Angkor Wat – geheimnisvolles Tempelwunder im Dschungel von Kambodscha

Mystische Ruinen eines vergangenen Weltreiches, die an das Dschungelbuch erinnern. Angkor Wat war bis vor rund 600 Jahren das Zentrum des Khmer-Reichs im heutigen Kambodscha. Die Ruinenstadt mit ihren mehr als 1.000 Tempeln ist immer noch nicht vollständig erforscht und gibt viele Rätsel auf.
Titelbild
Beeindruckende Sihlouette der Tempelanlage Angkor Wat.Foto: iStock
Von 1. Dezember 2023

Jeder kennt wahrscheinlich die mystischen Dschungel-Bilder von den mit Wurzeln durchwachsenen Ruinen aus „Tomb Raider“, wo die seinerzeit blutjunge Angelina Jolie als Lara Croft im sexy Tanktop durch die uralten Tempelruinen wirbelte. Es wirkt schon im Film so, als würde nur noch der Klammergriff der Würgefeigen die alten Mauern zusammenhalten. Die Wissenschaftler, die seit Jahren den Tempel Ta Prohm restaurieren, können davon jedenfalls ein Lied singen, sagt Guide Curley und zeigt auf ein riesiges Wurzelgeflecht: „Diesen Baum hier nennen wir die Krake, die Wurzeln verhindern wie ein Netz, dass alles auseinander fällt.“

Einst eine Million Einwohner – heute vom Dschungel überwuchert

Besonders viel ist hier in den vergangenen drei Jahren passiert, zumindest was die Restauration der Tempel von Angkor anbelangt. So heißt der 400 Hektar große archäologische Park nahe der kambodschanischen Stadt Siem Reap. Zu Corona-Zeiten war das touristische Highlight von Kambodscha komplett geschlossen – im Lockdown. Die Menschen, die sich in der Nähe des Tempels in Hütten angesiedelt hatten und durch die Touristen irgendwie ihr tägliches Auskommen hatten, wurden vom Staat in ein entferntes Gebiet umgesiedelt – immerhin mit Strom, aber ohne sauberes Wasser.
Einst war das ganze Areal – größer als das Stadtgebiet von Berlin – Hauptstadt des Khmer-Reiches und die weltweit größte Stadt mit einer Million Einwohnern.

Tempel Ta Prohm fest im Griff der Würgefeigen und Touristen. Foto Lydia Roeber

Von all dem sind heute circa 1.000 Tempelruinen übrig geblieben, darunter mit Angkor Wat die größte Tempelanlage der Welt und Sinnbild des südostasiatischen Staates. Neben Angkor Wat (Wat heißt Tempel) ist der andere Publikumsmagnet seit Angelina Jolies Dreharbeiten in Kambodscha der Tempel Ta Prohm, wo sich die Wurzeln der mächtigen Feigen durch die Ruinen schlängeln.

Hier gibt es schon mal Stau auf den vorgegebenen Holzplanken zwischen den Sandstein-Quadern mit ihren geschnitzten Figuren, Göttern und Symbolen, durch die Touristen ihren Weg durch die antike Tempelruine nehmen. Ganze Reisegruppen stellen sich geduldig an, bis jeder sein eigenes Foto unter dem fotogenen Wurzeldach eines der vielen Baumriesen hat.

Kambodscha und der Tempel mit dem verschlungenen Wurzelwerk haben durch den Hollywood-Film viel Aufmerksamkeit bekommen. Weniger bekannt und eigentlich viel spektakulärer als der Blockbuster ist ein wirklich interessantes Detail, das viele Fragen aufwirft: In Augenhöhe zeigt eine Sandstein-Kachel an einer zerbröckelnden Tempelwand das Relief eines gut erkennbaren, handgroßen Dinosauriers, um genau zu sein, eines Stegosauriers. Gut erkennbar ist der Dino aus der Jura-Zeit an seinen eindrucksvollen Knochenplatten, die wie eine Krone vom Rücken abstehen.

