Wirecard: Anwälte geschädigter Anleger wollen jetzt Ernst & Young und den Staat verklagen

Von 7. Juli 2020 Aktualisiert: 7. Juli 2020 18:55
Der Zahlungsdienst Wirecard ist nach dem Auffliegen eines Betrugsskandals insolvent. Nun wollen Gläubiger von Ernst & Young als Wirtschaftsprüfer und notfalls auch vom Staat Schadensersatz fordern. Anwälte bereiten zurzeit Sammelklagen für bis zu 10.000 Geschädigte vor.

Auf die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young (EY) könnte infolge der Wirecard-Insolvenz schon bald eine Sammelklage zurollen. Wie der „Focus“ berichtet, wollen die Anwälte Wolfgang Schirp und Marc Liebscher eine Sammelklage von 7.000 bis 10.000 Mandanten anstrengen, die durch das Geschäftsgebaren von Wirecard Schäden in einer Gesamthöhe von 1,5 Milliarden Euro erlitten hätten.

Das „kleine Einmaleins des Wirtschaftsprüfer-Geschäfts“ missachtet?

Von Wirecard selbst ist nichts mehr zu holen. Nachdem im April erste Nachrichten über falsche Konzernabschlüsse, abgeflossene Geldmittel und nicht vorhandene Bankguthaben verdichtet hatten, vollzog sich der Absturz sehr schnell – auch an der Börse. Die Staatsanwaltschaft schaltete sich ein und ließ Räumlichkeiten durchsuchen. EY zog die Notbremse und verweigerte das Testat für die Bilanz des Vorjahres.

Aus Sicht der Anwälte reicht das jedoch nicht aus, um die Prüfer aus der Mitverantwortung für die Entwicklung zu entlassen. Anwalt Schirp geht davon aus, dass EY bereits zu einem früheren Zeitpunkt die Unwägbarkeiten hätte erkennen und durch eine Verweigerung des Testats größeren Schaden verhindern hätte können.

So habe man etwa bei den Jahresabschlüssen zwischen 2016 bis 2018 Treuhandguthaben in Dubai, Singapur und auf den Philippinen in Höhe von mehr als einer Milliarde Euro testiert, ohne darüber Bestätigungen der kontoführenden Banken einzuholen.

Damit habe man das „kleine Einmaleins des Wirtschaftsprüfer-Geschäfts“ missachtet. Den Konzernabschluss 2018 habe man trotz einer deutlich überhöhten Darstellung des Kassenbestandes abgesegnet.

„Gegen konspirativen Betrug machtlos“

Das mittlerweile vorliegende Sondergutachten von KPMG bestätige die Einschätzung, EY habe seine Sorgfaltspflichten als Wirtschaftsprüfer vernachlässigt. So habe KPMG moniert, die Kollegen hätten „Angaben ins Blaue hinein“ bestätigt, die „wesentlich sind für die unrichtige Finanzsituation der Wirecard AG“.

Bei EY weist man die Vorwürfe von sich. Man könne nur Angaben kontrollieren, die das Unternehmen preisgebe. Gegen „konspirativen Betrug“, auf den es mittlerweile belastbare Hinweise gäbe, sei man in seiner Funktion als Prüfer machtlos.

„Es gibt deutliche Hinweise, dass es sich um einen umfassenden Betrug handelt, an dem mehrere Parteien rund um die Welt und in verschiedenen Institutionen mit gezielter Täuschungsabsicht beteiligt waren“, heißt es in einer Stellungnahme.

„Auch mit umfangreich erweiterten Prüfungshandlungen“ sei es in Anbetracht des Aufwandes, der getrieben worden sei, um unsaubere Machenschaften zu verschleiern, „unter Umständen nicht möglich, diese Art von konspirativem Betrug aufzudecken“.

Bei Ernst & Young sieht man sich selbst als Aufdecker

Vielmehr sei man selbst gewesen, heißt es von EY, der gefälschte Saldenbestätigungen und weitere gefälschte Unterlagen für Treuhandkonten im Zuge der Abschlussprüfung für 2019 bemerkt und damit die Grundlage für die Aufdeckung des Betrugs gelegt habe. Gerichte werden nun zu prüfen haben, welche der Einschätzungen zutrifft.

Im äußersten Fall wolle man den Staat selbst zur Rechenschaft ziehen, erklärt Schirp. Bundesfinanzminister Olaf Scholz und Bafin-Chef Felix Hufeld hätten bereits ein Versagen der staatlichen Aufsicht eingeräumt.

Die Ankündigungen von Scholz, man wolle „die Schutzmechanismen […] überprüfen und […] verbessern“, kämen zu spät. Man werde alle Voraussetzungen für eine mögliche Amtshaftungsklage prüfen, vor allem die ausländischen Investoren zeigten sich „fassungslos“ über Versäumnisse des deutschen Staates.

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