihren Opas mal den Kopf waschen?“

Sie hatte auch eine Erklärung für diese angeblich schädlichen Neigungen dieser Bevölkerungsgruppe:    

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„Zu viel Zeit, zur viel Bitterkeit, hohe Empörungsbereitschaft, geschlossenes Weltbild/Echokammer, Leichtgläubigkeit… und erst ganz am Ende das mangelnde Verständnis für virale Wirkungen.“

Dass andere Bevölkerungsgruppen wie etwa linke Gymnasiasten, Studenten, Journalisten oder Politiker aus ihrer Sicht gegen solche Eigentümlichkeiten offenbar immun zu sein scheint, kann Esken auch erklären:

„Mit dem Alter nimmt die Bitterkeit zu (wenn man sie zulässt), ebenso wachsen die Echokammern, wenn man sich nicht mehr verändert. Die Leichtgläubigkeit gilt gegenüber dem geschriebenen Wort und stammt aus Zeiten, als das einen Verleger finden musste.“ Obwohl Sie „eine Menge Rentner bei Facebook“ kenne, wollte sie aber „niemanden in eine Ecke stellen“, sondern lediglich verdeutlichen, dass die Schule allein das „Problem“ nicht lösen könne.

Welche Auswirkungen „zu viel Zeit, zur viel Bitterkeit, hohe Empörungsbereitschaft, geschlossenes Weltbild/Echokammer, Leichtgläubigkeit“ auf das Wahlverhalten haben, dazu hat Esken sich nicht geäußert. Das Statistische Bundesamt hingegen schon: Während die SPD bei den letzten Bundestagswahlen unter allen Wählern bundesweit nur noch auf 20,5 Prozent der Zweitstimmen gekommen war, waren es bei Frauen über 70 Jahren deutlich bessere 24,4 Prozent, bei Männern dieser Altersgruppe sogar 26,2. Auch was die Mitgliederstruktur anbelangt, ist die SPD eine Partei der „alten weißen Männer“.