Vorsintflutliche Kreatur in 900 Jahre altem Tempel? Foto: Lydia Roeber

Schwein oder Dino? Guide Curley ist sich nicht sicher, die Fachleute auch nicht. Foto: Lydia Roeber

Der Bau des Tempels wurde auf das späte 11. Jahrhundert datiert. Wie konnte zu dieser Zeit also dieses alte Flachrelief mit dem Dinosaurier entstehen, wie konnten die Erbauer von einer so alten Kreatur wissen? Das weiß Guide Curley auch nicht, ist sich aber sicher, dass alle Gerüchte um eine frühere Bauzeit und vor allem alle Theorien über seine möglichen Erbauer nur Gerüchte sind: „Schau, wenn man den Rückenschmuck des Dinosauriers zuhält“, er legt seine Hand über das flache Relief, „könnte das Tier auch ein Schwein oder irgendein anderes Tier sein.“

Mit dem Tuk Tuk durch den Dschungel von Tempel zu Tempel

Während wir im Tuk Tuk, wie die motorisierten Rikschas hier heißen, durch den grünen Dschungel auf gut ausgebauten, glatten Straßen von Tempel zu Tempel knattern, steigt die Ahnung auf, dass dieses riesige, mysteriöse Tempelfeld inmitten von überbordendem Dschungel noch viel mehr Geheimnisse wahrt. Spätestens aber kommen Fragen beim Betreten von Angkor Wat auf – dem größten bekannten Sakralbau der Erde und Wahrzeichen des südostasiatischen Königreiches und berühmt für seine Lotusblüten-Türme, die auch die kambodschanische Flagge zieren.

Einer der ersten bekannten westlichen Besucher des Tempels war Antonio de Madalena, ein portugiesischer Mönch, der die Anlage im Jahr 1586 besuchte. Er schrieb in seinem Bericht, dass Angkor Wat von so außergewöhnlicher Bauweise sei, „dass es unmöglich ist, ihn mit einer Feder zu beschreiben, zumal es wie kein anderes Gebäude auf der Welt ist. Es hat Türme und Dekorationen und alle Raffinessen, die sich das menschliche Genie vorstellen kann“.

Angkor Wat wurde dann in den 1840er-Jahren von dem französischen Entdecker Henri Mouhot wiederentdeckt, und seitdem interessiert sich auch Forschung und Wissenschaft für die im Dschungel versunkene Stadt.

Mit dem Tuk Tuk durch die Tore der alten Khmer-Stadt. Foto: Lydia Roeber

Viermal so viele Steine wie die große Pyramide in Ägypten

Der Tempel Angkor Wat erstreckt sich über 1,5 mal 1,3 Kilometer. Innerhalb eines umgebenden Wassergrabens befinden sich neben kreuzförmigen Terrassen und miteinander verbundenen Galerien zahlreiche kleinere Tempel, massive Säulen und Statuen – allesamt regelrecht verschwenderisch mit unglaublichen Stein-Schnitzereien bedeckt, die Szenen aus der hinduistischen Mythologie, von Eroberungen und Kriegen sowie aus der Natur zeigen.

Das Zentrum bildet ein Tempel mit fünf wie Lotusblüten geformten Türmen. Der höchste davon ist 65 Meter hoch. Etwa zehn Millionen einzelne Steinblöcke mit einem Gewicht von jeweils bis zu 1,5 Tonnen wurden hier verbaut, die aus einem etwa 40 Kilometer nordöstlich gelegenen Steinbruch an die Baustelle gebracht wurden. Zum Vergleich: Angkor Wat besteht aus mehr als viermal so vielen Blöcken wie die große Pyramide von Gizeh, für deren Bauzeit 20 Jahre veranschlagt werden.

