Covid-19: Lungenentzündung nur selten Todesursache

Von 23. April 2020 Aktualisiert: 23. April 2020 22:55
Abgesehen von den behandelten Symptomen weiß die Ärzteschaft noch wenig darüber, was das Virus tatsächlich im Körper anrichtet. Erste Auswertungen von Obduktionen geben neue Erkenntnisse zu der Todesursache preis.

Erstmals liegen detaillierte Obduktionsergebnisse von COVID-19-Toten in Deutschland vor. So berichteten verschiedene Medien über die Auswertung des Hamburger Rechtsmediziners Klaus Püschel zu 65 Fällen. Püschel ist am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf tätig. Auch über die Ergebnisse von Alexandar Tzankov wurde berichtet. Tzankov obduzierte und wertete die Daten von 20 COVID-19-Verstorbenen aus. Er ist Leiter des Fachbereichs Autopsie am Uni-Spital in Basel.

Sowohl bei Püschel als auch bei Tzankov wiesen alle Verstorbenen Vorerkrankungen auf. Laut dem Hamburger Rechtsmediziner hätten die Verstorbenen zum Beispiel vorher einen Herzinfarkt erlitten, hätten Bluthochdruck, Arteriosklerose, oder Schäden an anderen Organen, wie Nieren, Leber oder Transplantationsorgane gehabt.

Püschel ging bei seinen Obduktionen auch der Frage nach, ob die 65 verstorbenen COVID-19 Patienten an oder mit SARS-CoV-2 gestorben sind. Als Todesursache wurden bei 61 von 65 Verstorbenen COVID-19 angegeben. „Bei den übrigen vier war die Viruserkrankung nicht ursächlich für den Tod“, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“.

Tzankov: COVID-19 erzeugt schwere Störung der Mikrozirkulation der Lunge

Der Basler Pathologe Tzankov erkannte bei einem Großteil der Patienten ein deutliches Übergewicht. Zudem seien es vorwiegend Männer gewesen und zwei Drittel hätten vorgeschädigte Herzkranzgefäße und ein Drittel Diabetes vorgewiesen.

Bei seinen Untersuchungen ging es, neben der Klärung der Vorerkrankungen, auch um die Untersuchungen der Schäden am Lungengewebe der Verstorbenen.

Er kam zu dem Schluss, dass die wenigsten Patienten eine Lungenentzündung gehabt hätten, sondern eine „schwere Störung der Mikrozirkulation der Lunge“, zitiert ihn die „Süddeutsche Zeitung“.

Das bedeute, dass der Sauerstoffaustausch nicht mehr funktioniere und erkläre die Schwierigkeiten bei der Beatmung von COVID-19-Patienten auf den Intensivstationen, heißt es in dem Bericht. „Man kann dem Patienten so viel Sauerstoff geben, wie man will, der wird dann einfach nicht mehr weiter transportiert“, gibt die Zeitung den Pathologen wieder.

Trotz der Vorerkrankungen wären die Verstorbenen, die er obduzierte, ohne das Virus „wahrscheinlich noch am Leben“, wird Tzankov durch die „Welt“ zitiert.

Ende März erklärte die Uniklinik in Peking nach Erkenntnissen aus 29 Obduktionen, dass das Virus nicht nur die Lunge, sondern auch das Immunsystem und andere Organe angegriffen habe. Dazu äußerte RKI-Vizechef Lars Schaade Anfang April auf einer Pressekonferenz: Offenbar betrifft das Virus auch „sehr viel mehr Organe, als wir den ersten Berichten aus China entnehmen konnten“.

Züricher Pathologen: Virus löst schwere Gefäßentzündungen in verschiedenen Organen aus

Pathologen der Universität Zürich berichteten in der Fachzeitschrift „Lancet“, dass es Hinweise darauf gibt, dass das Virus schwere Gefäßentzündungen in verschiedenen Organen ausgelöst habe. Sie bezogen sich auf Untersuchungen an zwei Verstorbenen und einen Überlebenden. Das Untersuchungsergebnis könnte erklären, warum auch COVID-19-Patienten verstarben, die nicht beatmet werden mussten.

Anfangs war die Position des Robert Koch-Instituts, möglichst wenig Obduktionen durchzuführen. Davon ist das Institut nun abgerückt. Man begründete die damalige Haltung mit einer erhöhten Infektionsgefahr für die Mediziner, mit dem geringen Angebot an Schutzausrüstung und mit einer fehlenden Sinnhaftigkeit der Obduktionen zur Bewertung der Infektionsdynamik. Auch hieß es vonseiten des RKI: „Eine innere Leichenschau, Autopsien oder andere aerosolproduzierende Maßnahmen sollten vermieden werden. Sind diese notwendig, sollten diese auf ein Minimum beschränkt bleiben.“

Pathologen fordern zahlreiche Obduktionen von Verstorbenen

Der Bundesverband Deutscher Pathologen (BDP) und die Deutsche Gesellschaft für Pathologie (DGP) kritisierten in einer Stellungnahme die damalige Haltung des RKI. Sie forderten möglichst zahlreiche Obduktionen von Corona-Verstorbenen, da sich dadurch im besten Fall weitere Therapieoptionen ableiten ließen.

