Symbolbild.Foto: Jim Watson AFP / Getty Images

Türkischer Schwarzmarkt: Handel mit Organen syrischer Flüchtlinge boomt

Von 22. Februar 2017 Aktualisiert: 24. Februar 2017 8:06
Die Zustände für die syrischen Flüchtlinge in der Türkei sollen so katastrophal sein, dass viele aus der Not heraus ihre Niere oder einen Leberlappen verkaufen. Zwischen der EU und der Türkei besteht ein Flüchtlingsabkommen, wonach das Land 700 Millionen Euro zur Versorgung der Flüchtlinge bekommt. Doch diese wollen das Land lieber verlassen und brauchen Geld.

In der Türkei blüht der illegale Handel mit Organen. Weil syrische Flüchtlinge Geld brauchen, um die Flüchtlingslager wieder verlassen zu können, verkaufen sie bereitwillig eine Niere oder einen Leberlappen. Das ergaben neueste Recherchen des ARD-Magazins FAKT.

Soziale Netzwerke wie Facebook dienten hierbei als Hauptumschlagsplätze für das lukrative Geschäft. Für ihre Ergebnisse werteten die FAKT-Reporter entsprechende Verkaufsanzeigen in den sozialen Medien aus und führten als vermeintlich interessierte Käufer Gespräche mit potentiellen Spendern. Dabei stießen sie auch auf einen Syrer, der in Deutschland bereits Flüchtlingsstatus erhalten hat, bei einer Reise nach Griechenland von den dortigen Behörden allerdings in die Türkei abgeschoben wurde. Um sich eine Rückreise nach Deutschland finanzieren zu können, möchte er eine Niere verkaufen.

Weiterhin zu sehen bei FAKT sind Aufnahmen des türkischen Fernsehens über Razzien bei Organhändlern. Seit Jahren sei es das Geschäft der organisierten Kriminalität. Vermittler und Ärzte würden vom Geld gut zahlender Patienten aus Saudi Arabien und den westlichen Ländern profitieren. Seit dem Syrienkrieg gebe es genug freiwillige Spender – verzweifelte Flüchtlinge.

Laut den Recherchen von FAKT bekommt der syrische Spender aktuell 6.000 bis 11.000 Euro für seine Niere auf dem türkischen Schwarzmarkt. FAKT-Reportern, die sich in der Türkei als interessierte Käufer ausgaben, wurde eine Niere für knapp 30.000 Euro angeboten. Die Transplantation solle in einer Universitätsklinik in der Stadt Malatya in Ostanatolien durchgeführt werden. Viele würden aber nach dem Eingriff in Parks oder an der Straße aufwachen, sagt ein Kontaktmann zu den FAKT-Reportern.

EU zahlt 700-900 Millionen Euro Flüchtlingshilfe an die Türkei

Seit März letzten Jahres ist das Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei in Kraft. 700 Millionen Euro stellt Europa dem Land für die Menschen aus Syrien zur Verfügung. Bei Mohamed und seiner Tochter scheint davon nichts anzukommen – 60 türkische Lira bekommt er monatlich zum Leben, umgerechnet 14 Euro.

„Um die 3 Millionen Flüchtlinge in der Türkei zu versorgen, reiche das Geld aus Brüssel einfach nicht“, kritisiert ein Sprecher der Flüchtlingsorganisation „ProAsyl“. 700 bis 900 Millionen seien bisher ausgezahlt worden an „internationale Organisationen“ aber „es gehe nicht in die Fläche“, erklärt Karl Kopp gegenüber den Reportern.

Wie „Newsweek“ bereits 2016 berichtete, hatten in den vorangegangenen vier Jahren 18.000 Syrer ihre Organe für Transplantationen verkauft. Der Handel floriere vor allem in Flüchtlingslagern der Türkei und des Libanon.

Doch dass die syrischen Flüchtlinge ihre Organe freiwillig verkaufen, ist nur die halbe Wahrheit.

Die russische Journalistin Darja Aslamowa reiste 2016 auf die griechische Insel Lesbos, um ein Lager für Migranten zu besuchen und fand Schreckliches heraus. Einheimische Fischer erzählten ihr von hunderten Leichen, die es immer wieder an Land spüle, bis zum türkischen Festland seien es nur sechseinhalb Kilometer. „Ja, ja! Wir sahen es mit eigenen Augen! Kinder und Erwachsene mit notdürftig vernähten Bäuchen!“. Ihnen seien die Organe ausgeweidet worden.