Geheimnisvolle Baukunst – schon vor Jahrhunderten

Der Bau von Angkor Wat soll in nur 37 Jahren fertiggestellt worden sein. Spätestens, wenn man zwischen diesen riesigen Steinquadern steht, die so geschliffen wurden, dass sie ohne Zwischenräume und ohne die Verwendung von Mörtel aufeinandergesetzt werden konnten, sodass bis heute kein Blatt Papier dazwischen passt, kommen Fragen auf. Wie konnte das gehen? Gerade auch wenn man sich die heutige Technologie vor Augen führt, trotz derer die Bauzeit des Flughafens BER in Berlin allein ganze 14 Jahre dauerte, während beim Bau von Angkor Wat vor 900 Jahren keine Computerprogramme, moderne Technologien oder Maschinen zur Verfügung gestanden haben.

Der neue internationale Flughafen in Siem Reap wurde übrigens innerhalb der letzten fünf Jahre fertig. Laut Curley ein „vergiftetes Geschenk der Chinesen“ an die kambodschanische Führungsriege, die seit 40 Jahren am Drücker ist und schon mal am Vorabend der Wahl persönlich jemanden zu den Häusern seiner Wähler schickt, um die Wahlempfehlung auszusprechen, erzählt der Guide.

Curley findet die Bauperiode von 37 Jahren für den Tempel realistisch, nach ihm waren eben eine halbe Million Arbeiter gleichzeitig am Werk und es gab seinerzeit auch noch viele Elefanten, die am Bau beteiligt waren, erklärt er, während wir mit dem Tuk Tuk verschwindend klein neben einem riesigen Sandsteinblock stehen, den keiner von uns auch nur einen Zentimeter fortbewegen könnte – auch nicht mit der Kraft von Tuk Tuk, Auto oder Elefanten.

Ein Wunder: 37 Jahre lang jede Minute eine Tonne Stein verbaut

Die geschätzte Bauzeit von 37 Jahren kann nur durch tägliche, ununterbrochene Arbeit erreicht worden sein – von Sonnenaufgang bis zum Untergang. Jede Minute hätte eine ganze Tonne Stein abgebaut, transportiert, geschnitten und platziert werden müssen, um Angkor Wat in dieser Zeit zu erbauen. Mein ungläubiges Nachfragen tut mein Guide mit einer Handbewegung ab.

Immer noch gibt Angkor Wat viele Rätsel auf. Während des größten Teils der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Erforschung der Stätten durch anhaltende Konflikte und Bürgerkriege im Land eingeschränkt oder ganz verhindert. Obwohl der archäologische Park bereits seit 1992 UNESCO-Weltkulturerbe ist, wurden erst im 21. Jahrhundert wieder groß angelegte Forschungen über die Ruinenstadt im Dschungel aufgenommen. Mit dem Resultat, dass Angkor Wat die erste bekannte Megacity der Welt war – erbaut mit einem überraschend fortgeschrittenen architektonischen Verständnis.

Zauberhafte Zeitreise: Moderne Forschung erst seit 50 Jahren. Foto: Lydia Roeber

Hydraulisches Wunderwerk

Der massive Wassergraben war nicht nur speziell dazu gedacht, den Druck zu verringern, der durch die enorme Steinansammlung nach außen drückte. Ohne diesen Wassergraben wäre Angkor Wat schon vor vielen Jahren in sich zusammengefallen. Überdies schwillt und schrumpft der Boden in der Region jedes Jahr während der Überschwemmung und Dürreperioden. Um dem entgegenzuwirken, leiteten die Erbauer das Wasser um und verhinderten so, dass der Tempel unter seinem eigenen Gewicht absinkt und so jahrhundertelang stehen blieb.

Den Tempel umgab ein ausgeklügeltes Kanalsystem, das in einem Areal so groß wie Los Angeles circa einer Million Menschen Lebensraum gab, inklusive Abwassersystem. Um die Geschichte von Angkor zu rekonstruieren, gibt es kaum Dokumente, denn durch die jahrhundertelangen Konflikte wurden auch Bibliotheken zerstört. Außerdem sind die Palmblätter, auf denen dokumentiert wurde, durch das tropisch-feuchte Klima der Region längst verrottet.