Die Obduktion sei in hohem öffentlichem Interesse. Sie sollte deshalb nicht vermieden, sondern im Gegenteil so häufig wie möglich durchgeführt werden. Schon bei Ausbruch des Marburg-Virus, bei HIV, bei SARS, MERS und BSE haben Befunde aus der Pathologie und Neuropathologie geholfen, die klinischen Krankheitsbilder zu verstehen. Die Befunde hätten dann auch therapeutische Konzepte beeinflusst. Dies müsse auch für COVID-19 gelten, so Prof. Dr. med. K.-F. Bürrig, Präsident des Bundesverbandes.

Anfang April hieß es dann durch den Präsidenten des Robert Koch-Instituts (RKI) Lothar Wieler: „Wir werden nach dieser Krise sehr, sehr viel genauer sagen können, was dieses Virus wirklich initiiert hat und wo die Reaktion des Körpers zum Tode beigetragen hat. Das sind Daten, die wir brauchen. Daher ist es sehr wichtig, dass Obduktionen durchgeführt werden.“

Bürrig: „Keine schnellen Erkenntnisse zu erwarten“

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Für die weitere Erforschung von COVID-19 wurde an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen ein Register für COVID-19-Obduktionen im deutschsprachigen Raum eingerichtet. Obduktionsinformationen sammelt man hier zentral und stellt sie für Spezialuntersuchungen zur Verfügung.

Doch Bürrig macht auch deutlich, dass keine schnellen Erkenntnisse aus dem Register zu erwarten sind. Seiner Meinung nach, wird es ein gutes halbes Jahr dauern, bevor erste Ergebnisse zusammengefasst werden könnten. „Alles andere wäre nicht seriös.“

Dass vieles noch unbekannt ist, wird auch durch die Aussagen des Pathologen Dr. Johannes Friemann deutlich. Er ist Leiter der Pathologie am Klinikum Lüdenscheid. In einem Interview mit der „Welt“ erklärte er, dass es bisher mit Routineverfahren nicht möglich ist, unter dem Mikroskop Corona-spezifische Schädigungen im Gewebe zu identifizieren. Derzeit wäre es noch nicht möglich, mit derselben Sicherheit eine COVID-19-bedingte Lungenentzündung zu diagnostizieren, wie man zum Beispiel eine bestimmte Krebserkrankung erkennen könne.

Allerdings gibt es, zumindest in der Frühphase von COVID-19, „grundsätzliche morphologische Unterschiede zwischen einer durch Viren hervorgerufenen und einer von Bakterien ausgelösten Lungenentzündung“, so Friemann im Interview. Sollte es allerdings gelingen, Gensequenzen des Virus in den Zellen nachzuweisen, „was in Speziallaboratorien prinzipiell bereits jetzt möglich ist“, wäre ein Nachweis möglich.

Pathologe: In Italien und England wurde eine sogenannte Schocklunge beobachtet

In Italien und England hätte man bei COVID-19 eine Entzündung des Rippenfells und des Herzbeutels, aber auch eine sogenannte Schocklunge beobachtet, berichtet Friemann der „Welt“. Der Begriff „Schocklunge“ bezeichnet ein akutes Lungenversagen.

Sie tritt auch außerhalb von Viruserkrankungen auf, erklärt Friemann. Das bedeutet, die Lunge ist gut durchblutet, mit vielen kleinen Gefäßen und diese würden alle undicht. Sie hätten also eine innere Wunde, so der Pathologe. Zudem komme es zu einem Verlust der Funktionstätigkeit der Zellen an der inneren Oberfläche der Lungenbläschen. Damit würde Wasser in die kleinen Lungenbläschen eindringen.

„Wenn wir zusätzlich virustypische Veränderungen der Epithelzellen sehen, weist das auf COVID-19 hin.“ Man hätte also einen entzündlichen Treiber in der Lunge, der die Schocklunge herbeiführen könne.

Friemann: „Rechtes Herz pumpt wie verrückt aber das meiste Blut in der Lunge versackt“

Außerdem könne das Virus zu einer Herzmuskelentzündung führen. Das Herz ist dafür verantwortlich, das Blut durch die Lunge zu pumpen. Allerdings sei eine Schocklunge voller Wasser und die undichten Gefäße würden massenhaft Flüssigkeit verlieren, so der Mediziner weiter.

Nun pumpe das rechte Herz „wie verrückt“ und versuche, in diese Lunge Blut hereinzukriegen. Gleichzeitig würde das linke Herz Blut absaugen und müsse sich wahnsinnig anstrengen, weil das meiste Blut in der Lunge versackt, führt der Chefpathologe weiter aus.

Wenn das nun jemand sei, der schon eine koronare Herzerkrankung (also ein Herz mit Einengung der Herzkranzgefäße) hätte, bestehe ohnehin Sauerstoffmangel im Herzen. Wenn der Patient in so eine Notsituation gerate, dass die Lunge, nicht funktioniere, dann sei das fatal.