„Dort, in der Türkei. Dann warfen die Hehler die Leichen in neutrale Gewässer, in der Hoffnung, dass die Fische und Salz Handwerkerarbeit unerkennbar machen“. Bei einem Jungen hätten die Augen gefehlt. „Ausgeschnitten. Wofür braucht man Augen? Für Hornhaut-Transplantationen. Ich wusste es vorher nicht“, erzählt ihr ein Hafenarbeiter namens Stavros.

Im Dezember 2015 haben die türkischen Behörden den Bürger Israels (ursprünglich aus der Ukraine), Boris Walker (früher Wolfman) festgenommen, der bei syrischen Flüchtlingen Organe aufkaufte. Die Entnahme von Organen geschah in privaten türkischen Kliniken. Es stellte sich heraus, dass Walker/Wolfman längst von Interpol gesucht war und nicht nur wegen des Handels mit Organen, sondern auch für die Organisation illegaler Organ- Transplantationen im Kosovo, in Aserbaidschan und Sri Lanka in den Jahren 2008-2014. Dieses schwarze Doppelgeschäft brachte ihm eine großartige Rendite: 70 bis 100 Tausend Euro für eine Organtransplantation und -beschaffung!

„Alle sind am Schweigen interessiert“

„Der illegale Handel mit Organen ist ein Teufelskreis“, erklärt der griechische Arzt Dimitris Xenakis gegenüber Aslamova. „Alle sind am Schweigen interessiert. Der verstorbene Spender kann schon nichts mehr erzählen. Schweigen werden auch die Ärzte-Schlächter, die Vermittler und die Empfänger, die überhaupt nichts wissen wollen. Früher war der Handel mit Organen nur in Ländern der Dritten Welt möglich. Z. B. hatte sich Indien schon seit langem zu einem Land verwandelt, wo der „Organ-Tourismus“ boomt. Das Schlimmste ist, dass dieses Geschäft nicht ohne Protektion von hohen „Eliten“ möglich ist. Ich spreche hier nicht über die lokalen Regierungen“, so der Arzt weiter.

„Die herausgeschnittene Niere überlebt nur ganze 48 Stunden, die Leber und die Bauchspeicheldrüse noch weniger. Das heißt, nach der Abnahme bis hin zur Transplantation geht es um Stundenfrist. Wer ist in der Lage, Organe mit dem Flugzeug zu schmuggeln, zum Beispiel aus Somalia oder Kenia? Ohne Zollkontrolle zu einem beliebigen Punkt der Erdkugel?“, sagt der Arzt und schweigt dann, weil er nicht seine Lizenz verlieren oder in Gerichtsprozesse verstrickt werden will.

Das blutige Geschäft mit den Organen bezieht sich längst nicht mehr auf Dritte Welt-Länder oder Krisengebiete. Kriminelle und Mafia-Banden weltweit finanzieren sich damit. Auch dem IS wird vorgeworfen, sich unter anderem durch den Organhandel zu finanzieren.

Die Terroristen würden durch den Handel mit menschlichen Organen „kolossale Einnahmen“ erwirtschaften“, sagt der Politikwissenschaftler und Chefredakteur der Zeitung „Iran Press“, Emad Abshenass. Demnach dienen Andersgläubige als Organbank für die Terroristen. Die Organe würden den ideologischen Gegnern entnommen und an Schmuggler verkauft.

Und selbst China, ein Land, das sich seines industriellen Fortschritts rühmt, ist wiederholt in den Schlagzeilen wegen erzwungener Organentnahmen an Gewissensgefangenen, allen voran den Falun Gong-Praktizierenden. Diese füllen zu abertausenden die Gefängnisse, da sie ihrem Glauben nicht abschwören wollen. 1999 startete der damalige Staatschef Jiang Zemin eine brutale und verbrecherische Verfolgungskampagne gegen diese Menschengruppe mit dem Ziel, sie vollständig auszulöschen. Bereits seit 2006 existiert ein Untersuchungsbericht zu den Anschuldigungen des Organraubs an Falun Gong-Praktizierenden, dem damals schon laut der Untersuchungen 40.000 – 60.000 Anhänger zum Opfer gefallen sein sollen. Neueste Untersuchungen gehen inzwischen von über eine Million Opfer des blutigen Geschäfts aus.

 Ausgeschlachtet – Organe auf Bestellung – 3sat Doku:

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