Himmlische Ordnung des Hinduismus im größten Tempel der Welt

Der gesamte Komplex ist offenbar nach detaillierten astronomischen Überlegungen erbaut und so konstruiert worden, dass er die hinduistische Kosmologie widerspiegelt. Im Zentrum dieses Universums steht der Berg Meru, der durch den zentralen und höchsten Lotusknospen-Turm von Angkor Wat repräsentiert wird. Die Umfassungsmauer um den Haupttempel stellte die Berge am Rande der Welt dar, während der Wassergraben das Kosmische Meer repräsentiert, in dem das Leben begann.

Dieser Bezug zur größeren himmlischen Ordnung spiegelt sich in fortgeschrittenen astronomischen Details wider: Durch den Einsatz von GPS hat sich herausgestellt, dass alle Gebäude im Komplex perfekt und präzise auf die vier Himmelsrichtungen des Kompasses ausgerichtet sind. Wie hätte das bei der Erbauung vor 900 Jahren möglich sein können? Über welche Technik verfügten die Erbauer? Kein damals existierender Kompass hätte ein solches Maß an Präzision ermöglicht.

Astronomische Ausrichtung des gesamten Komplexes

Auch mussten die Menschen schon früh um den astrologischen Umstand des Äquinoktiums – der Tagundnachtgleiche – gewusst haben. Zweimal im Jahr, am Frühlings- und am Herbstanfang, bietet sich ein ganz besonderes Spektakel am Angkor-Wat-Tempel. Da geht die Sonne genau über dem mittleren Hauptturm von Angkor Wat auf – Facebook und Co. sind bevölkert von spektakulär anmutenden Filmen und Bildern vom Sonnenaufgang über den Lotustürmen.

Diese zieren unter anderem auch das Etikett des lokalen, meist getrunkenen Biers „Angkor“, wo eine eiskalte Dose einen US-Dollar oder viertausend Kambodschanische Riel im Supermarkt kostet. Oder etwas mehr in einem der zahlreichen, oft überraschend stylishen Restaurants in der kolonial anmutenden Altstadt von Siem Reap. Bis 1953 stand das Königreich Kambodscha unter französischem Protektorat.

Der US-Dollar ist jetzt hier die zweite Währung. Das Terrorregime der Roten Khmer hatte den Kambodschanischen Riel seinerzeit komplett abgeschafft, aber auch nach seiner Wiedereinführung in den 1980ern konnte das Vertrauen in die lokale Währung nicht wieder hergestellt werden. Kambodscha hat damit gewissermaßen zwei Währungen.

Quirliges Siem Reap mit Partymeile, Kolonialarchitektur und Khmer-Küche

Asiatisch-kolonialer Charme von Siem Reap. Foto: iStock

Wer sich in Siem Reap zwischen die Traveller ins Getümmel stürzt, bekommt oft – für unter fünf US-Dollar – exzellentes lokales Khmer-Food wie Coconut-Fish-Curry serviert oder auch westliche Küche. Für ebenso wenig kann man sich für eine Stunde lang bei einer traditionellen Massage die tempelmüden Füße entspannen lassen.

Am Markt, einem überdachten Areal mit hunderten Ständen am Flussufer, essen auch die Kambodschaner in Garküchen oder kaufen Obst und Fleisch, während hier jeder Tourist, wenn er sich nicht ein chinesisches Massenprodukt andrehen lässt, ein handgemachtes Mitbringsel für die Lieben zu Hause findet.

Ein lokales Reisebüro bietet Tagesausflüge zum nur 20 Kilometer entfernten See Tonle Sap mit seinen schwimmenden Dörfern. Oder man leiht sich für zwei US-Dollar am Tag ein Fahrrad, um noch einmal auf eigene Faust in das nur ein paar Kilometer entfernte archäologische Areal zu radeln. Gerne auch zum Sonnenaufgang, wo sich nicht nur zur Tagundnachtgleiche, sondern an jedem Morgen Mönche und Kambodscha-Traveller einfinden, um die aufgehende Sonne über Angkor Wat zu begrüßen.

Zweimal im Jahr geht die Sonne direkt über dem großen Lotusturm von Angkor Wat auf. Foto: iStock



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